Theaterrezension

Figaros VR-Brille

In den weichen Sesseln zu versinken, das gehört irgendwie zu einem Opernbesuch dazu. Was, wenn diese durch Hocker ersetzt werden und die Bühne und die Darstellenden plötzlich um einen herum sind? Genau so ist es bei "360° Figaro" in der Oper Leipzig.
Szene aus dem Film von 360° Figaro
Szene aus dem Film von 360° Figaro

Die Gräfin Rosina verkleidet zusammen mit ihrer Zofe Susanne den Knaben Cherubino. Der hat der Gräfin nämlich etwas den Kopf verdreht, und soll deswegen vor ihrem eifersüchtigen Mann in Sicherheit gebracht werden. Der Graf kommt dann aber zu diesem Versteckspiel hinzu und es gibt Chaos und Verwirrung. Schließlich rettet die Zofe Susanne die ganze Situation. Dieser 25-minütige Ausschnitt stammt aus dem zweiten Akt von Mozarts Oper "Figaros Hochzeit". Das besondere daran ist, dass die Vorstellung mit einer 360 Grad Kamera gefilmt wurde.

Mitten auf der Bühne

Die Kamera steht im Mittelpunkt, darum wird gesungen und intrigiert. Das Ergebnis ist dann mit einer VR-Brille zu sehen. Es ist also keine Live-Oper, sondern ein Film, der ohne Schnitt läuft. Durch die mittige Kameraposition ist das Publikum den Sängerinnen und Sängern plötzlich ganz nah. Das Ganze ist ein Experiment der Oper Leipzig, das es so vorher noch nicht gab. Die gezeigte Szene funktioniert auch ohne den Rest der Handlung. Wahrscheinlich auch, weil sie direkt für dieses 360 Grad-Projekt inszeniert wurde. Zum Beispiel haben die Darstellenden zwischendurch direkt in die Kamera gesungen, alle von einem anderen Punkt aus. Sie konnten dadurch natürlich auch viel mehr Mimik nutzen und brauchten keine großen Gesten, wie sonst auf der Bühne. Auch das Bühnenbild war relativ spartanisch gehalten. Es besteht aus gleitenden Wänden mit eingebauten Türen, die die Raumaufteilung immer wieder verändern.

Stillsitzen-geht nicht

Dadurch, dass die Kamera in der Mitte der Bühne steht, muss sich ständig umdreht und hin und her bewegt werden. Sich daran zu gewöhnen kann eine gewisse Zeit dauern. Dadurch, und weil zwischendurch alle handelnden Personen irgendwo um die Kamera herum verteilt stehen, kann nicht alles gesehen werden. Das ist relativ Schade, weil dann nicht alle Handlungsteile gesehen und gehört werden können.

Mehr 360°?

Weitere Projekte wünscht sich unter anderem der Regisseur dieser Kurzoper, Jan Schmidt-Garre. Diese Figaro-Inszenierung war erst einmal das Pilotprojekt. Es wird zum Beispiel überlegt, mit solchen Kurzfilmen an Schulen zu gehen, um Kinder für die Oper zu begeistern. Ab Anfang des nächsten Jahres will die Oper drei der VR-Brillen kaufen. Die sollen dann auch für Führungen und Ähnliches genutzt werden. Vielleicht soll der Film in Zusammenarbeit mit Arthouse auch eingekürzt werden, damit sich das Publikum ihn auch in Vorstellungs-Pausen angucken kann.

Fazit

Alles in allem ist es Schade, dass nicht alles von der Inszenierung gesehen werden kann. Dennoch ist es etwas ganz Anderes als das, was sonst in der Oper so zu sehen ist. Es ist besonders interessant, weil das Publikum den Darstellenden so scheinbar nahe kommen kann. Es ist also definitv eine interessante neue Technik und ein spannender Ansatz, Opern zu zeigen.

 Die Theaterrezension zum Nachhören:

360° Figaro- ein Gespräch von Thomas Tasler und Svenja Tschirner

Moderation: Thomas Tasler

Besprechung der Oper 360° Figaro
 

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