Filmkritik

Sauvage: Bewegender Stricherfilm

Ein junger Mann im Kampf gegen die Gesetze der Straße. In seinem Debütfilm "Sauvage" nimmt Regisseur Camille Vidal-Naquet das Publikum mit auf den Straßenstrich und eine bewegende Suche nach Zärtlichkeit.
Szene aus "Sauvage"
Léo sucht nach Erlösung

Léo hustet sich die Seele aus dem Leib. Immer wieder hat er mit Anfällen zu kämpfen, doch jetzt beichtet er dem Arzt sein Leiden. Nach einer kurzen Befragung wird die Hose runtergelassen, der junge Mann legt sich auf die Liege des Behandlungszimmers und lässt sich abtasten. Wenige Zeit später wird er vom Arzt mit der Hand befriedigt werden. Nächste Woche zur gleichen Zeit, wird vereinbart. Regisseur Camille Vidal Naquet gelingt bereits in den ersten Minuten seines ersten Spielfilms ein verstörender Kippmoment. Dass es sich bei dem Doktor nur um einen von Léos Kunden handelt, ahnt anfangs wohl noch niemand. Der 22-Jährige lebt auf der Straße und verkauft seinen Körper. Doch Léo unterscheidet sich vom Großteil seiner restlichen Kollegen. Neben dem schnellen Geld sehnt er sich nach Zuneigung und Wärme, aber Sauvage macht recht schnell deutlich, wie schwer sich diese Suche gestaltet.

Getriebene

Fast dokumentarisch folgt das Publikum Léo durch seinen Alltag und man lässt sich gern auf diese Reise ein, auch wenn sie bisweilen fast unerträglich erscheint. Der Nachwuchsdarsteller Félix Maritaud zeigt in der Hauptrolle eine nahezu erschreckend glaubhafte Leistung, die in Cannes (berechtigt) mit dem Rising Star Award belohnt wurde. Hier sitzt jeder nachdenkliche Blick, jede schmerzverzerrte Mine.

Szene aus "Sauvage"
Léo sieht sich mit gewaltsamer Ausbeutung konfrontiert

Schnell bekommt man einen Eindruck von der allgegenwärtigen Leere, dem sich stetig wiederholenden Elend. Wehmütig kommen die Männer im Gebüsch zusammen und starren auf abhebenden Flugzeuge. Auch Léo träumt davon, eines Tages mit so einem Flieger sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen, doch im nächsten Moment geht es wieder zurück zur Straßenbiegung, wo schon die nächsten Freier vorfahren und nach der schnellen Befriedigung suchen. Zugänge zu ärztlicher Versorgung, Kleidung und Nahrung sind rar, weshalb der Hang zur Kriminalität als einziger Ausweg bleibt. Nachts versucht man, sich mit Drogen und Partys abzulenken, einfach in der Ekstase aus sich heraus zu treten und den Alltag abzuschütteln. Im Stroboskoplicht flackern die gepeinigten, ungepflegten Körper für Sekundenbruchteile auf. Sauvage fängt diese Momentaufnahmen mit ebenso mitreißenden wie ungeschönten Bildern ein und zeigt eine aufwühlende Milieustudie, die seinem Publikum viel abverlangt.

Wenig Neues

Wenn Léo von zwei Kunden mit einem übergroßen Analplug malträtiert wird, bis das Blut fließt, steht Sauvage mitunter an der Grenze zum voyeuristischen Blick auf dieses Elend. Nichtsdestotrotz findet das französische Drama zwischen solch drastischen Darstellungen immer wieder einige der berührendsten zwischenmenschlichen Momente, die es in diesem Jahr auf der Leinwand zu sehen gab. Das liegt besonders daran, mit welcher Hingabe und Empathie sich den Figuren genähert wird, die man mit all ihren Ecken und Kanten ins Herz schließt. Hier wird rastlos nach Küssen und Umarmungen gesucht, auch wenn diese Zärtlichkeit in Leós Welt offenbar nur im Moment der Ausbeutung und körperlichen Selbstvernichtung erfolgen kann. Bleibt zwischen der Kundschaft nur die Annäherung mit anderen Kollegen. Das einzige Problem von Sauvage ist dabei nur, dass er wenig Neues zu erzählen hat. Das Drama gibt sich mit einer bloßen Zustandsbeschreibung zufrieden und spielt all das durch, was schon in vielen anderen Filmen über den Straßenstrich gezeigt wurde. Da bleibt auch die finale Flucht in die unberührte Natur ein Klischee.

Fazit

Sauvage gewinnt der Studie des Prostitutionsaktes wenig Neues ab, entwickelt sich aber mit eindringlich schmerzhaften Momenten zu einem bewegenden Drama.

 

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SAUVAGE

Regie und Drehbuch: Camille Vidal-Naquet

Kinostart: 29.11.2018

FSK 16

Laufzeit: 99 Minuten

Cast: Félix Maritaud, Erica Bernard, Nicolas Dibla und andere