Filmkritik

Roma: Das Wunder von Netflix

Star-Regisseur Alfonso Cuarón meldet sich mit einem neuen Film zurück und bewirbt sich für sämtliche wichtige Preise der Filmbranche. Sein Drama "Roma" kommt mit allerhand Vorschusslorbeeren daher und wird ihnen tatsächlich gerecht.
Szene aus "Roma"
Cleo ist die gute Seele des Hauses

Je mehr der Streamingdienst Netflix an Reichweite und Einfluss gewinnt, desto kontroverser werden die Diskussionen um ihn, wenn Eigenproduktionen auf einmal für wichtige Preise nominiert werden sollen, oder Filme einfach aus dem Kino "geklaut" werden (zuletzt der Fall bei Alex Garlands Sci-Fi-Träumerei Auslöschung). Mit Roma folgt der nächste Paukenschlag. Immerhin ist das neue Werk des mexikanischen Regisseurs Alfonso Cuarón bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet worden und gilt als einer der größten Favoriten der diesjährigen Preis-Saison, für deren Nominierungen der Streifen doch noch eine limitierte Kinoauswertung erhalten musste.

Der große Oscar-Anwärter flimmert nun also über den heimischen Bildschirm. Ob der Großteil des Netflix Publikums mit Roma seine Freude haben wird, scheint zweifelhaft, denn mit der schnellen Unterhaltung für zwischendurch hat das Drama nichts gemein. Cuarón selbst sagte über den Streaming-Deal, dass er sich vor allem Langlebigkeit und eine größere Reichweite des Films erhoffe, während das Kino an Bedeutung verliere. Ironischerweise sprengt Roma sämtliche Grenzen des Online-Fernsehens und ebnet den Weg zurück ins Lichtspielhaus.

Faszinierendes Zeitzeugnis

Bei Alfonso Cuarón handelt es sich um einen der wohl begabtesten Filmemacher unserer Zeit. Seine verstörende Zukunftsvision Children of Men zählt zu den Top-Vertretern moderner Dystopien, der schweißtreibende und technisch referenzwürdige Weltraumtrip Gravity wurde 2014 zuletzt mit sieben Oscars ausgezeichnet. In Roma feilt Cuarón weiter an seinem einzigartigen Umgang mit dem Medium Film und legt sein bisher persönlichstes Werk vor.

Szene aus "Roma"
Die Familie ist auf ihre Haushälterin angewiesen

Nach zerstörten Städten und den unendlichen Weiten des Weltalls begibt er sich in einen schlichten Hinterhof, irgendwo im Stadtbezirk Roma in Mexiko-City. Hier steht eine Wasserlache auf den Fliesen, darin gespiegelt ein vorbeiziehendes Flugzeug am Himmel, das in die Ferne aufbricht.

Die Haushälterin Cleo wird dieses Flugzeug wahrscheinlich nie betreten, ein Ausbruch aus ihrem Mikrokosmos bleibt ihr verwehrt. Sie schrubbt den Boden, wäscht die dreckige Wäsche und kümmert sich nebenbei noch um die vier Kinder der Familie, für die sie arbeitet. Cleo, wunderbar gespielt von Yalitza Aparicio, ist die gute Seele des Hauses, während sie stillschweigend Zeugin des turbulenten Lebens in ihrem Umfeld wird. Ihre unglückliche Vorgesetzte Sofía (Marina de Tavira) wartet auf die Rückkehr ihres Gatten, draußen auf der Straße marschieren aufgebrachte Demonstrierende. Es sind die 70er Jahre, unzählige Studierende protestieren, was in gewaltsamen Auseinandersetzungen gipfelt, in die auch die Familie verwickelt werden wird. Alfonso Cuarón zeigt mit Roma ein mitreißendes Portrait dieser Zeit und lässt das Publikum voll und ganz in die Geschichte eintauchen.

Mächtige Alltagsbilder 

Roma hat auf den ersten Blick wenig Handlung, das Erzähltempo in diesem Film ist so stark entschleunigt, dass man eine ganze Weile braucht, um sich ganz dem Geschehen hinzugeben. Cuarón, der hier autobiographische Erlebnisse aus seiner Kindheit verfilmt hat, schwelgt im Alltag seiner weiblichen Hauptfigur und findet dabei zu neuer filmischer Virtuosität. Die atemberaubenden Schwarz-Weiß-Bilder gehören zu den schönsten, die es dieses Jahr zu sehen gab.

