Weltnichtrauchertag

Rauchen zunehmend unbeliebter

Jährlich sterben 121.000 Menschen in Deutschland an den Folgen des Rauchens. Doch immer weniger greifen zur Zigarette. Wir haben mit dem Suchtberater Matthias Rost gesprochen, warum das so ist.
Zigarette
Rauchen ist bei vielen nicht mehr cool – meint Suchtberater Matthias Rost.

Jeder vierte erwachsene Deutsche raucht, der Trend geht zu weniger. Doch immer noch 13 Prozent der Todesfälle gehen auf das Rauchen als Ursache zurück, wie die Stiftung Deutsche Krebshilfe mitteilt. Um weiter Menschen zum Verzicht auf das Rauchen zu animieren, führte die Weltgesundheitsorganisation bereits in den 90ern den Weltnichtrauchertag ein. Aus diesem Anlass sprachen wir mit Matthias Rost vom Leipziger Projekt Drahtseil über die aktuelle Entwicklung und die soziale Bedeutung des Rauchens.

mephisto 97.6: Bei den Jugendlichen liegt die Zahl der Raucher momentan bei einem Tiefstand. Woher kommt diese Entwicklung?

Matthias Rost: Das ist insgesamt ein Trend, dass Rauchen nicht mehr cool ist. Man hat ja sehr viel in der Prävention gemacht, auch auf Bundes- und europäischer Ebene. Dass Rauchen ein schlechtes Image bekommt. Das hat mehr gefruchtet als alle Abschreckungsmaßnahmen à la „Was macht rauchen?“, „Raucher müssen draußen bleiben“ oder „Raucher sind krank“. Rauchen in Filmen ist stark zurückgegangen, also die ganzen Vorbildrollen sind weggefallen. Von daher ist Rauchen momentan nicht das Thema, womit sie sich profilieren können.

Nun kann man beobachten, dass Rauchen verbindet und zur Gruppenbildung beitragen kann. Inwieweit kann man sagen, dass Rauchen Geselligkeit fördert?

Natürlich fördert Rauchen Geselligkeit. Das ist so ein Eisbrecher, dass ich erstmal in Kontakt komme. Das lässt natürlich nach: Wenn es weniger Raucher gibt, kommen auch weniger in Kontakt. Dann kennen sich die Nichtraucher eher. Aber natürlich hat das  ähnlich wie Alkohol eine große soziale Funktion. Es kann ein guter Einstieg sein, um Leute kennenzulernen. Aber mittlerweile geht das auch ganz gut ohne.

Nikotin wird gerne mal unterschätzt, aber ist im Endeffekt eine Droge. Allerdings sind Nikotin und Alkohol in der Gesellschaft verankert. Inwieweit verharmlost das den Konsum?

Das ist immer diese große Diskussion. Und auch: Ändert dieser Legalitätsstatus das Konsummuster? Was man sagen muss, die legalen Drogen werden wesentlich mehr konsumiert als die illegalen Drogen. Es ist durchaus ein Punkt, dass man die als nicht so gefährlich wahrnimmt. Wobei man sagen muss, am Rauchen sterben immer noch die meisten Leute. Wir liegen aktuell bei etwa 300 Menschen täglich in Deutschland, die am Rauchen sterben. Das schafft keine illegale Droge. Und von daher, wenn wir über das Thema Drogen und Drogenprävention reden, denken die meisten erstmal an illegale Drogen. Die legalen Drogen wie Nikotin sind bei vielen erstmal nicht auf dem Schirm und mit dem Thema Droge oft gar nicht assoziiert. Aber die Einteilung legal-illegal ist nicht nach Gefährlichkeit geschehen – und das wird immer ganz gerne vergessen.

Rauchen geht zwar zurück. Aber es gibt eben doch Situationen, in denen sich Nichtraucher von Rauchern ausgeschlossen fühlen – oder?

Ich denke, beim Alkohol ist es eher, dass man sich in manchen Situationen rechtfertigen muss, warum man nicht trinkt. Silvester wird keiner komisch angeguckt, wenn er ein Bier oder ein Sekt trinkt. Beim Rauchen ist das nicht so. Da ist das, denke ich, akzeptierter nicht zu rauchen. Weil es den meisten Rauchern da bewusst ist, dass es nicht wirklich gesund ist. Und weil man da nicht sagen kann, dass Nikotin die Geselligkeit wie Alkohol fördert, es enthemmt nicht so stark. Das Nikotin an Bedeutung verliert, liegt auch an den E-Zigaretten, wo sich die Szene aufteilt in Raucher und Dampfer. Die mögen sich auch nicht unbedingt alle.

Warum haben sich Nikotin und Alkohol überhaupt so in der Gesellschaft etabliert?

Alkohol hat eine ganz lange Tradition. Die alten Germanen hatten ihren Met. Das haben die Europäer schon sehr lange gelernt und haben viele Traditionen. Bei Nikotin war das nicht ganz so. Es gab 1663 eine Todesstrafe auf Nikotinkonsum. Das haben wir heute nicht mehr, aber trotzdem hat Nikotin einen langen Weg gehabt. Rauchen war in Zeiten der Aufklärung eher ein Verhalten der Intelligenz. Lange Zeit des Rauchens waren die Gefahren nicht so bekannt. In den 50er, 60er Jahren war es fast als Gesundheitsmittel angepriesen. Beim Alkohol wusste man hingegen schon lange, dass es Probleme verursachen kann. Aber da haben die meisten Europäer gelernt, damit umzugehen. Bei Nikotin war es ein Auf und Ab, mal mehr, mal weniger anerkannt. In den großen Krisenzeiten war es ein Mittel, um runterzukommen, sich mal zu entspannen. Es hat seine Position gefunden, eben mit einem sehr langen Weg.

 

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