Filmkritik

Kindness of Strangers eröffnet Berlinale

Die dänische Regisseurin Lone Scherfig eröffnet die 69. Internationalen Filmfestspiele Berlin. In ihrem Ensembledrama "The Kindness of Strangers" portraitiert sie vier Menschen vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens.
The Kindness of Strangers
The Kindness of Strangers eröffnet die 69. Berlinale.

Das Private ist politisch, posaunte Festivalchef Dieter Kosslick groß als Motto für seine letzte Berlinale hinaus. Vom Kleinen ins Große, vom Speziellen zum Allgemeinen, so könnte man es auch nennen. Ein lobenswertes Ziel, das das Medium Film theoretisch eindrucksvoll erreichen könnte. Im Fall von Lone Scherfigs neuem Drama The Kindness of Strangers bleibt es jedoch bei diesem "theoretisch". Die Dänin ist bereits zum siebten Mal mit einem ihrer Filme bei der Berlinale vertreten (2001 erhielt sie für Italienisch für Anfänger den Silbernen Bären) und präsentiert sich erneut als Meisterin der ganz großen Gefühle.

Geschichten aus dem Wintergarten

In Scherfigs Ensembledrama werden vier Menschen portraitiert, die sich alle in Not befinden. Entweder ist die Geldnot groß, die Arbeit raubt den letzten Nerv oder die große Liebe lässt weiterhin auf sich warten.

Szene aus "The Kindness of Strangers"
Bill Nighy bringt Witz in das Drama.

Im Zentrum steht dabei eine junge Frau, gespielt von Zoe Kazan, die mit ihren zwei Söhnen vor dem gewalttätigen Vater geflohen ist und nun mittellos und ohne Obdach durch New York irrt. Zu ihr gesellen sich der tollpatschige Arbeitssuchende Jeff (Caleb Landry Jones), Ex-Häftling Marc (Tahar Rahim) und die Krankenschwester Alice (Andrea Riseborough), die alle mit ihrer eigenen Vergangenheit und der gegenwärtigen Einsamkeit zu kämpfen haben und sich gegenseitig Halt geben. Immer wieder kreuzen sich die Wege der vier New Yorker. In einem russischen Restaurant, dem New York Winter Palace, laufen die verschiedenen Stränge zusammen, wo Bill Nighy als Betreiber Timofey für ordentlich Witz sorgen darf, um die depressive Grundstimmung aufzulockern.

Lone Scherfig hat als Drehbuchautorin und Regisseurin auf jeden Fall ein gutes Händchen bei der Inszenierung ihrer Charaktere bewiesen, die man im Grunde genommen nur lieben kann. Gekonnt kreuzt Scherfig deren Wege von den ersten Minuten an, streut immer wieder kleine Motive - ein Handschuh, ein kleiner Löffel - in die Geschichte ein, um ihr eine gewisse Struktur zu verleihen. Großstadtmärchen ist der Begriff, der einem hier in den Sinn kommt. In den stärksten Momenten des Films sucht Scherfig das Kindliche, eine naive, unbefleckte Sicht auf die harte und raue Welt und entfaltet einen herzerwärmenden Zauber, für die das Drama zweifellos Sympathiepunkte sammeln kann. Wenn sich The Kindness of Strangers in einem Handlungsstrang schließlich auch noch zur Aschenputtel-Geschichte wandelt, ist dem Film jedoch bereits die Puste ausgegangen.

Seid lieb zueinander! 

Lone Scherfig zeigt hier, dass ihr Talent eher bei der Regiearbeit als beim Schreiben liegt. So durchdacht jede Szene arrangiert ist, so zäh wird das Drehbuch im Laufe der zwei Stunden. The Kindness of Strangers tappt in die gleiche Falle, die schon so manch anderem Episoden- bzw. Ensemblefilm zum Verhängnis wurde, nämlich, dass es ihm nicht gelingt, den gesamten Figurenreigen zu bändigen.

Szene aus "The Kindness of Strangers"
Eine Heilige in New York.

Während sich die Geschichte um die obdachlose Mutter Clara immer weiter in den Vordergrund spielt, verkommt der Rest des Casts zu Randfiguren, die zwar immer wieder auftauchen, aber weder Vertiefung noch nenneswerte Entwicklungen erfahren. Es wäre spannend gewesen, das gesellschaftliche Umfeld der Charaktere weiter zu erkunden, doch Lone Scherfig gibt sich mit Oberflächlichkeiten und offenen Fragen zufrieden, um sich stattdessen lieber voll und ganz dem melodramatischen Gefühlskitsch hinzugeben, der nach der Hälfte immer weiter an Qualität verliert.

Wir bräuchten mehr Filme, die uns zusammenbringen, erklärte die Regisseurin in der Pressekonferenz. Alles schön und gut, aber mehr als ein nett gemeintes "Seid lieb und hilfsbereit zueinander!" ist von diesem Film nicht zu erwarten. Da spielen sich die sentimentalen Streicher im Hintergrund in Ekstase, während die Charaktere nachdenklich aus dem Fenster schauen. Mitunter könnte man glauben, sie würden in ihrer Niedergeschlagenheit gleich auch noch anfangen zu singen. Verwunderlich wäre das in diesem Film nicht.

Fazit

Sympathisches Herzkino gibt es zum Auftakt dieser 69. Berlinale, das ein lobenswertes Plädoyer für mehr Nächstenliebe formulieren möchte, aber in seiner Ausdrucksweise allzu banal und brav daherkommt.

 

 

 

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"The Kindness of Strangers" ist der Eröffnungsfilm der 69. Berlinale und läuft im Wettbewerb des Festivals.

Alamode Film wird das Drama 2019 auch regulär in die deutschen Kinos bringen.

Regie und Drehbuch: Lone Scherfig

Laufzeit: 112 Minuten

Cast: Zoe Kazan, Bill Nighy, Andrea Riseborough, Tahar Rahim, Caleb Landry Jones und andere