Theaterrezension

Zwischen Zweifel und Hoffnung

Das Leipziger Schauspiel hat sich mit Armin Petras in dieser Spielzeit wieder an eine Doppelbefragung gewagt, dieses Mal auf Grundlage des Romans "Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada und dem Text "Die Leipziger Meuten" von Sascha Lange.
Die Leipziger Meuten
Die Leipziger Meuten

Ein bleierner Betonblock, der sich über drei Etagen erstreckt, daran in Neonfarben schreiende Plakate der Hitlerjugend. Aus der Ferne schallert das knackende Mikrofon von Obergruppenführer Heitler, der mit stolzer Brust die Unterwerfung Frankreichs verkündet. Das ist der Dreh- und Angelpunkt der Lebenswelt von Ehepaar Quangel und den Leipziger Meuten, die jeder auf ihre eigene Art und Weise versuchen einen Umgang mit dem Nationalsozialismus zu finden. Und das unter widrigen Umständen.

Der Nährboden für Zweifel

„Mit Robertchen? Was soll denn mit dem sein? Nichts ist mit ihm. Es gibt kein Robertchen mehr.“

Frau Quangel

Nachdem das Ehepaar Quangel die Nachricht erhält, dass ihr einziger Sohn an der Front ums Leben gekommen ist, entreißt es Frau Quangel sprichwörtlich den Boden unter den Füßen. Damit einher geht auch der Verlust des gebetsmühlenartig wiederholten Glaubenssatzes an die Ordnung, die alles haben muss.

„Du mit deinem scheiß Führer!“

Frau Quangel

Gerade in der Figur von Frau Quangel, gespielt von Julischka Eichel, zeichnet sich sowohl stimmlich als auch körperlich die innere Zerrissenheit zwischen Hoffnung auf Veränderung und Überzeugung über die Ausweglosigkeit ihrer Lage ab. Der gesäte Zweifel am Regime findet schließlich weiteren Nährboden im zunehmend verschärften Alltag zwischen Verrat, Verfolgung und Verhaftung. Als Lösung dient das Auslegen von selbst geschriebenen Postkarten, die zum Widerstand gegen den Führer aufrufen.

Hoffnung auf Widerstand

Der Regisseur Armin Petras verbindet die Romangrundlage von Hans Fallada in der Tradition der Doppelbefragung am Leipziger Schauspiel nonchalant mit der Geschichte um die von Sascha Lange erforschte Geschichte der Leipziger Meuten, welche der Hitlerjugend als oppositionelle Jugendbewegung während des Nationalsozialismus die Stirn bot. Die Leipziger Meuten, dargestellt vom spielfreudigen Ensemble des Studio Leipzig, verstehen sich als der

gute Samen im Acker voll Unkraut

Trude

Sie sind es dann auch, die die Inszenierung durch ihre oft überstürzten, dafür aber umso überzeugteren Aktionen und Überfälle auf die Oldschool-Nazis aufmischen und Hoffnung auf Widerstand keimen lassen. Ihnen überlässt Petras es, die durch die gezielte musikalische Untermalung zeitweilig entstehende bleierne Stimmung mit pointierter Situationskomik zu durchbrechen und dem Zuschauer so ein wenig Luft zum Atmen zu verschaffen.

Ein Stoff im Hier und Jetzt?

Obschon der Roman „Jeder stirbt für sich allein“ im Deutschland der 1940er Jahre spielt, und die Meuten auch zu dieser Zeit agiert haben, wirkt vor allem die jüngere Generation im Stück manchmal mit ihren modernisierten Kostümen und englischsprachigen Plakaten à la „rechts rules“ oder „fck hj“ in die heutige Zeit versetzt. Manch Zuschauende mögen den Stoff in die heutige Zeit transferieren können, eine wirkliche Brücke scheint Petras aber nicht schlagen zu wollen.

Fazit

Trotz etwas mehr als drei Stunden Spieldauer mit einer Pause schafft es die Inszenierung durch die schnellen Szenenwechsel und die schauspielerische Leistung des Ensembles das Publikum bis zum Ende des Kampfes um Selbstbestimmung und Autonomie mitzunehmen. Besonders das Ehepaar Quangel verkörpert durch Julischka Eichel und Wenzel Bannemeyer überzeugen mit ihrer Bühnenpräsenz. Schonungslos und ohne moralischen Zeigefinger weisen sie auf die Frage nach der eigenen Verantwortung für sich selbst und andere in Zeiten faschistischer Entwicklungen.

 

Die Rezension zum Nachhören:

Moderator Moritz Döring mit Redakteurin Anna Hoffmeister

Moderation Moritz Döring

Rezension Jeder stirbt für sich allein / Die Leipziger Meuten
 

Kommentieren

Jeder stirbt für sich allein / Die Leipziger Meuten

Premiere: 19. Januar 2019

Spielort: Schauspiel Leipzig

Regie: Armin Petras

Darstellende:

Julischka Eichel als Anna Quangel
 
Wenzel Banneyer als Otto Quangel
 
Tobias Amoriello als Meutenmitglied Hans / Polizist
 
Ron Helbig als Meutenmitglied Rolf
 
Philipp Staschull als Meutenmitglied Wolfgang / Marktfrau
 
Friedrich Steinlein als Meutenmitglied Rudi / Polizist
 
Paul Trempnau als Meutenmitglied Karl
 
Nicole Widera als Eva Kluge / Meutenmitglied Lila
 
Nina Wolf als Frau Heitler / als Meutenmitglied Martha
 
Aufführungstermine:
26. Januar 2019
08. Februar 2019
27. Februar 2019