Literaturrezension

Ein Plädoyer für den Zweifel

Im Meinungsgewitter auf die eigene Stimme hören, angesichts grenzenloser Möglichkeiten eine klare Richtung einschlagen. Entscheidungen treffen trotz Zweifeln. All das erfordert Selbstvertrauen. Charles Pépin nimmt diese Kompetenz unter die Lupe.
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Selbstvertrauen

Der schlichte Titel "Sich selbst vertrauen" lässt vermuten, dass es sich bei dem neuen Buch von Charles Pépin um klassische Ratgeber-Literatur handelt. Auch der erste Blick in die Seiten mag diesen Eindruck stützen. Sind doch die Kapitelüberschriften ausnahmlos im Imperativ formuliert, was ihnen einen gewissen Appellcharakter verleiht. "Höre auf dich selbst", heißt es da beispielsweise, oder "Schreite zur Tat". Bereits die Unterüberschriften deuten allerdings eine weniger anweisende Haltung an. Sie enthalten stets eine Form des Begriffs Vertrauen. Dann folgt ein Zitat von einem bekannten Philosophen oder einer anderen Berühmtheit, das dem eigentlichen Text vorangestellt ist. Der Schwerpunkt liegt dann eher auf philosophischen Überlegungen und Analysen, woraus sich dann aber durchaus konkrete Tipps zur praktischen Anwendung ergeben.

Der Untertitel gibt den Ton an

Im Untertitel heißt das Buch "Kleine Philosophie der Zuversicht". Obgleich der Zusammenhang von Zuversicht und Selbstvertrauen sich nicht ohne Weiteres offenbart, entpuppt er sich sozusagen als Tenor des Werkes. Allgemein einleuchtend scheint wohl: Selbstvertrauen macht zuversichtlich. Wer sich selbst vertrauen kann, gewinnt potenziell auch an Zuversicht. Im Laufe der Lektüre wird zudem deutlich, dass jede und jeder zuversichtlich sein darf, weil es allen möglich ist, zu lernen, sich selbst zu vertrauen. Außerdem hilft grundsätzliche Zuversicht auch dabei, Selbstvertrauen zu entwickeln. Rückblickend betrachtet kann Zuversicht sowohl Voraussetzung als auch Ergebnis von Selbstvertrauen gelten.

Zutiefst menschlich

Charles Pépin, 46 Jahre alt und Franzose, ist nicht nur Schriftsteller und Journalist, sondern unterrichtet auch an unterschiedlichen Schulen Philosophie. Bei seinen regelmäßigen Auftritten in Fernsehen und Magazinen sucht er stets den persönlichen Austausch mit Menschen, die ihm Fragen zu diversen Lebensthemen stellen. Selbstvertrauen scheint ihm dabei ein wiederkehrendes Kernproblem zu sein. Anlass genug also, diesem Thema ein eigenes Buch zu widmen.

Entsprechend kommt auch im Text diese Nähe zum Tragen: Der Autor findet eine niveauvolle, doch verständliche Sprache, die keinerlei philosophische Expertise seitens der Lesenden voraussetzt. Theoretische, zunächst abstrakte Überlegungen veranschaulicht er durch Beispiele aus dem Alltag. Besonders hilfreich sind bildhafte Szenarien wie etwa das folgende, das den Aspekt des zwischenmenschlichen Vertrauens vor Augen führt. Die Szene: Eine Gruppe Bergsteigender.

Wenn ein Teilnehmer sich die ganze Vorbereitungs- und Trainingsphase hindurch besonders ängstlich gezeigt hat, wird er (...) zum Anführer der Seilschaft bestimmt. Das reicht meistens, um ihm seine Angst zu nehmen. Weil der Bergführer ihm vertraut, merkt er plötzlich, dass er stärker ist als gedacht.

Sich selbst vetrauen, S. 30

Die Stärke der Schwäche

Mit dem konventionellen Gedanken, dass Schwäche generell im Gegensatz zu weit verbreiteten Vorstellungen von Selbstvertrauen steht, bricht Charles Pépin in seinem Buch. Viele vermeintlich banale Volksweisheiten enttarnt er als Illusionen. Beispielsweise hält er insbesondere den Zweifel für einen beachtenswerten Teil auf dem Weg zum Selbstvertrauen. In einem Interview sagte er dazu:

Wirkliches Vertrauen in sich selbst zu finden, bedeutet (...) nicht, das Zweifeln zu beseitigen; es bedeutet, sich mit dem Zweifel auseinanderzusetzen und darüber hinauszugehen. Dieses Darüberhinausgehen ist zunächst ein Anerkennen, es bedeutet, zu verstehen, dass wir zweifeln, weil wir intelligente Lebewesen sind und uns der Risiken bewusst sind, denen wir ausgesetzt sind.

Auch im Buch spricht der Autor von "uns". Auf diese Weise bezieht der die Leserschaft ein, indem er sich mit ihr gemein macht. Was wohl hauptsächlich nahbar wirken soll, wird stellenweise eher anmaßend. Schreibt Charles Pépin den Lesenden doch Wahrnehmungen und Worte zu, die sie womöglich übervorteilen. „Wir alle kennen das:...“ ist da zu lesen und offensichtlich stimmt das nicht uneingeschränkt. Was ist etwa mit denen, auf die das nicht zutrifft? Empfehlenswert wäre hier, Behauptungen lieber als Möglichkeiten, also tendenziell eher fragend zu formulieren.

Tipps nach Belieben

Trotz allem wirken die Aussagen, die häufig beinahe serviceorientiert am Ende eines Absatzes zu finden sind, keineswegs dogmatisch. Charles Pépin präsentiert eine bemerkenswerte Vielfalt: Diverse Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher philosophischer Ausrichtungen kommen zu Wort, indem er sie zitiert. Die differenzierte Darstellung verschiedener Strömungen und Sichtweisen lässt den Lesenden Spielraum für eigen Gedanken und Interpretationen. Sie erlaubt eine individuelle Übertragung auf das eigene Leben. Aus einem bunten Strauß an Erkenntnissen, kann sich jede und jeder pflücken, was passt bzw. gerade von Bedarf scheint.

Zum Beispiel zum Thema Zweifel:

Jedes Mal, wenn uns Zweifel überkommen, wenn wir Angst haben, etwas nicht zu schaffen, täten wir besser daran, durch Übung wieder Vertrauen zu fassen und unser Können zu vertiefen, statt ein hypothetisches mangelndes Talent zu beschwören.

Sich selbst vertrauen, S. 45

Heilsame Desillusionierung

Neben Anregungen und Impulsen für initiatives Handeln bietet die Lektüre eine realistische, vielleicht gar ernüchternde Sicht auf die in einschlägigen Buchhandlungen angepriesenen Ratgeber-Literatur. Die typischen "How to..."-Werke, Gebrauchsanweisungen und Patentrezepte entlarvt Charles Pépin als leere Versprechen, warnt sogar stellenweise vor illusorischen Hoffnungen und Ewartungen. Dafür ermutigt er, begründete Zuversicht zu entdecken, Herausforderungen willkommen zu heißen, weil sie Potenzial bieten, zu lernen.

Die Buchbesprechung zum Nachhören:

Eine Literaturrezension von Frauke Siebels
SG Sich selbst vertrauen
 

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Das Buch ist im Mai 2019 im Hanser-Verlag erschienen, hat 224 Seiten und kostet 17,- €.