Filmkritik

Vox Lux: Kunst nach dem Terror

In seinem zweiten Spielfilm holt Regisseur Brady Corbet zum Rundumschlag gegen das Showgeschäft aus und hetzt Natalie Portman als gescheiterte Pop-Diva durch eine Tour de Force auf dem Weg zu ihrem nächsten Oscar.
Vox Lux
Traumata unter der glitzernden Fassade

"Mein Name ist Cullen Active.", sagt der junge Mann in Schwarz, bevor er seiner Lehrerin vor versammelter Klasse in den Schädel schießt. Regisseur Brady Corbet wiegt sein Publikum zunächst in trügerischer Sicherheit. Da rahmt Schauspieler Willem Dafoe als Erzähler aus dem Off die Geschichte wie ein Märchen, die Schülerinnen und Schüler finden sich nach den Ferien gut gelaunt in der Schule wieder ein, bis der Junge ein Blutbad anrichtet. Es ist das Jahr 1999, also das gleiche Jahr in dem der berüchtigte Amoklauf an der Columbine High School in Colorado durch zwei Schüler stattfand, das Brady Corbet hier so verstörend und eindringlich spiegelt.

Ein junges Mädchen namens Celeste überlebt den Anschlag schwer verletzt. Auf einer Gedenkfeier singt sie einen Song, den sie gemeinsam mit ihrer Schwester geschrieben hat, der sie nun zu einer Berühmtheit machen wird. Mit dem Aufstieg zur Pop-Ikone naht auch der Fall. Es ist ein Genremix, ein ständiger Gefühlswechsel, den man erst einmal verkraften muss! Da steigt man ein in ein Märchen, wird an den blutverschmierten Leichenhaufen in dem Klassenzimmer gestoßen, erlebt dann ein gefühlvolles Jugendportrait, bis Brady Corbet zur großen Satire ausholt. Inszenatorisch, technisch, was die Kamera, die sorgfältig gewählten, unterkühlten Bilder, den Schnitt angeht, ist Vox Lux über alle Maßen erhaben und doch zieht man sich selbst immer weiter aus dem abstrusen Geschehen zurück.

Ein Teufelspakt

In drei Akte hat Corbet seinen zweiten Kinofilm geteilt. Genesis. Regenesis. Finale. Nach seinem Erstlingswerk The Childhood of a Leader, in dem er den Aufstieg eines Diktators untersuchte, zeigt er in Vox Lux erneut die Geburt eines Monsters, auch wenn dieses Monster am Ende nur Opfer seiner äußeren Umstände ist und an ihnen zu Grunde geht. Der Terrorismus ist allgegenwärtig in Celestes Geschichte. Die Erzählung wird einige Zeit nach dem Schulattentat auch das Thema 9/11 kreuzen, später erschießen Terroristen an einem Strand willkürlich Menschen, während sie Masken tragen, die von einem Musikvideo der Protagonistin inspiriert sind.

Vox Lux
Celeste erlebt einen steilen Aufstieg

Vox Lux ist eine schwer verdauliche, eine provozierende Auseinandersetzung mit der Kunst, die nach dem Terror kommt. Die dabei hilft, die inneren Wunden zu versorgen und die Traumata zu heilen und die zugleich aus dem Unglück der Opfer Profit schlägt. So ist Celeste jene junge Frau, die unfreiwillig ihre Seele verkauft und mit dem plötzlichen steilen Karriereaufstieg in ein Haifischbecken geworfen wird, das unweigerlich zur Selbstvernichtung führt.

Die Privatperson muss sterben, damit die Kunstfigur leben kann. Sie muss, so der Film, offenbar immer zur Verfügung stehen, so sehr sich diese Pop-Diva auch dagegen zu wehren versucht. Terror, das verlangt immer nach einem Dritten, nach einem Adressaten und einer Öffentlichkeit. Ähnlich verhält es sich mit der Kunst. Vox Lux exerziert diesen Einklang auf unbequeme, mitreißende Art und Weise. Der Teufel, an den Celeste hier ihre Seele verkauft, das ist die Öffentlichkeit. Die Traumabewältigung darf hier nicht im Privaten stattfinden, sie wird nach außen gezerrt, damit alle von ihr profitieren können. Die Künstlerin wird zur Projektionsfläche. Kunst nach dem Terror, Terror nach der Kunst und wahrscheinlich alles zugleich, das sich vielleicht sogar gegenseitig bedingt?

