Filmkritik

Sunset: Kino am Abgrund

Oscar-Preisträger László Nemes legt nach seinem starken Debüt ein weiteres Meisterwerk nach: In "Sunset" seziert er den Untergang Europas im 20. Jahrhundert und lässt die Stimmung im Kino brodeln.
Szene aus "Sunset"
Iris erwartet Böses.

Wie stark kann eine filmische Erzählung in ihre eigene Welt eintauchen? Wie sehr kann man sich menschlichen Gräueln nähern und wie lassen sich diese im Kino überhaupt abbilden? Es waren keine leichten Fragen, derer sich der ungarische Regisseur László Nemes 2015 in seinem umjubelten Spielfilmdebüt Son of Saul angenommen hat. Am Ende gab es jede Menge Lob, unter anderem einen Golden Globe und einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Wo sich Nemes in diesem Werk noch mit dem Holocaust befasste und nahezu dokumentarisch 36 Stunden aus dem Alltag im Konzentrationslager Auschwitz zeigte, reist er in seinem neuen Kinofilm Sunset weiter zurück in der Geschichte. Eine ähnlich verstörende Stimmung gelingt ihm dennoch.

Vor dem Zusammenbruch

1913 setzt die Geschichte von Sunset ein, als Iris Leiter in ihre alte Heimatstadt Budapest zurückkehrt. Die junge Frau will ihr Erbe im familienbetriebenen Hutmachergeschäft antreten, das einst von ihren Eltern geführt wurde, ehe diese dort unter rätselhaften Umständen verstarben. Das Hutgeschäft Leiter war immer ein glorreicher Ort für die Reichen und Mächtigen. Sogar Kaiserin Sissi hat das Geschäft einst besucht, das kultig verehrte Zimmer ist seitdem versiegelt.

Szene aus "Sunset"
Das Hutgeschäft hat sich verändert.

Jetzt scheint ein Fluch auf dem noblen Haus zu liegen. Iris stößt überall auf Ablehnung und Misstrauen, doch sie geht auf Spurensuche und entdeckt die dunklen Familiengeheimnisse, die sie immer mehr in einen Abgrund treiben. Mit ihr wird das Publikum ins Chaos gestoßen.

Die Kamera klebt jederzeit an der Protagonistin, rückt ihr zu Leibe, bewegt sich hinter ihr her, beschränkt radikal das Blickfeld. Wir erleben den ganzen Film aus ihrer Sicht. Was am Rande und im Hintergrund passiert, das lässt sich oft nur erahnen. Dieser technische Trick hat in Nemes` Vorgängerfilm Son of Saul durchaus Sinn ergeben und war eine ebenso pietätvolle wie verstörende Möglichkeit, sich dem Horror des Konzentrationslagers zu nähern und dabei gleichzeitig sowohl die Beklemmung auf Film zu bannen als auch eine allzu reißerische Darstellung zu umgehen. Das hat auch deshalb so gut funktioniert, weil die Geschehnisse im Konzentrationslager im Bewusstsein des Kinopublikums deutlich präsenter sind als die verrätselten Geschehnisse in Sunset. Die Fantasie hat die schlimmsten Ereignisse im Umfeld dann im Kopfkino komplettiert. Bei Sunset gelingt dieser Effekt inhaltlich nur bedingt. Dazu ist die Spurensuche der Hauptfigur zu mysteriös, zu paradox, teilweise fast surreal. Nichtsdestotrotz gelingt Nemes mit dieser außergewöhnlichen Sichtweise einige wahrhaft faszinierende, beeindruckend durchchoreographierte Momente. Etwa wenn sich Iris direkt zu Beginn das erste Mal in das pulsierende Markttreiben von Budapest stürzt. Überall Staub, Menschenmengen, Gemurmel, man glaubt, das Leben der Straße im Kinosaal riechen zu können. Sunset erweckt nicht nur eine Epoche auf optisch beeindruckende Weise zum Leben, er lässt einen voll und ganz in sie eintauchen.

Fiebriger Albtraum

Juli Jakab verkörpert ihre Figur der Iris mit einer fast stoischen Ruhe, die Mimik hält sich starr. Fast zu starr, um sich mit ihr identifizieren zu können. Würde die Nachwuchs-Hutmacherin wirklich hartnäckig bei ihrer Spurensuche bleiben, wäre der Film wohl nach der Hälfte vorbei, doch dabei belässt es László Nemes nicht. Er inszeniert seine Hauptfigur als hilflosen Spielball, der nichts gegen seine Umwelt unternehmen kann und nur hin- und hergeworfen wird.

Szene aus "Sunset"
Iris hat eine Mission

Der mit immer weniger Gegenwehr in die Abgründe der Gesellschaft gezogen wird und mit ihm das Publikum, das sich Antworten auf die vielen offenen Fragen erhofft, aber nur noch in weitere rätselhafte und unangenehme Situationen verwickelt wird. Sunset hätte in literarischer Form auch eine Erzählung von Arthur Schnitzler sein können. Ganz im Stil der Wiener Moderne lässt der Film in (alb)traumhafter Atmosphäre die unterdrückten Triebe, die nebulösen Schattenseiten der Existenz zu Tage treten. Man blickt hinter die Fassaden der Oberschicht, in der Korruption, Mord und Sadomasochismus deutlich werden.

Was genau hinter den zahlreichen Geheimnissen steckt, muss man sich größtenteils selbst zusammenreimen und doch bleibt da dieses Gefühl, diese Orientierungslosigkeit, diese machtvolle Inszenierung, die den Film zu einer körperlichen Erfahrung werden lässt.

Der Weg in den Krieg

Die Kameraeinstellungen in dieser historischen Odyssee sind endlos lang, zum Teil mit einem offenbar enorm hohen logistischen Aufwand verbunden. Man kann nur staunen über diesen Film, wird von ihm regelrecht aufgefressen. Das ist mitunter etwas zu quälend lang geraten und entlohnt das Publikum nur bedingt für dessen Geduld, am Ende ist Sunset dennoch ein überwältigender Film geworden. Wo Son of Saul die grausame Endstufe des Faschismus gezeigt hat, erleben wir in Sunset seinen Aufstieg. Sonnenuntergang für Europa in den letzten Tagen der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Eine ganze Kultur auf einem Pulverfass. In dem flirrenden Budapest kocht der Nationalismus über und mündet in faschistischen Bewegungen. Die gewaltsame Eskalation rückt in den über zwei Stunden Laufzeit immer näher, bis wir wenige Monate nach Beginn der Handlung im Schützengraben des Ersten Weltkrieges hocken. Völlig entleert, zwischen Kadavern, oben permanent Explosionen und Rauch. Ein echtes Aha-Erlebnis im Kinojahr 2019.

Fazit

Sunset mag in seinem Konzept etwas zu verkopft sein, ein ungeheuer faszinierender, herausragender Historienfilm ist er dennoch. László Nemes beweist sich erneut als einer der interessantesten Filmemacher unserer Zeit.

 

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Janick Nolting
13.06.2019 - 12:31
  Kultur

SUNSET

Regie: László Nemes

Kinostart: 13.06.2019

Laufzeit: 142 Minuten

FSK 12

Land: Ungarn/ Frankreich

Drehbuch: László Nemes, Clara Royer, Matthieu Taponier

Cast: Juli Jakab, Susanne Wuest, Vlad Ivanov und weitere