Filmkritik

November: Grusel-Märchen aus Estland

Filme aus Estland sind eher rar gesät und schaffen es meist schon gar nicht auf die große Leinwand. Ganz im Gegensatz zu dem Geheimtipp "November", der einen in eine surreale Märchenwelt entführt.
Szene aus "November"
Die Dorfbevölkerung ist mit dem Teufel im Bunde

Ein hölzernes, kreuzförmig zurechtgezimmertes Etwas aus Sensen, Äxten und einem Tierschädel kraxelt durch den Wald. Es klopft an den Kuhstall, zerschlägt die Tür. Für die arme Kuh hat das letzte Stündlein geschlagen. Die Kette wickelt sich um sie, bevor das hölzerne Ungetüm wie ein Propeller drehend abhebt und die Kuh mit sich reißt, die kurz darauf über die Baumwipfel hinwegfliegt.

Szene aus "November"
Ein weiblicher Werwolf treibt sein Unwesen

Schon diese skurrile Anfangssequenz ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das Kuriositätenkabinett, das Regisseur Rainer Sarnet in seiner Verfilmung des Romans Rehepapp auf die Leinwand gezaubert hat.

Gemessen an der verschwindend geringen Anzahl an Filmen, die aus Estland kommen und einem internationalen Publikum zugänglich gemacht werden, ist es umso erstaunlicher, wenn dann so ein skurriles Werk wie November mit seinem düsteren Weltbild über die Leinwände flimmert. Ein Film, der mit den gewöhnlichen Sehgewohnheiten bricht und ein wunderschönes  und ebenso albtraumhaftes Universum zeigt, das irgendwo zwischen den Gebrüdern Grimm und expressionistischen Gemälden angesiedelt ist. Wenn hier am Anfang ein älterer Herr ganz selbstverständlich davon berichtet, wie seine Großmutter einst in der Sauna riesige Hühner gesehen hat, die sich mit Birkenzweigen verprügelt haben, glaubt man ihm das aufs Wort, denn hier scheint alles möglich.

Düstere Folklore

November spielt im 19. Jahrhundert und zeigt ein Dorf, das von Armut und Elend geplagt ist. Man verkauft die eigene Seele, um sich irgendwie über Wasser zu halten. Als Gegenleistung erweckt einem das Böse die

Szene aus "November"
Der Pöbel ersucht Gottes Beistand

sogenannten Kratts, jene zurechtgebauten Schrotthaufen, zum Leben. Ein Wolfsmensch tritt auf, Geister besiedeln die heruntergekommenen Häuser und im dunklen Wald erscheint zu Blitz und Donner der Teufel höchstpersönlich in Gestalt eines exzentrischen alten Mannes mit heulendem Lachen. November gelingt es, einen in Kindheitstage zurückzuversetzen, als man sich noch vor düsteren Märchen angenehm gegruselt hat. Ein Horrorfilm ist das jedoch keinesfalls geworden, denn innerhalb dieses grotesken Mixes aus schwarzhumorigem Märchen und surrealer Schauergeschichte entspinnt sich eine zarte Romanze zwischen zwei jungen Liebenden, die sich doch nicht annähern können.

Verstörtes Staunen

Auf der Tonspur schrammelt bedrohlich die E-Gitarre, die Kamera fängt wunderbar fotografierte Schwarz-Weiß-Bilder ein. Audiovisuell ist November in einigen Szenen schlichtweg atemberaubend. Die entrückte Optik schafft Bilder, die sich in diesem Kinojahr ins Gedächtnis einbrennen. Da werden Kamerawinkel genutzt, die Männer in ihrer plötzlich beklemmend klein wirkenden Hütte wie Riesen erscheinen lassen und auch die eingangs erwähnten Riesenhühner bekommen ihren Auftritt.

Regisseur Rainer Sarnet hat dabei keinesfalls einen leicht konsumierbaren Film geschaffen. November ist in gewisser Weise sperrig geraten, denn es ist nicht immer einfach, der Geschichte zu folgen, die besonders in der zweiten Hälfte von der Fülle an Metaphern und abstruser Fantastik immer wieder erstickt wird. Die bittere letzte Note, mit der der Film endet, sitzt dennoch. Man ist froh, wenn man erlöst ist und doch hat man den Aufenthalt in diesem durch und durch lebendigen Mikrokosmos genossen.

Fazit

Ein fiebriges, schaurig-schönes Märchen für Erwachsene! November zählt zu den großen Geheimtipps des Jahres 2018. 

 

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Janick Nolting
29.11.2018 - 14:33
  Kultur

November

Kinostart: 29.11.2018

FSK 16

Laufzeit: 115 Minuten

Regie: Rainer Sarnet

Der Film wird im Leipziger Luru Kino gezeigt.

"November" erscheint am 22.02.2019 auf DVD und Blu Ray.