Filmkritik

Wir: Jordan Peeles Horror-Comeback

Nach seinem umjubelten Kinoerfolg "Get Out" kehrt Oscarpreisträger Jordan Peele mit einem neuen, heiß erwarteten Horrorfilm zurück und konfrontiert in "Wir" eine Familie mit ihrem bösen Ebenbild – mit mäßig überzeugendem Ergebnis.
Wir
"Wir" möchte das Böse in uns entlarven

Die Vorfreude war natürlich enorm, als Regisseur Jordan Peele ankündigte, einen weiteren Horrorfilm zu drehen. Sein Erstlingswerk Get Out wurde 2017 hymnisch gefeiert und als große Offenbarung im Horror-Genre bezeichnet. Immerhin verstand es Peele, seine Geschichte mit allerhand Rassismus-Kritik zu würzen und einen wichtigen Teil zu dem Kino beizutragen, das sich mit der Lebensrealität der Schwarzen auseinandersetzt. Der Platz neben Regisseuren wie Barry Jenkins (Moonlight, Beale Street) oder auch Spike Lee (Blackkklansman) war Peele somit sicher und einen Oscar für das beste Drehbuch gab es gleich mit obendrauf. Sein Nachfolgewerk Wir (im Original Us) kann somit ohne weiteres als einer der meisterwarteten Filme des Jahres 2019 bezeichnet werden, doch auch wenn Jordan Peele die Hürde des zweiten Films solide meistert, wird er dem Hype im Grunde genommen nur bedingt gerecht.

Fataler Urlaubstrip

Wir funktioniert als Horrorfilm wesentlich besser als der satirische Get Out, hängt im Gesamtbild aber hinterher. Nach dem verheerenden ersten Besuch bei den zwielichtigen Schwiegereltern ist es dieses Mal ein Familienurlaub, der gehörig aus dem Ruder läuft. Mutter, Vater und zwei Kinder fahren gut gelaunt in ein abgelegenes Haus, wo nachts auf einmal eine in rot gekleidete Familie in der Einfahrt steht, die mit Scheren bewaffnet Jagd auf sie macht.

Szene aus "Wir"
Die Doppelgänger im Hinterhof

Der Clou: Die Eindringlinge sind die Doppelgänger der Opfer. Doch Jordan Peele wäre nicht Jordan Peele, wenn er seine Geschichte mit allerhand Rätseln spicken würde. So schickt er seiner Geschichte einen ausführlichen Prolog in einem gruseligen Spiegelkabinett eines Freizeitparks voran, dessen wahre Bedeutung sich erst später offenbart.

Wir braucht nicht lange, um die Spannung hochzuschrauben und ist in seiner ersten Hälfte tatsächlich äußerst unheimlich geraten, weil man absolut keine Ahnung hat, worum es hier eigentlich gehen soll, was nun weiß Gott eine Ausnahme im modernen Horrorkino darstellt. Peele greift dabei zwar auf altbekannte Tricks wie die stetig vor sich hin grummelnde Tonspur zurück, aber warum sollte man es ihm verübeln, wenn es doch so gut funktioniert? Dieses Unbehagen weicht jedoch im Verlauf des überdurchschnittlich langen Horrorfilms immer mehr der Ernüchterung. 

Lose Versatzstücke

Der gesamte Mittelteil von Wir ist klassisches Home Invasion-Kino, wie man es in Filmen wie The Strangers, The Purge oder auch Michael Hanekes Klassiker Funny Games schon allzu oft gesehen hat. Wenn sich die Familie gegen ihre Doppelgänger zur Wehr setzt, ist das routiniert in Szene gesetzt und geizt nicht mit ordentlichen Gewaltspitzen, wirkt in vielen Momenten nach dem frisch wirkenden Get Out aber fast erschreckend konventionell.

