Filmkritik

The Wild Boys: Feuchter Albtraum

Wenn der deutsche Verleih Bildstoerung einen neuen Film ins Programm aufnimmt, dann kann man sicher sein, dass es sich um abgefahrene Filmkunst handelt. "The Wild Boys" ist dabei keine Ausnahme und verwischt in einem irren Trip Geschlechtergrenzen.
Szene aus "The Wild Boys"
Die Wilden Jungs haben Schlimmes getan.

Geschlechter sind für Regisseur Bertrand Mandico nur ein wandelbares Konzept. So schleichen sich in den ersten verstörenden Minuten seines ersten Langfilms die titelgebenden, maskierten Wild Boys an ihr Opfer heran. Sie vergehen sich an einer Frau, reiben ihre Penisse, bis im grotesk hohen Bogen das Sperma über die Leinwand spritzt.

Szene aus "The Wild Boys"
Der Kapitän muss fallen!

Die Jungen stammen aus vornehmen Häusern, niemand kann sich ein derartiges Verbrechen durch ihre Hände vorstellen. Dass diese Raubtiere in Wirklichkeit alle von Frauen gespielt werden, erkennt man erst viel später und selbst dann kann man das, was wir als Geschlechter bezeichnen würden, nur schwer identifizieren.

Als eine Art Erziehungsmaßnahme werden diese Jungen – nennen wir sie lieber allgemein Menschen – einem alten Seemann anvertraut, der sie auf seinem maroden Kahn disziplinieren soll. Während man auf hoher See eine Meuterei plant, führen die Wege schließlich auf eine exotische Insel, wo Bertrand Mandico endgültig die Geschlechtergrenzen in sich zusammenfallen lässt und seine fiebrige Erzählung zur diskussionswürdigen Parabel emporhebt, die von Flüssigkeiten erzählt, aber auch von Verflüssigung. Verflüssigung von Gender-Konzepten und Wahrnehmungsgrenzen.

Aus der Zeit gefallen

The Wild Boys ist ein Film, der sich einer zeitlichen oder genrespezifischen Zuordnung völlig entzieht. Die Aufnahmen auf hoher See und schließlich auf der Insel mit ihren seltsamen Pflanzen erinnern an die frühen Filmexperimente des Kinos. Man denkt an Special-Effects-Pionier George Méliès, an Jule Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde, an Luis Bunuel, an Uhrwerk Orange von Stanley Kubrick, an Herr der Fliegen, an Andy Warhol

Szene aus "The Wild Boys"
Schiffbruch auf hoher See.

und vor allem an die Experimentalfilme von Kenneth Anger, der in bekannten Werken wie Fireworks (1947) oder Inauguration of the Pleasure Dome (1954) ebenfalls Elemente der Travestie mit Homoerotik und Gewalt in knalligen LSD-Farbgewittern kulminieren ließ.

Mit den Farben ist das in The Wild Boys nun so eine Sache. Der Großteil des Films ist in Schwarz-Weiß und in beengtem Format gedreht. Man glaubt, man würde eine surrealistische Diashow verfolgen, doch dann gibt es immer wieder kurze Farbspritzer auf der Leinwand. Die vermeintlich wichtigsten Sequenzen dieses Kritikerlieblings (für die französische Filmzeitschrift Cahiers du cinéma der beste Film 2018!) zeigt Mandico in Farbe. Schade, dass diese Sequenzen so rar gesäht sind! Die halluzinatorische Wirkung der Farbaufnahmen erreichen die Schwarz-Weiß-Bilder ansonsten nämlich eher selten und zugegebenermaßen hat man sich irgendwann an der verschrobenen Ästhetik ein Stück weit sattgesehen.

Ein Film über den Penis

Bizarro Fiction wäre wohl die Genrebezeichnung, die am ehesten auf dieses sperrige Werk zutrifft. Doch handelt es sich bei The Wild Boys wirklich um einen queeren Film oder gar einen Fetischfilm? So einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten. Das Motiv der Androgynität, der Travestie, des sexuellen Rausches ist allgegenwärtig, das Verhältnis zwischen dem alten Seemann und seinen Schützlingen erinnert zum Teil an sadomasochistische Bestrafungsrituale. Behaarung und vor allem das männliche Geschlechtsteil drängen sich ebenso erstaunlich prominent auf.

Szene aus "The Wild Boys"
Die Böse Männlichkeit

So essen die wilden Jungs rund um die Uhr ein haariges Obst, an Land trinkt man eine weiße Flüssigkeit aus einer phallusförmigen Pflanze und später wird der Penis wortwörtlich vom Körper abfallen. The Wild Boys könnte ein Film über die allzu oft (und häufig in fragwürdigen Kontexten) herbeizitierte toxische Männlichkeit sein, die den Jungen hier nachts als albtraumhafter Nachtmahr erscheint, und obwohl so vieles offen bleibt, fällt die Groteske in seinem letzten Drittel der nicht immer unterhaltsamen 110 Minuten in sich zusammen.

Sofern man überhaupt bis zu diesem Punkt gelangt! The Wild Boys ist ein Film, bei dem man ab den ersten Minuten weiß, ob man sich auf die absurde Ästhetik und Erzählweise einlassen kann oder nicht. Wenn es dann jedoch zur Idee der Feminisierung der durchweg barbarischen Männer übergeht, während die Metamorphose zur Frau zugleich als Strafe inszeniert wird, bewegt sich der Film an der Grenze dazu, in immer neue Fettnäpfchen zu treten. Vielleicht war es Absicht von Bertrand Mandico, vielleicht ist dieser schwer genießbare Trip mit all seinen kleinen Schweinereien, Illusionsbildern und Ekstasen im Federregen aber auch verkopfter und klischeehafter als er zugeben will. 

Fazit

The Wild Boys schlägt in seiner sperrigen Geschlechterdekonstruktion zu sehr über die Stränge, ein in diesem Kinojahr einzigartiger und optisch innovativer Bilderrausch ist es dennoch. Ein Film, den man sehen muss, um dieses schräge Erlebnis verstehen zu können und doch einer, den man wahrscheinlich nicht genug verstehen kann, um seinen Kern wirklich zu sehen.

 

Kommentieren

THE WILD BOYS

Regie und Drehbuch: Bertrand Mandico

Kinostart: 23. Mai 2019

FSK 16

Laufzeit: 110 Minuten

Cast: Pauline Lorrilard, Vimala Pons, Sam Louwyck und weitere

im Verleih und Vertrieb von Bildstoerung und Drop Out Cinema

Der Film erscheint am 4.10.2019 auf DVD und Blu Ray.