Szene aus "Roma"
Cleo eilt zur Rettung

Schwerelos gleitet die Kamera durch Landschaften, rotiert im Haus, während man Cleo in Echtzeit beim Erledigen ihrer Arbeit zusieht. Immer wieder ohne Schnitte, die vielen Plansequenzen sind beeindruckend choreographiert. Hier wird eine überwältigende Kraft im Profanen, ja fast eine Heiligkeit in der Auseinandersetzung mit dieser Figur der Cleo gefunden, die in einer Szene im Krankenhaus einen herzzerreißenden, tragischen Höhepunkt finden wird.

Zusammen mit dem Dolby-Atmos-Ton finden hier die Bild- und Klangwelten Cuaróns eine Einheit, die den Film zu einem technischen Meisterwerk emporheben. Das Geschirr klappert im Haus, die Flugzeuge fliegen dröhnend über dem Haus, die Krawalle auf den Straßen nehmen apokalyptische Ausmaße an und im Finale taucht Roma in die raue See ein, deren brechende Wogen donnernd in den Kinosaal überschwappen zu scheinen. Hier gelingt tatsächlich so etwas wie ein Mittendrin-Gefühl und die Grenzen zum Dokumentarischen verschwimmen. Cuaróns Streben nach absolutem Realismus, nach dem ungeschönten Leben erreicht hier ein Maß an Authentizität, das Erinnerungen an ikonische Filmemacher wie Pier Paolo Pasolini (Accatone, Mamma Roma) weckt, der seinerzeit ebenfalls nach dem Heiligen der Außenseiter und der "einfachen" Bevölkerung suchte. Wenn das Häusliche verlassen wird und man die Welt da draußen erkundet, wendet sich die Bildgewalt dieses Films schließlich fast hin zu einem magischen Realismus. Egal ob Spülbecken oder brennende Wälder: Man glaubt, all diese Dinge zum ersten Mal zu sehen.

Eine Heilige

Cuaróns verklärende Charakterstudie mag zum Teil etwas ermüdend sein und doch ist es ein Film über das Leben selbst, in dem ganz viele Dinge gleichzeitig passieren, auch wenn man sie kaum alle erfassen kann. Roma erklärt weder politische Hintergründe der Unruhen auf den Straßen noch hinterfragt er das Abhängigkeitsverhältnis, in das sich die mexikanische Haushälterin in ihrer Not begeben hat. All das muss außerhalb des Kinosaals beziehungsweise später in den eigenen vier Wänden vom Publikum ergründet werden.

Roma geht weg vom erzählenden bis zum emotionalen Überwältigungskino, das zu menschlicher Zuneigung, Würde und Nächstenliebe findet, verhandelt an einer Frau, die vom Leben gezeichnet ist und sich trotzdem für eine fremde Familie aufopfert. Ihr symbolischer Aufstieg in der letzten Szene des Films lässt sie endgültig zur Heiligen und den Film zu einem denkwürdigen, wenn auch diskussionswürdigen Meilenstein werden. Roma ist ein Werk, das mit seiner archaischen Wucht das Potential besitzt, die Grenzen des heimischen Streaming-Genusses aufzuzeigen. Das Ausgeliefertsein gegenüber den gewaltigen Panoramaaufnahmen auf der großen Leinwand, dem einhüllenden Ton, der zu Hause nur schwer zu kopieren sein wird. Dieses Drama ermahnt an die Kraft des Kinos!

Fazit

Ein bild- und klanggewaltiges, wenn auch anstrengendes Meisterwerk, dessen wahre Größe sich erst nach und nach entfaltet. Roma hat das Zeug zum modernen Klassiker!

 

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Janick Nolting
14.12.2018 - 15:32
  Kultur

Roma

Regie und Drehbuch: Alfonso Cuarón

Laufzeit: 135 Minuten

FSK: 12

Kinostart (in einigen ausgewählten Kinos): 06.12.2018

Netflix-Veröffentlichung: 14.12.2018

Cast: Yalitza Aparicio, Marina de Tavira, Carlos Peralta und andere

"Roma" wurde unter anderem in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ist für drei Golden Globes nominiert und der mexikanische Oscar-Beitrag für die Kategorie "Bester Fremdsprachiger Film".

Nach zwei Vorführungen im Cinestar Leipzig wird der Film am 20.12.2018 noch einmal im Luru Kino gezeigt.