Die Königin ist zurück

Vox Lux ist beeindruckendes Schauspielkino. Raffey Cassidy spielt Celeste in jungen Jahren, in der zweiten Filmhälte spielt sie deren Tochter. Dieser künstlerische Schachzug sorgt zwar anfangs für Verwunderung, doch ist er genau notwendig, um der älteren gepeinigten Seele schließlich ihr jüngeres Ebenbild gegenüberzustellen, das nun verzweifelt vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt werden soll.

Vox Lux
Die Schattenseite des Ruhms

Natalie Portman übernimmt in Akt 2 die Hauptrolle und bringt die Leinwand zum Leuchten. Sie ist es wahrhaftig, eine Schauspielgröße sondergleichen und vermutlich die derzeit stärkste Darstellerin ihrer Generation. Sie, die Tänzerin, die Getriebene, die Königin, die Superheldin, die First Lady. Die Verführerische, die Sanfte, die Trauernde, die Besessene und die Exzentrikerin und in diesem Film alles zugleich.

Portman als Popdiva ist eine Wucht in diesem Kinojahr, eine Oscarnominierung 2020 dürfte hier Pflicht sein. Und doch kann sie noch so groß aufspielen, Vox Lux lässt einen irgendwann erschreckend kalt. Was als spannende Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Katastrophe und Kunst beginnt, entwickelt sich in der zweiten Hälfte zum Wiederkäuen ermüdender Klischees. Da wird einmal mehr das Showbusinnes in seine zermürbenden Einzelteile zerlegt. Dann darf Jude Law als zwielichtiger Manager den Selbstzerstörungstrip der Hauptfigur noch vorantreiben, werden Drogenexzesse ausgepackt, wird gestritten, wird in der Garderobe ausrastend zusammengebrochen, muss die unsensible Presse einmal mehr als Sündenbock herhalten. Ja, es muss schlimm sein bei den Stars und Sternchen da oben. Da kann es keinen Ruhm ohne persönlichen Absturz, ohne Teufelspakt und Leichen geben.

Tod einer Legende?

Man könnte fast meinen, man würde noch einmal in dem 2019, wenige Monate vorher erschienenen Elton John - Biopic Rocketman sitzen und sich die ewig gleichen Litaneien über die Schattenseiten des Glamourlebens anhören müssen. Zum Glück reicht das Maß an Zynismus und der Spaß an der Übertreibung aus, dass Corbets Film nicht in sich zusammenfällt. Spätestens im Finale hält man wieder die Luft an, wenn Natalie Portman in grotesker Kostümierung, die Haare zu Silber erstarrt, die Bühne betritt und die von der Sängerin SIA für den Film eigens geschriebenen Songs performt, auch wenn die Erzählung wenig später ihr abruptes und unbefriedigendes Ende findet. Frustrierend durch und durch und dennoch ist auch diese Unterwanderung der Erwartung eines großen Knalls wieder einer jener bösen Schachzüge des Regisseurs. Ja, Celeste ist die bereits erwähnte Projektionsfläche. Sie wird zu einer Märtyrerin für ihre Fans, zerbricht an ihrem Umfeld und wird unter Tonnen von Make Up und Glitzer ständig wiedergeboren. Wahrscheinlich kann diese Frau gar nicht sterben.

Fazit

Vox Lux ist ein überwältigend gespieltes, mutig inszeniertes Künstlerinnenportrait, das sich mit fortschreitender Laufzeit leider zu sehr in Altbekanntem über das böse Showgeschäft verliert. Den Untertitel "A 21st Century Portrait" hätte sich Brady Corbet sparen können.

 

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VOX LUX

Regie und Drehbuch: Brady Corbet

Kinostart: 25. Juli 2019

FSK 12

Laufzeit: 114 Minuten

Cast: Natalie Portman, Raffey Cassidy, Jude Law, Stacy Martin, Willem Dafoe und weitere