Berlinale 2019

Systemsprenger: Ein Problemfall

Der erste deutsche Wettbewerbsfilm der 69. Berlinale wühlt das Publikum auf! In "Systemsprenger" treibt ein kleines Mädchen die Behörden zur Verzweiflung.
Szene aus "Systemsprenger"
Benni ist ein Systemsprenger.

Zum Glück ist es Sicherheitsglas! Ansonsten wären wohl sämtliche Scheiben der Schule bereits zu Bruch gegangen, wenn Benni mal wieder in einem ihrer Wutausbrüche animalisch kreischend Bobbycars gegen die Türen und Fenster schleudert und ihren Mitschülerinnen und Mitschülern hässliche Beleidigungen entgegenbrüllt.

Szene aus "Systemsprenger"
Micha kümmert sich um das Problemkind

Benni – ihr eigentlicher Name Bernadette klingt ihr zu „tussig“ – ist erst neun Jahre alt und versetzt ihr Umfeld dennoch in Angst und Schrecken. Das kleine Mädchen ist wohl das, was man umgangssprachlich als „Satansbraten“ beschreiben würde. Dass es damit nicht einfach getan ist, macht Nora Fingscheidt in ihrem ersten langen Spielfilm schnell deutlich.

Benni ist schwer traumatisiert, in der Kindheit wurde ihr eine Windel ins Gesicht gedrückt. Welche anderen Misshandlungen das Kind erfahren musste, das zur Not im Kleiderschrank eingesperrt wird, bleibt offen. Ein fähiges Vorbild ist ihr mit ihrer unzuverlässigen und überforderten Mutter offenbar nie gegeben worden.

So sehen wir das kleine Mädchen nun zu Beginn des Films, wie es gerade in eine neue Wohngemeinschaft versetzt werden soll. Immer wieder wird sie von einem zu Hause zum nächsten gereicht, niemand hält es mit dem schier unerziehbaren Kind aus. Sämtliche Behörden und ihre betreuende Ärztin sind völlig überfordert und wissen nicht mehr, wie sie das Mädchen bändigen und auf die rechte Bahn lenken sollen.

Tickende Zeitbombe

Systemsprenger – so werden jene Kinder bezeichnet, jene besonders harten Fälle, die die Behörden an ihre Grenzen bringen, die durch alle Raster fallen und nirgends angenommen werden. Mit ihren erst elf Jahren gelingt der Kinderdarstellerin Helena Zengel in der Verkörperung dieser Rolle eine derart beeindruckende Darbietung, dass die Berlinale – Jury hier alle Augen auf sie richten sollte, wenn es um die Auszeichnungen der besten darstellerischen Leistungen dieses Festivaljahrgangs geht. Sie schreit, schlägt um sich, geht sogar mit dem Messer auf diejenigen los, die verzweifelt versuchen ihr zu helfen.

Szene aus "Systemsprenger"
Im Wald soll die Therapie stattfinden.

Man hat Angst vor ihr, fürchtet sich vor den plötzlich auftretenden Stimmungsschwankungen und hat doch Mitleid mit diesem schutzlosen Kind, das eigentlich nichts für sein Verhalten kann. Eine großartige schauspielerische Leistung!

Auf der anderen Seite verdeutlicht Nora Fingscheidt, dass es hier nur mit etwas Liebe und Zuneigung für den Systembrecher auch nicht getan ist. So einfach macht es sich dieser Film nicht! Wenn Benni ein kleines Baby auf den Arm nimmt, dann muss man immer mit den schlimmsten Konsequenzen rechnen. Das Publikum atmet entsetzt auf. Systembrecher ist mal wieder ein Film, bei dem der Begriff "Gefühlsachterbahn" tatsächlich angemessen ist.

Die große Stärke dieses Dramas liegt darin, dass Nora Fingscheidt keine ihrer Figuren verurteilt. Selbst Bennis Mutter, der man als erstes die Schuld geben würde, wirkt erschreckend nahbar, wenn sie unter Tränen beichtet, dass sie ihre Tochter nicht wieder mit nach Hause nehmen könne, weil sie Angst um das Wohl ihrer anderen Kinder habe. Letzter Retter scheint Micha (Albrecht Schuch) zu sein, der neue Schulbegleiter von Benni, der sich als letzte Maßnahme allein mit dem Mädchen in eine abgelegene Waldhütte zurückziehen will und plötzlich zu so etwas wie einer Vaterfigur wird, die er in seinem Beruf gar nicht einnehmen darf.

Aussichtsloser Kampf

Systemsprenger ist ein verstörender Film. Ein herzerweichender und gleichzeitig ein herzzerreißender, der nicht alles erklärt und der recht schnell dem Publikum den Boden unter den Füßen wegzieht, denn einen Hoffnungsschimmer scheint es in diesem Szenario nicht zu geben. Auch wenn der Regisseurin etwas mehr Mut bei der optischen Ausgestaltung ihres Films gut zu Gesicht gestanden hätte: Systemsprenger ist ein Werk, das zur richtigen Zeit den Finger in die Wunden legt und unbequeme Fragen aufwirft.

Da geht es an die äußersten Grenzen vom Verständnis einer Familie, von Kindererziehung und schließlich wird das gesamte Fürsorgesystem in seinen Grundfesten erschüttert und hinterfragt. Die Erzieherinnen und Erzieher geraten mit dem Publikum in dieses Gefühlschaos, wenn man die eigene Einstellung zu dem titelgebenden Kind ständig ändert. Von Hass zu Angst über Mitleid und Liebe. Was also tun mit solchen systemsprengenden Kindern? Der Film gibt keine wirkliche Antwort darauf und das muss er auch nicht. Stark geschriebenes und überragend gespieltes Kino ist es allemal.

Fazit

Systemsprenger ist zweifellos ein Highlight im Wettbewerb der 69. Berlinale von einer Künstlerin, die hoffentlich auch in Zukunft solche bereichernden Werke drehen wird. Deutsches Kino war lange nicht mehr so herausfordernd.

 

 

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"Systemsprenger" feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der 69. Berlinale.

Regie und Drehbuch: Nora Fingscheidt

Laufzeit: 118 Minuten

Cast: Helena Zengel, Albrecht Schuch, Gabriela Maria Schmeide, Lisa Hagmeister