Szene aus "Wir"
Im Keller wartet eine Überraschung

Wie gut, dass wenigstens der Cast alles gibt, allen voran die beiden Frauen Lupita Nyong`o und The Handmaids Tale - Star Elisabeth Moss. Wenn Nyong`o mit krächzender Flüsterstimme ihr diabolisch grinsendes Ebenbild spielt, können sich einem tatsächlich die Nackenhaare aufstellen. Bloß schade, dass sich Jordan Peele bei der Inszenierung seines Schreckens immer mehr auf einzelne Versatzstücke verlässt, ohne dass dabei ein inhaltlich stimmiges Gesamtbild entsteht.

Da gibt es ordentliche Anleihen an das klassische Slasherkino der 70er und 80er Jahre, in anderen Momenten fühlt man sich an Zombiefilme erinnert, sogar der asiatische J-Horror wird hier zitiert, wenn die Eindringlinge mit grotesken Körperverrenkungen auf ihre Opfer zuwackeln. Letztendlich gibt es aber viel zu wenige Momente, in denen Peele wirkliches Können bei der Inszenierung seiner Schocks beweist, in denen er die Kamera bewusst einzusetzen weiß, wie es ihm noch in einer starken Autosequenz im Mittelteil gelingt. Das Todesurteil für die Spannung ist dann jedoch der aufgesetzte Humor. Hier ein cooler Oneliner, da wird ein Gegner slapstickartig niedergeschlagen. Seitenhiebe gegen den "white shit" klassischer Horrorfilme werden ausgeteilt, während der Schwarze in Peeles Film zum Baseballschläger greift, um sich in den Kampf zu stürzen. Das dürfte bei Teilen des Publikums für Lacher sorgen, die Stimmung wird damit jedoch fortwährend ruiniert.

Offene Fragen

Wenn per Texttafel zu Beginn von endlos langen Tunneln unter den USA die Rede ist, deren Bewandnis niemand kennt, ist natürlich schnell durchschaut, auf welchen Schauplatz der Film zusteuert. Das Geheimnis, das Wir im letzten Akt enthüllt, ist jedoch so vage gehalten, so befreit von innerfilmischen Regeln, dass man nicht wirklich zu greifen vermag, was einem dieser Film so genau erzählen wollte und warum er ganze zwei Stunden dafür braucht.

Szene aus "Wir"
Auch die Kinder sind nicht sicher

Wie schon Get Out scheitert Wir daran, alle Fäden zu einem zufriedenstellenden Ganzen zusammenzuführen und auch dem Finale noch die nötige Schlagkraft zu verleihen.

Toll, wenn ein Horrorfilm sein Publikum zum Nachdenken anregt und nicht alles enträtselt, aber Wir endet auf einem abstrusen Twist, der von der inhaltlichen Tragweite des Vorgängerfilms weit entfernt ist. Jordan Peele zeigt sich hier als ein Regisseur, der es zweifellos versteht, ein starkes Grundgerüst zu konstruieren, aber das Horrorgenre doch bei weitem nicht so gut zu beherrschen weiß wie einige seiner Kolleginnen und Kollegen. Peele traut sich dieses Mal inhaltlich fast nichts, lässt sich zu keinem Statement hinreißen, sondern überlässt alles der Interpretation seines Publikums und begnügt sich mit dem plumpen Satz "Wir sind Amerikaner", den die bösen Doppelgänger bedeutungsschwanger statuieren. Wir wirkt wie eines der rätselhaften weißen Kaninchen, die immer wieder durchs Bild hoppeln: ein Versuchsobjekt, mit dem man nicht wirklich etwas anzufangen weiß.

Fazit

Wir fühlt sich mit seiner Prämisse zunächst erfrischend an und bietet genug Diskussionsstoff. Allein deshalb ist er wohl im Jahr 2019 für sein Horrorpublikum als "sehenswert" zu bezeichnen. Nach der starken ersten Hälfte enttäuscht Jordan Peeles zweiter Kinofilm jedoch mit fehlender Spannung und einer ebenso abstrusen wie plumpen Auflösung.

 

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WIR

Regie und Drehbuch: Jordan Peele

Kinostart: 21. März 2019

FSK 16

Laufzeit: 120 Minuten

Cast: Lupita Nyong`o, Winston Duke, Elisabeth Moss, Anna Diop und andere