Filmkritik

Werk ohne Autor: XXL-Geschichtsstunde

Für "Das Leben der Anderen" wurde er bereits mit dem Oscar ausgezeichnet. Nun meldet sich Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck mit dem Historienepos "Werk ohne Autor" zurück.
Szene aus "Werk ohne Autor"
Tom Schilling schafft das Werk ohne Autor

Die Fallhöhe war hoch für Florian Henckel von Donnersmarck. Nach dem überragenden Erfolg des Stasi-Dramas Das Leben der Anderen folgte mit The Tourist im Jahr 2010 zunächst ein Rückschlag. Der Hollywood-Thriller fiel bei Presse und Publikum gleichermaßen durch. So stellte sich nun bei Werk ohne Autor die Frage, ob der deutsche Regisseur komplett in der Versenkung verschwinden oder ein großes Comeback abliefern würde. Letzteres ist glücklicherweise der Fall, denn Werk ohne Autor ist eine Geschichtsstunde, der man gern zuhört.

Drei Epochen in einem Film

Schon in seiner Kindheit wird der kleine Kurt Barnert (Cai Cohrs) von seiner Tante Elisabeth (Saskia Rosendahl) an die Kunst herangeführt. Unter der Nazi-Herrschaft folgt für Kurt jedoch ein schmerzvoller Einschnitt in seinem Leben. Seine Tante wird mit einer Schizophrenie-Diagnose in eine Anstalt eingewiesen und von dem Arzt Carl Seeband (Sebastian Koch) in

Szene aus "Werk ohne Autor"
Kurt begegnet früh der Kunst

die Gaskammer geschickt. Jahre später verdient Kurt, der jetzt von Tom Schilling gespielt wird, sein Geld als Maler in der DDR. Doch politisch motivierte Auftragsarbeiten sind für den jungen Mann nichts. Tom strebt nach einer freien Auslebung seiner Kreativität. Auf seinem Weg zum Künstler wird er erneut auf den Mann treffen, der Unheil über seine Familie gebracht hat.

Werk ohne Autor strebt nach dem Großen. Das schlägt sich allein in der enormen Laufzeit nieder. Fast 190 Minuten ist Florian Henckel von Donnersmarcks neuer Film lang. Die Geschichte erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und drei Epochen deutscher Geschichte. Das hätte ordentlich nach hinten losgehen können, ist in seinem Ergebnis jedoch überraschend kurzweilig ausgefallen. Die psychologische Tiefe von Das Leben der Anderen erreicht von Donnersmarck in seinem neuen Werk nie. Werk ohne Autor ist als Historienfilm mehr Popcornkino als Arthousedrama. Der Film dürfte so für weite Teile des Publikums zugänglicher wirken als das herausfordernde, aber auch bessere Erstlingswerk des Regisseurs. Inhaltlich orientiert sich der Film an der Lebensgeschichte des realen Künstlers Gerhard Richter. Der Ansatz, sich der deutschen Geschichte über die Kunst und deren Wandel im Laufe der Zeit zu nähern, ist äußerst gekonnt und erfrischend umgesetzt, auch wenn er sich erst später richtig entfalten kann.

Erzählung auf Umwegen

Die erste Hälfte, welche die Zeit des Zweiten Weltkriegs abdeckt, fällt im Vergleich zum restlichen Film etwas ab. Werk ohne Autor ist zwar opulent ausgestattet, hebt sich aber sowohl ästhetisch als auch erzählerisch in diesem Teil der Erzählung wenig von einem Fernsehfilm ab. Zudem entscheidet sich von Donnersmarck in der emotionalen Kernszene für eine Montagesequenz, die sich als fataler Fehler entpuppt. Hier wird die Bombardierung von Dresden mit dem Tod mehrerer

Szene aus "Werk ohne Autor"
Oliver Masucci als Beuys-Verschnitt

Familienmitglieder zusammengeschnitten. Das geballte Unheil auf einem Haufen lässt aber jegliche Dramatik verpuffen und wird der Tragweite dieser Ereignisse wenig gerecht. Auch im letzten Drittel wird ein zentraler Handlungsstrang erschreckend antiklimaktisch abgeschnitten. Diese teilweise enttäuschenden Konfliktlösungen fallen definitiv aus der Reihe, denn ansonsten ist Werk ohne Autor ein Film der großen Gefühle. Er ist ein Film, der Mut zum Exzess bei seiner Erzählung beweist und in dem das Publikum auch mal mit etwas Pathos belohnt wird. In dessen Szenen sorgt der Score von Max Richter wieder einmal für einige herausragende musikalische Gänsehautmomente.

Werk ohne Autor ist ein großartiger Ensemblefilm, auch wenn man von einigen Beteiligten wie zum Beispiel Paula Beer als Kurts Geliebte gern noch etwas mehr gesehen hätte. Von Donnersmarck versucht dabei gar nicht erst, alle wichtigen historischen Ereignisse in dieser enormen Zeitspanne abzudecken, sondern lässt sie, wenn überhaupt, nur im Hintergrund geschehen. Gut so! Immerhin können so das Künstlerportrait und der teils verstörende Familienkonflikt ihre ganze Kraft entfalten. Hier siegen am Ende nicht ausschweifende Worte oder Gewalt. Es ist ein Gespür für die Macht der Kunst, mit dem einen Florian Henckel von Donnersmarck nach über 3 Stunden wieder in den Alltag entlässt.

Fazit

Ein würdiger deutscher Oscar-Kandidat! Werk ohne Autor ist nicht makellos erzählt, aber ist gewaltiges Historienkino und mitreißende Künstlergeschichte zugleich.

 

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Werk ohne Autor

Regie: Florian Henckel von Donnersmarck

FSK 12

Laufzeit: 188 Minuten

Kinostart: 02.10.2018

Cast: Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Oliver Masucci, Ina Weisse, Saskia Rosendahl und andere 

"Werk ohne Autor" ist der deutsche Oscar-Beitrag für die Kategorie "bester fremdsprachiger Film".