Filmkritik

Suspiria: Verstörender Hexentanz

Dario Argentos "Suspiria" zählt zu den ganz großen Horrorklassikern. Nun hat sich Regisseur Luca Guadagnino an eine Neuverfilmung gewagt und löst sich gänzlich von seiner Vorlage.
Szene aus "Suspiria"
Diesem Tanzensemble steht Unheil bevor

"Sie werden mich schlachten und meine Fotze von einem Teller essen.". Mit dieser drastischen Befürchtung verlässt eine junge Tänzerin das Büro des Psychotherapeuten Dr. Jozeph Klemperer (Lutz Ebersodrf). In ihrer Tanzschule geht gar Grausiges vor sich, das immer neue Opfer fordert. Das scheint die Ballettschülerin Suzy (Dakota Johnson) nicht abzuschrecken. Sie taucht in den 70er Jahren in Berlin auf, um sich dem Ensemble der Schule anzuschließen und ihre Ausbildung unter der strengen Tanzlehrerin Madame Blanc (Tilda Swinton) zu beginnen. Dass Blanc und ihre Kolleginnen einem Hexenzirkel angehören, ahnt sie zu dem Zeitpunkt noch nicht. In sechs Kapiteln und einem Epilog verwandelt sich der Okkulthorror schnell zu einer parabelhaften Erzählung über ein düsteres Kapitel der Geschichte.

Nur das Grundgerüst

Von Dario Argentos Giallo-Klassiker Suspiria aus den 70ern ist hier tatsächlich nur das Grundgerüst der Geschichte übriggeblieben. Luca Guadagnino, der Regisseur des oscarprämierten Dramas Call Me By Your Name, hat dem Stoff eine umfassende Frischzellenkur verpasst und verlagert ihn von Freiburg in das geteilte Berlin. Sein Suspiria ist weniger Neuverfilmung als viel mehr eine Neuinterpretation

Szene aus "Suspiria"
Tilda Swinton als Oberhexe

der Geschichte rund um Hexenrituale und eine Mordserie an einer Tanzschule. Guadagnino löst sich dabei nicht nur inhaltlich von der Vorlage, sondern er löst sich beinahe vom ursprünglichen Genre selbst. Er verweigert sich strikt, klassischen Horror zu inszenieren. Bis es zur ersten expliziten, im wahrsten Sinne des Wortes magenumdrehenden Gruselszene kommt, vergehen unzählige Minuten in diesem auf 150 Minuten gestreckten, äußerst langsam erzählten Remake. Allein an dieser enormen Laufzeit dürfte deutlich werden, dass es hier nicht nur um vordergründige Schockeffekte geht.

Es ist die unheilvolle, unterkühlte Atmosphäre, die hier für Grauen und Unbehagen sorgen soll. Für Gespenster, dämonische Fratzen und laute Effekte hat Guadagnino allerdings wenig übrig. Er will mehr! Beinahe zu viel, um damit noch eine runde Erzählung zu kreieren. Man darf zurecht fragen, ob Guadagnino mit seiner komplexen und mitunter auch etwas versponnenen Vision in deutscher, englischer und französischer Sprache am Publikum vorbei inszeniert, faszinierend ist das alles jedoch ohne Zweifel.

Den Beitrag zum Nachhören findet ihr hier:

Kinoredakteur Janick Nolting im Gespräch mit Moderatorin Sophie Rauch über "Suspiria"
Kinoredakteur Janick Nolting im Gespräch mit Moderatorin Sophie Rauch über "Suspiria"

Historischer Schrecken

Luca Guadagninos okkultes Tanz-Ritual findet in einem düsteren, geteilten Deutschland statt. Einem, das von RAF-Terror und der Berliner Mauer zerteilt und erschüttert ist und in dem Paranoia und Verunsicherung allgegenwärtig sind. In diesem Setting müssen (Kollektiv-)Schuldfragen geklärt und dunkle Vergangenheiten bewältigt werden, die zum Teil bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges zurückreichen, während ein bedrohliches Grummeln vorm Fenster den nächsten Bombenanschlag vermuten lässt. Das Alte wird hier vom Neuen schließlich mit Schleim, Blut, zerrissener Haut und platzenden Köpfen zerstört und abgelöst, dazwischen gibt es surreale Albtraumsequenzen, die Erinnerungen an den Horrorklassiker The Ring wecken.

Die Schreckgespenster, die hier heraufbeschworen werden, sind jederzeit metaphorischer Natur. Damit werden weite Teile des Publikums wahrscheinlich wenig anfangen können, immerhin lässt einen der Regisseur doch mit allerhand Fragen und offenen Interpretationsansätzen zurück. Sieht man davon ab, bekommt man jedoch ein filmisch beeindruckend inszeniertes Werk serviert.

Getanzte Traumata

Szene aus "Suspiria"
Aus dem Keller kriecht gar Unheimliches hervor

Die gekonnt geführte Kamera packt das Publikum am Kragen und schleift es durch die bedrückenden Gänge der Tanzschule, nimmt es gefangen in einer wunderbar depressiven Stimmung, die im Keller des Hauses schließlich in ein skurriles Inferno umschlagen darf. An dieser Stelle sei auch der atmosphärische wie ebenso ungewöhnliche Score von Thom Yorke erwähnt. Währenddessen proben die Tänzerinnen für ein neues Stück, schließlich geht es hier auch um das Ballett. Weil auch das nicht ohne Hintergedanken und zweite Ebene auskommt, trägt das neue Stück den Titel "Volk", in dem die Mädchen mit schroffen Gesten puppengleich über das Parkett wirbeln.

Schönheit und Selbstvernichtung, körperliche Ertüchtigung und Qual liegen hier eng beeinander. Hier tanzt sich Dakota Johnson vor einer grandios besetzten Lehrerin, gespielt von Tilda Swinton, in Ekstase, dort wird der Körper einer anderen Tänzerin zur gleichen Zeit mit krachenden Knochen verdreht und zertrümmert. 

Fazit

Suspiria ist zu überambitioniert und geraten, um jederzeit emotionale Zugänge zu ermöglichen, und schleppt sich durch eine Fülle an (mal mehr oder weniger subtilen) philosophischen Gedankenspielen. Nichtsdestotrotz handelt es sich um einen brilliant inszenierten modernen Meilenstein für das Horrorgenre, dessen sich der Film selbst so arg verweigert. Man wandelt gerne und fasziniert durch Luca Guadagninos düstere, mysteriöse Historien-Galerie. Dennoch verlässt man sie ein wenig ratlos.

 

Kommentieren

Janick Nolting
15.11.2018 - 14:31
  Kultur

SUSPIRIA

Regie: Luca Guadagnino

Kinostart: 15.11.2018

FSK 16

Cast: Tilda Swinton, Dakota Johnson, Mia Goth, Chlore Grace Moretz und andere

Laufzeit: 152 Minuten