Theaterrezension

Von Tapeten und Feminismus

"Die Gelbe Tapete", die so hässlich ist, dass sie einen in den Wahnsinn treiben könnte. Das klingt sehr irritierend. Wenn es dann auch noch um versuchte Emanzipation geht, scheint die Verwirrung perfekt. Schauspielerisch ist sie dennoch gut.
Szene aus "Die Gelbe Tapete"
Szene aus "Die Gelbe Tapete"

Eine Tapete ist erst mal eine reichlich langweilige Angelegenheit. Wenn man umzieht oder renoviert beschäftigt man sich eventuell damit, ansonsten ist sie halt da. Die hier namensgebende gelbe Tapete ist in dem Zimmer angebracht, in dem die Protagonistin schläft. Sie ist hässlich; in wechselnden Farbtönen zwischen Schwefelgelb und seltsamen Orange. Sie hat keinen guten Einfluss auf die Darstellerin, eine Schriftstellerin.

Das Stück spielt in einer Villa, Ende des 19. Jahrhunderts. Die Protagonistin hat nach der Geburt ihrer Babys Depressionen entwickelt. Ihr Mann, ein Arzt, hat ihr daher zur Genesung Ruhe und Sport empfohlen und das Schreiben verboten. Sie philosophiert nun über sich, ihren Mann und die hässliche Tapete, während sie viel Zeit in ihrem Schlafzimmer verbringt.

Allein zu zweit

"Die Gelbe Tapete" ist ein Einpersonenstück. Aber auf der Bühne war neben der Darstellerin das ganze Stück über noch eine Musikerin, die E-Gitarre spielte und den Overheadprojektor bediente. Auf diesem wurde im Laufe des Stückes auch geschrieben, nämlich "Reproduktion von Strukturen".

Diese Reproduktion findet sich sowohl in den diffusen, strukturlosen Verästelungen der Tapete, die sich mit jeder Bahn wiederholen. Und auch darin, dass die Erzählerin immer auf ihren Mann hören muss, den sie selber mit verzerrter Stimme spricht. Sie lässt ihn klingen wie einen unangenehmen, dominanten, manipulativen Charakter. Dagegen, dass im 19. Jahrhundert viele Frauen vollständig auf ihren Mann hören müssen und auch gegen das durch ihren Ehemann verhängte Schreibverbot, scheint die Protagonistin aufzubegehren.

Gefangene Frauen

Durch dieses Aufbegehren der Protagonistin, aber besonders dadurch, dass sie irgendwann hinter den Tapeten eine oder mehrere gefangene Frauen sieht, wird der Feminismus und die versuchte Emanzipation, die das Stück durchziehen, sehr deutlich. Denn die Autorin Charlotte Perkins Gilmann, auf deren Erzählung das Stück basiert, war Frauenrechtlerin. Und Stück und Erzählung haben autobiografische Züge.

Fazit

Schauspielerisch wurden die Verzweiflung und der zunehmende Wahn der Protagonistin sehr gut vermittelt. Besonders beeindruckend war auch, dass sie eine Stunde allein gespielt hat. Dennoch drehte sich die Erzählung zwischendurch im Kreis, wenn immer wieder vom Tapetenmuster, den gefangenen Frauen und ihrem Mann geredet wurde.

Die Emanzipation und Befreiung der Frau wurde deutlich. Nachdem diese Botschaft allerdings übermittelt war, wurde auch sie öfter wiederholt.

 

Die Rezension zum Nachhören:

Moderator Janek Alva Kronsteiner im Gespräch mit Redakteurin Svenja Tschirner

Moderation: Janek Alva Kronsteiner

Rezension zu "Gelbe Tapete"

 

 

Kommentieren

"Die Gelbe Tapete"

Premiere: 20. Januar 2019

Spielort: Ost-Passage Theater

Regie: Jakob Altmayer & Benjamin Viziotis

Darstellende: Sonia Glade

Musik: Fiona Lehmann

 
Aufführungstermine:
 02.02.19 20:00 Uhr    
   
15.02.19 20:00 Uhr