Gottesdienst der anderen Art

Zwischen Maske und Spiegel

Alljährlich findet der Szenegottesdienst des Wave-Gotik-Treffens in der Peterskirche statt – so auch dieses Jahr am Pfingstsonntag. Wir waren vor Ort, um herauszufinden, wie Christentum und Gothickultur zusammenpassen.
Ein Mann auf einer Bühne.
Der Gottesdienst der schwarzen Szene in Leipzig - Gothic Christ

 "Gothic Christ"

So heißt die Veranstaltung, die jedes Jahr am Pfingstsonntag viele Anhänger der "schwarzen Szene" und des Christentums zusammenbringt. Im atmosphärischen Ambiente der gotischen Peterskirche treffen so zwei Dinge aufeinander, die für viele Menschen auf den ersten Blick schwer miteinander vereinbar sind. Dass Kirche und Gothic durchaus zusammengehören, zeigte aber auch dieses Jahr der Szenegottesdienst. Er bietet vielen Anhängern des christlichen Glaubens und der Gothickultur einen Ort des Zusammenkommens und animiert dazu, ins Gespräch zu kommen. Aber auch für Neugierige, Sympathisanten und Interessierte standen die Türen am Sonntag offen.

Dunkle Ästhetik

Die Peterskirche wurde zu diesem Anlass festlich geschmückt. Kerzen, Efeuranken und Livemusik erschufen sofort beim Betreten des Bauwerks einen ganz eigenen Reiz. Gerade diese ästhetische und inszenierte Darstellung ist ein wesentlicher Teil der Gothickultur. So waren auch die beiden Prediger Pätrick Thiele und Franz Steinert in historische, aber dennoch zeitgemäße Kostüme gekleidet. Während Franz Steinert ganz in schwarz den Gottesdienst moderierte und begleitete, sprach Pätrick Thiele im weißen Anzug und mit von einer Pestmaske verdecktem Gesicht über seinen Weg zur schwarzen Szene und darüber hinaus zum christlichen Glauben. 

Kirche
 

"Maske und Spiegel"

Unter diesem Motto ging es im Szenegottesdienst um das tragen von Masken im alltäglichen Leben. Mit den Worten: "Der Mensch trägt viele Masken in seinem Leben, egal ob er sich dahinter versteckt oder sich mit ihnen ausprobiert, um zu erfahren", fasste Pätrick Thiele das Thema in Worte. Auch der Spiegel steht hier als Symbol der Selbstreflexion. Wen sieht man im Spiegel? Kann man sich darin betrachten und sich dabei wohlfühlen, oder kann man es nicht? In diesem Sinne sollte das Motto auch einen Denkanstoß liefern und den Besuchern die Möglichkeit geben, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Gothic und Christentum – wie passt das zusammen?

Das Vorurteil, das Gothic eher in den satanistischen Bereich hineingehört, steckt in vielen Köpfen. Vielmehr ist es jedoch das Interesse der Szene am Spirituellen und Mysthischen. Durch dunkle Kleidung und ein oftmals düsteres Aussehen tragen viele Anhänger der schwarzen Szene ihr Gefühlsleben in die Öffentlichkeit. Auf der einen Seite ist es natürlich Provokation, auf der anderen aber auch eine Sache der Gefühlswelt eines Individuums. Ein Punkt den Franz Steinert anspricht, um zu zeigen, dass Christentum und Gothic auf jeden Fall Punkte haben, an denen sie sich schneiden, ist beispielsweise die Auseinandersetzung mit dem Tod. In vielen Gesellschaftsbereichen ist er ein ungern angesprochenes Thema. Gothic sowie Christentum setzen sich mehr mit dem Leben nach und vor dem Tod auseinander und das aus einer philosophischeren Sicht.
Pätrick Thiele betonte außerdem, dass das Christentum eine geistliche und die Gothicszene an sich eine kulturelle Heimat für ihn sei. Warum also sollten sich diese zwei Bereiche aneinander reiben oder einander ausschließen?

"Gothic Christ" - Ein Beitrag von Ole Zender
Gothicgottesdienst

 

 

Kommentieren

Ole Zender
10.06.2014 - 17:52
  Kultur