Filmkritik

The House That Jack Built: Höllenreise

Lars von Trier ist zurück! Mit seinem neuen Serienkillerfilm "The House That Jack Built" erhitzt der Provokateur erneut die Gemüter. Die Analyse eines Skandälchens.
Szene aus "The House That Jack Built"
Jack nistet sich in seiner ganz eigenen Leichenhalle ein

Hätte sie sich doch nur auf ihre Instinkte verlassen! Immerhin sieht der Fremde, zu dem sie gerade ins Auto gestiegen ist, schon so aus wie ein Serienkiller. Ein netter Plausch während der Fahrt und Zack - der Schädel wird ihr mit einem Wagenheber eingeschlagen. Uma Thurman ist Jacks erstes Opfer im Film.

Fünf Jahre sind vergangen, seit Regisseur Lars von Trier seine oft als "Trilogie der Depressionen" bezeichnete Filmreihe (Antichrist, Melancholia und Nymphomaniac) beendet hat und mit seinem neuesten Werk wird er seinem Ruf als Provokateur erneut gerecht. Bei der Weltpremiere auf dem Festival in Cannes, von dem von Trier 2011 wegen eines fragwürdigen Nazi-Spruches einst verbannt wurde, verließen mehrere Zuschauer empört den Saal. In den sozialen Netzwerken war anschließend die Rede von einem ekelhaften, bösartigen Machwerk, das niemals hätte gemacht werden dürfen. Was ist also dran am großen Skandal?

Lars von Triers neuer Troublemaker ist ein Mann, der ein Doppelleben als Ingenieur und Serienkiller führt. Über 60 Menschen hat Jack, grandios gespielt von Matt Dillon, bereits ermordet. Im Streitgespräch mit einem mysteriösen älteren Mann namens Verge (Bruno Ganz) erklärt Jack rückblickend fünf sogenannte "Vorfälle" aus seinem Leben. Eine Tat grausamer als die nächste, immer auf der Suche nach dem perfekten Kunstwerk.

Kinoredakteur Janick Nolting im Gespräch mit Moderator Janek Kronsteiner über "The House That Jack Built"
Kinoredakteur Janick Nolting im Gespräch mit Moderator Janek Kronsteiner über "The House That Jack Built"

Mord als schöne Kunst betrachtet

Der britische Schriftsteller Thomas de Quincey schrieb 1913 in seinem berühmten satirischen Essay Der Mord als eine schöne Kunst betrachtet von der Faszination der Menschen für das Phänomen Serienmord, stellte Regeln für das perfekte Verbrechen auf.

Szene aus "The House That Jack Built"
Jacks nächstes Opfer

So solle das Opfer beispielsweise immer ein gesunder, guter Mensch sein, der vielleicht sogar eine Schar von Kindern hinterlässt. Jack hält wenig von Regeln, strebt aber ebenso nach Perfektion bei seinen Gräueltaten, die er als Kunstwerke betrachtet. Zum Abschluss einer jeden Tat darf auch das Erinnerungsfoto von der drapierten Leiche nicht fehlen. Wenn ein Bild misslungen ist, wird schon mal mit dem schockgefrorenen Kadaver zurück an den Tatort gefahren und ein neues geschossen. Natürlich! Die durch die Kamera fixierte Vergänglichkeit, das Festhalten des Todes, ist nicht erst seit Roland Barthes Fotografie-Untersuchung Die helle Kammer bekannt. Dieser Jack muss ein waschechter Sadist sein, der seine Opfer auch nach dem Tod noch demütigt und misshandelt, bis sich die Leichen in seinem aufgekauften Tiefkühlpizza-Lager bis unter die Decke stapeln. Originell ist das alles nicht.

The House That Jack Built ist eine Horroshow in fünf Akten und einem Epilog. Tiere werden verstümmelt, Körperteile abgeschnitten, eine Familie mit kleinen Kindern wird nach den Regeln der Jagd "ordnungsgemäß" hingerichtet. Das ist in seinem blutrünstigen Zynismus schwer erträglich, insgesamt aber so offensichtlich auf Skandal und Provokation getrimmt, ja zum Teil auch so ironisch gebrochen, dass man es kaum ernst nehmen kann. 

Störrischer Lars   

Es bleibt nicht bei den üblichen Geschmacklosigkeiten und (oft auch nur kurz angedeuteten) Gore-Effekten. In The House That Jack Built wird alles verarbeitet, wofür der Regisseur jemals kritisiert wurde. Sein Jack versucht seine Taten mit Querverweisen zur Kunst- und Kulturgeschichte zu rechtfertigen. 

Szene aus "The House That Jack Built"
Die neue Dante Barke

Da wird über Bäume in Konzentrationslagern und sakrale Architektur sinniert, die Ermordeten sind meist dumme, naive Frauen, die vor den schuldigen Männern gerne die Opferrolle einnehmen würden, heißt es. In einer anderen Sequenz wird über die angeblichen unterdrückten Gelüste von Künstlern gesprochen, während grausame Szenen aus von Triers früheren Werken eingespielt werden. Das ist in den besten Momenten schwarzhumoriger Kunstkino-Kommentar mit faszinierend spielerischer Inszenierung, in anderen einfach nur öde Selbsttherapie eines Filmemachers, der dem Publikum seine eigenen psychischen Probleme schon zu oft unter die Nase gerieben hat.

Es bleibt endlos in die Länge gezogenes Zusehen bei weiteren vorhersehbaren Opferritualen bis zum wahnwitzigen Finale. In dem skurrilen Epilog, der "Katabasis", folgt der wörtliche Abstieg in mythologische Gefilde und es wird gekonnt über die Stränge geschlagen. Lars von Trier setzt hinter seine Karriere einen vorhersehbaren, aber konsequenten vorläufigen Schlusspunkt: Mit Dante und Vergil katapultiert sich die Regielegende selbst in die Hölle.

Fazit

Nichts Neues im Serienkillerfilm! The House That Jack Built bietet genug Diskussionsstoff, aber der Skandal bleibt schleierhaft. Neben überkonstruierten, zum Teil sogar langweiligen Schockeffekten ist Lars von Trier in seinem neuen Werk leider zum ersten Mal das, was er bisher noch nie war: berechenbar!

 

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The House That Jack Built

Kinostart: 29.11.2018

FSK 18

Laufzeit: 155 Minuten (ungekürzte Fassung)

Regie: Lars von Trier

Cast: Matt Dillon, Bruno Ganz, Uma Thurman, Riley Keough, Jeremy Davies u. a.

"The House That Jack Built" wird am 3. Dezember 2018 in der Reihe Freaky Monday in den Leipziger Passage Kinos gezeigt.

Der Film erscheint am 6. Juni 2019 auf DVD und Blu Ray.