DOK 2018

Ojo Guareña: Im Dunkeln

Tief unter die Erde führt einen die Regisseurin Edurne Rubio auf dem 61. DOK - Festival. In ihrem Film "Ojo Guareña" sperrt sie das Kinopublikum in eine dunkle Höhle.
Szene aus "Ojo Guarena"
Expedition durch die Dunkelheit

Das Bild ist pechschwarz. Leise tropft das Wasser auf den steinernen Boden. Zwischendurch rumort es bedrohlich aus den Untiefen der Erde. Man befindet sich in der Ojo Guareña, einem riesigen Höhlensystem in Nordspanien, eingehüllt in völliger Dunkelheit. Nur vereinzelt durchbricht ein kleiner Lichtkegel von Taschen- oder Stirnlampen von Höhlenforschern die Finsternis und blendet das Publikum. Edurne Rubio begreift den Kinosaal selbst als Höhle, weitet den filmischen Raum bis in den Zuschauerraum auf, bis die Leinwand als solche unsichtbar wird. Das mag für einige Teile des Publikums verstörend wirken, immerhin sieht man die meiste Zeit über buchstäblich nichts und muss sich nur auf sein Gehör verlassen.

Kino, das ist Lichtspiel, das auf einer Leinwand etwas erscheinen und sichtbar werden lässt. Das ist das Publikum, das davorsitzt und gemeinsam etwas erlebt. Die Regisseurin spielt mit diesem Konzept und stellt es auf den Kopf. Das einzige, was man hier oftmals auf der Leinwand zu sehen bekommt, ist Schrift. Genauer gesagt die Untertitel zu den Stimmen, die aus dem Off Geschichten über die Höhle erzählen.

Geschichten aus der Unterwelt

Da wird von Vätern und Söhnen erzählt, die die Höhle erkunden. Geschichten aus dunklen Zeiten des Landes. Von Krieg und Bestrafung. Von archaischen Ritualen. Davon, wie man früher Tiere im Höhlenschacht entsorgt hat und manchmal wohl auch Menschen. Obwohl man nichts sieht, werden die Geschichten erschreckend lebendig vor dem geistigen Auge und bebildern den Schauplatz mit all seiner Ambivalenz. Schönheit und Schrecken liegen in diesem Höhlensystem eng beisammen. Von gigantischen Gesteinshallen kommt man in kleinste Gänge, durch die man sich kriechend hindurchzwängen muss und Menschen, die unter Klaustrophobie leiden, wohl an ihre Grenzen bringen wird.

Man fühlt die beklemmende Enge und die endlose Schwärze und Leere, in der man sich verirren kann, während man ununterbrochen das nahe und entfernte Platschen der Wassertropfen in der Höhle hört. Das mögen manche als abstruses Konzeptkino abstempeln, ist aber ein ganz besonderes Kinoerlebnis in der diesjährigen DOK-Woche, in dem man sprichwörtlich alles um sich herum vergessen kann. Die Zeit steht still in diesem Sinneskino, das zweifellos zu den Geheimtipps des 61. DOK Festivals gehört. Wenn die Regisseurin dann doch die durchdringende Finsternis durchbricht und die Höhlenwände bestrahlt, gibt es majestätisch schöne und ebenso geheimnisvolle Bilder zu sehen, bevor das Publikum wieder ins Dunkel gestürzt wird.

Fazit

Ojo Guareña ist ein originelles wie betörendes Kunstwerk, das ein spektakuläres Naturschauspiel sinnlich erfahrbar machen lässt. Mehr Hörspiel als Film und doch eine faszinierende Auseinandersetzung mit dem Kino selbst. 

 

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Janick Nolting
03.11.2018 - 11:19
  Kultur

Ojo Guareña feiert internationale Premiere im Internationalen Wettbewerb des 61. DOK Festivals.

Regie: Edurne Rubio

Laufzeit: 55 Minuten

Screenings am 1.11. (20 Uhr, Cinestar), 2.11. (16.30 Uhr, Cinestar) und 4.11.2018 (13.15 Uhr, Cinestar).