Theaterrezension

2 Stücke zum Preis von einem!

„Kennen sie Karl? Nein? Sollten sie aber!“, so das Neue Schauspiel. Vom Premierenabend zu „Heile Welt“ - ein Abend zwischen Komik, Gewalt und Absurdität.
"Auf hoher See"
"Auf hoher See"

Das „Neue Schauspiel“ in Leipzig ist ein besonderes Schauspielhaus. Das in einer früheren Druckerei gelegene Theater ist klein aber fein, ein Ort zum Wohlfühlen. Und auch schauspielerisch wird einiges geboten. So zum Beispiel letzten Freitag zur Premiere von „Heile Welt“. „Heile Welt“, das sind zwei Einakter von Slawomir Mrozek zum Preis vom einem, wie das Theater sich selbst ankündigt. Mrozek war ein polnischer Schriftsteller und Dramatiker und gilt als Meister des absurden Theaters.

Zwischen Müll und Moral

Im absurden Theater werden durch Parabeln die Welt und die menschliche Existenz als sinnentleert entlarvt. Dies zeigt sich auch in den beiden Stücken des "Neuen Schauspiels" und absurd wird’s bei „Heile Welt“ tatsächlich öfter. Zum Beispiel im ersten Stück „Auf hoher See“. Der Einakter hat eine klare Ausgangssituation: Drei Männer treiben zusammen auf einem Floß, mitten im Meer. Das Problem ist nur, den Herren ist das Essen ausgegangen. Um das eigene Überleben zu sichern, soll nun einer der Drei gegessen werden. Der Weg zum Essen führt dabei über emotional anrührende Reden, Wahlkämpfe, mehr oder weniger faire Abstimmungen und geschickt eingefädelte Manipulationen - alles unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit. Die Protagonisten appellieren an Werte wie Moral und Kameradschaftlichkeit, doch letztendlich geht es nur um eins: seine eigene Haut retten und überleben.

Slawomir Mrozek schrieb „Auf hoher See“ bereits 1961, dennoch ist das Stück zeitlos. Das Meer als Spielort verleiht dem Stück Distanz und dem Publikum wird ausreichend Interpretationsfreiraum gegeben. Dennoch gibt es in der Version von Regisseur Markus Czygan auch aktuelle Bezüge. So ist etwa das Meer in der Version des „Neuen Schauspiels“ komplett zugemüllt und das Floß badet wortwörtlich in einem Meer aus Plastik. Es werden also auch moderne Themen wie Umweltverschmutzung sowie Klimawandel angerissen und somit das Stück der heutigen Zeit angepasst.

"Karol"
"Karol"

Kennen Sie Karl?

Auch der zweite Einakter „Karol“ ist von Mrozek aus dem Jahr 1961. Das Stück zeigt in satirisch-grotesker Weise, was mit einem humanistisch ausgebildeten Menschen passieren kann, wenn ebendieser brutaler Gewalt ausgesetzt ist. Dargestellt wird dies durch die Geschichte eines Augenarztes und seinen zwei ganz besonderen Kunden, einem älteren Herren samt Enkelsohn. Mit Auftreten der beiden Besucher beginnt das Grauen, denn die beiden entpuppen sich alsbald als sadistische Folterer. Sie sind auf der Jagd nach einem gewissen Karl. Wer genau das ist? Keine Ahnung, denn auch Großvater und Enkel wissen nicht wirklich viel über ihr Opfer. Trotzdem sind sie vollkommen überzeugt, ihn im richtigen Moment schon zu erkennen und drängen darauf ihn zu töten. Mit Verlauf des Stückes spitzt sich die Brutalität und Gewaltbereitschaft dann immer mehr zu und der Arzt gerät in Bedrängnis.

Der Düsterheit der Themen zum Trotz, sind beide Stücke alles andere als ernst. Die Absurdität ist so groß, dass man gar nicht anders kann, als zu lachen. Hinzukommt, dass das vierköpfige Ensemble des Neuen Schauspiels es immer wieder schafft, die Stimmung zu lockern. So tanzt Schauspieler Marcel Zais als Buchstabe „A“ im hautengen Einteiler umher oder unterbricht das Stück als typischer Eisverkäufer, wie man ihn aus Kinovorstellungen kennt. Dabei machen einerseits die teils echt dramatischen und aktuellen Themen, die einen auch nach dem Stück noch lange beschäftigen, und andererseits der absurd-satirische Humor der Stücke „Heile Welt“ zu einem Theaterabend der besonderen Art.

 Der Beitrag zum Nachhören:

Moderatorin Sophia Spyropoulos im Gespräch mit Nele Rebmann

Moderation: Sophia Spyropoulos

Rezi zu Heile Welt
 

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Heile Welt - Zwei Einakter von Slawomir Mrozek zum Preis von Einem

Premiere: 2. Mai 2019

Spielort: Neues Schauspiel Leipzig

Regie: Markus Czygan
Assistenz: Claudia Herold

Darstellende: Felix Kerkhoff, Michael Rousavy, Andy Scholz, Marcel Zais

Aufführungstermin: Fr / 17 Mai 2019 / 20:00 Uhr