Porträt

Über Partysmalltalk und Superkräfte

Sein Job fängt da an, wo sich andere Leute vor Entsetzen übergeben. Nein, "Markito" Mark Benecke ist nicht der NDR Tatortreiniger, sondern Kriminalbiologe. De Facto heißt das, sein Job ist es, Leichen auf Blutspuren und Insekten zu untersuchen.
Mark Benecke beim Vortrag
Mark Benecke im Auditorium der Uni Leipzig

Mark, heute 48 Jahre jung, wollte als Kind eigentlich immer Koch werden. Aber wer weiß, vielleicht wäre ihm dann ein Topf auf den Fuß gefallen, und hätte ihn für immer verletzt, schmunzelt er. Mittlerweile ist er nun schon über 25 Jahre lang Kriminalbiologe. Am meisten an seinem Job gefällt Mark aber die Abwechslung.
Ähnlichkeit in den Fällen gibt es nicht, jedes Delikt ist ein neues Rätsel, was nur darauf wartet, entdeckt zu werden.

Das ist wie ein riesiger Spielplatz, den man mit naturwissenschaftlichen Techniken beackern kann.

Mark Benecke
Mark Benecke im Interview
Mark Benecke 5

Nachteulen kennen ihn vielleicht aus der Kriminalserie "Medical Detectives", in der schon manch spektakulärer Fall durch die Wissenschaft aufgelöst wurde - unter anderem durch Mark Benecke. In der Realität ist sein Job aber wenig so, wie auf der Leinwand. Für Mark gibt es keinen verrücktesten oder absurdesten Fall, nur sein kleines Labor und die Naturwissenschaft. Wer gerne mal beim wöchentlichen Tatort miträt und sich mittlerweile für Sherlock höchstpersönlich hält, ist bei ihm an der falschen Adresse. In Marks Berufsfeld gibt es keine Erfahrungen oder Grundannahmen. Kein Gut und Böse. Kein Spekulieren. Nur die Wissenschaft. Sein Beruf sei in erster Linie Aktenfresserei und Datenverwertung.

Nicht Denken, nicht Meinen, nicht Glauben, nicht Hoffen, nicht Wünschen, nicht Wollen. Sondern Messen.

Mark Benecke

Eine seltene Superkraft

Zum Ende des Sommersemesters gab Benecke die Schlussvorlesung im Auditorium der Uni Leipzig. Rund 1000 Studierende und Interessierte wollten seinen Vortrag zum Thema Blutspuren nicht verpassen. Die Karten waren restlos ausverkauft. Einige warteten schon drei Stunden vor Einlassbeginn vor den Türen des Hörsaals, um die besten Plätze zu ergattern. Laut Benecke selber sei seine Arbeit für die meisten Menschen allerdings komplett langweilig. Wenn er auf Partys nach seinem Beruf gefragt wird, antwortet er stets mit "Biologe".

Mark Benecke im Audimax
Mark Benecke

Das beendet dann direkt das Gespräch. Biologe, das sei wie Buchhändler, sagt Mark. Entweder die Menschen antworten mit dem Erstbesten, was ihnen einfällt - oh, Biologe, ja Mensch, ja ich habe ja auch einen Baum im Garten -  oder müssen plötzlich ganz schnell los, ist ja immerhin schon spät, versteht sich.

Ich glaube du brauchst schon diese Superkraft, die auch eine Superschwäche ist. Ich sehe die Spuren sowieso,  das ist für mich halt wie Atmen.

Mark Benecke

Trotzdem kann sich Mark keinen anderen Beruf vorstellen. Der Kölner ist in seinem Feld weltweit bekannt. Als Gastdozent und Ausbilder unterrichtet er Studierende und Polizeischüler rund um den Globus. Trotzdem gibt es laut Mark kaum Menschen, die seinen Beruf machen wollen. Im Vortrag erzählt er von seinen ehemaligen Studenten. Keiner von ihnen wurde Kriminalbiologe, so wie ihr Mentor. Den meisten Menschen fehle die Liebe zum Detail, so Mark.

Die elende Fragerei

Marks Begeisterung für die Naturwissenschaft begleitet ihn schon seit Kindestagen. Später studierte er Psychologie und Biologie. Durch eine Promotion zu genetischen Fingerabdrücken kam er schließlich zur Forensik. Seine Leidenschaft, alles zu entdecken und zu hinterfragen, habe den Ursprung in seiner Kindheit. In der Kölner Westplatte, in der Benecke aufgewachsen ist, hätten die Leute das ewige Gefrage nicht ernst genommen, so Mark. Das habe sich auch nicht geändert. Noch heute reagieren die Menschen auf seine Fragerei oft irritiert und genervt.

Die Leute denken dann, ich würde ihnen irgendwie mit Absicht auf den Wecker gehen wollen, oder so.

Mark Benecke

Ist das auch klausurrelevant?

Mark Benecke im Interview
Mark Benecke 3

 

Am Abend der Abschlussvorlesung schaut man allerdings in kein einziges genervtes Gesicht. Mark zieht die Zuhörenden in seinen Bann. Als er dann auch noch das erste Foto einer echten Leiche zeigt, ist die Menge ihm verfallen. Rund anderthalb Stunden erzählt der Biologe scheinbar locker aus der Hüfte heraus und ohne Skript von seiner Arbeit. Bevor die zweite Hälfte des Vortrags beginnt, gibt Mark zahlreiche Autogramme und posiert für Selfies. Jeder will sein Foto mit dem Herrn der Maden. Vorne an der Bühne steht ein Behälter voller Fauchschaben – aber bitte nur Gucken! In der Pause läuft laut Techno auf den Lautsprechern des Hörsaals. Auf den Bildschirmen zählt ein Counter exakt zwanzig Minuten runter, bis lautes Wolfsheulen das Ende der Pause ankündigt. Eine Szenerie, die kaum absurder sein könnte, und dennoch so unglaublich gut zum Charakter des Biologen passt. Und obwohl Mark Benecke auf Partys ungern über seinen Job redet, kann er genau das unheimlich gut. Wer weiß, vielleicht versteckt sich in der Menge der Studierenden ja sein Nachfolger.

 

Der Beitrag zum Nachhören:

Porträt Mark Benecke

 

 

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