Eisenbahnstraße

Zwischen Kriminalität und Freiraum

Der Stadtteil um die Eisenbahnstraße in Leipzig hat einen schlechten Ruf. Zumindest, was die Sicherheit angeht. Woher kommt das? Eine Ausstellung im Pöge-Haus thematisiert den Stadtteil.
Eisenbahnstraße
Von Medien als gefährlicher Ort bezeichnet, bei Studenten als Wohngegend beliebt – die Eisenbahnstraße.

Das Pöge-Haus steht für die nächsten Wochen im Zeichen der Eisenbahnstraße. "Der Hafen der Stadt" heißt die neue Ausstellung, die noch bis zum 23. Februar zu sehen ist. Sie besteht aus mehreren Teilen: Einmal berichten die Bewohner des Viertels und erzählen ihre Geschichten. Das ist in Videoinstallationen zu sehen sowie in persönlichen Ankunftsgeschichten, die als einzelne Elemente von der Decke hängen. Sie kamen zu unterschiedlichen Zeiten in die Eisenbahnstraße: Sowohl vor ein paar Jahren erst als auch bereits in den 70er Jahren. Viele berichten vom negativen Image des Viertels, dass sich für sie meist nicht bestätigte.

Informationen zur Ausstellung können Sie hier nachhören:

Moderator Lukas Raschke im Gespräch mit Reporterin Pia Uffelmann
 

Schlechter Ruf schon seit Beginn

Dann ist außerdem eine historische Einordnung zu sehen. Darin wird sichtbar, dass die Eisenbahnstraße den schlechten Ruf eigentlich schon hat, seitdem es das Viertel gibt. Es besteht seit Ende des 19. Jahrhunderts und war von Anfang an ein Arbeiterviertel. Es hatte lange den Ruf des roten Ostens, der sich erst ab 1933 langsam verliert. Zu DDR-Zeiten lebten dann viele an der Eisenbahnstraße, die der sozialistischen Norm nicht entsprachen.

Im Pögehaus wird auch gezeigt, wie die Eisenbahnstraße früher aussah.

Mit dem Ruf beschäftigt sich auch eine Podiumsdiskussion am 23.01, die die Ausstellung begleitet. Auf dem Podium sitzen neben dem Polizeipräsidenten Leipzigs, Bernd Merbitz, auch zivilgesellschaftliche Akteure. Dazu zählt Özcan Karadeniz, der stellvertretender Vorsitzender des Migrantenbeirates der Stadt Leipzig ist und auch für den Verband binationaler Familien und Partnerschaften in Leipzig arbeitet. Mit ihm sprachen wir über die Eisenbahnstraße.

Das Interview mit Özcan Karadeniz finden Sie hier zum Nachhören oder im Folgenden zum Nachlesen:

Reporterin Pia Uffelmann im Gespräch mit Özcan Karadeniz über die Eisenbahnstraße
 

mephisto 97.6: Özcan Karadeniz, Sie sind stellvertretender Vorsitzender Migrantenbeirat der Stadt Leipzig und arbeiten für den Verband binationale Familien und Partnerschaften in Leipzig. Für die Podiumsdiskussion "Der Ruf der Eisenbahnstraße" sitzen Sie auf dem Podium. Was ist Ihre Perspektive auf die Eisenbahnstraße?

Özcan Karadeniz: Für mich ist die Eisenbahnstraße ein sehr lebendiger Stadtteil. Ein Stadtteil, einer der wenigen in Leipzig, vielleicht sogar in ganz Sachsen, in dem migrantisches Leben stattfindet. In dem migrantische Strukturen gewachsen sind über die Jahre. Und das ist für mich erstmal etwas sehr Positives.

Schaut man in die Lokalpresse oder auch in die Polizeiberichte, scheint es auf der Eisenbahnstraße ein sehr schwieriges Pflaster zu sein. Es ist von Schießereien zu lesen und es ist auch für das Drogenmilieu bekannt. Wieso ist gerade dieses Viertel scheinbar so gefährlich?

Ich persönlich glaube, dass es ein Phänomen ist, dass wir nicht nur in Leipzig, sondern in der ganzen Bundesrepublik und auch darüber hinaus beobachten können. Es gibt einfach immer wieder in Großstädten bestimmte Stadtteile, in denen es vor allem soziale Probleme gibt. Das sind Stadtteile, in denen vorwiegend billiger Wohnraum vorhanden ist, was wiederum ein bestimmtes Milieu an Menschen anzieht. Häufig es ist auch so, dass Migranten auf solche Wohnräume angewiesen sind. Ich glaube, dass dieses Sammelsurium erstmal eine Grundlage bietet, dafür, dass es Spannungen geben kann.

Würden Sie in diesem Zusammenhang auch davon sprechen, dass die Situation in der Eisenbahnstraße überproblematisiert wird?

Ich bin 2011 nach Leipzig gezogen. Damals kannte ich schon einige Menschen hier, habe viele in der Anfangszeit kennengelernt und als ich nur irgendwie erwähnt habe, dass ich im sozialen Sektor arbeite, irgendwas mit Migration zu tun habe, war es so, dass fast ausnahmslos alle Menschen von sich aus auf die Eisenbahnstraße zu sprechen kamen. Auch die, die man eher als links einordnen würde.

Es war so, dass sich innerhalb von wenigen Wochen für mich eigentlich schon so ein Mythos gebildet hat. Es hat, glaube ich, am Ende zwei, drei Monate gebraucht, bis ich das erste Mal in der Eisenbahnstraße war. Und als ich da war, war ich ein bisschen erschüttert. Da habe ich dann irgendwie zwei arabische und drei türkische Läden gesehen und zwei Kopftuch tragende Frauen und habe einfach nicht fassen können, was das hier bei den Menschen ausgelöst hat. Oder auszulösen scheint. Das war für mich der erste Schock. Nicht die Straße selbst, oder die Bewohner, das Ambiente, das dort vorherrscht, sondern vor allen Dingen die Rezeption.

Welche Sichtweisen auf die Eisenbahnstraße sehen Sie denn in der momentanen Debatte nicht repräsentiert, die es eigentlich auch gibt?

Ich finde, dass da zwei Aspekte wichtig sind. Der eine ist natürlich das große Thema Migration und MigrantInnen, die da leben. Aber darüber hinaus ist es natürlich auch ein Stadtteil, der insbesondere sozial schwächeren Menschen Raum bietet und meines Erachtens ist es so, dass es vor allen Dingen auch ein Raum ist, in dem Menschen in gewisser Weise auch Freiräume genießen. Also es gibt bezahlbaren Wohnraum. Ein anderer Aspekt ist, dass viele Menschen engagiert sind, sehr viel schaffen. Es gibt zahlreiche Vereine und Initiativen, die sich dort engagieren.

Was mir in dem Kontext auch noch einmal auffällt, ist, wenn ich in dem Stadtteil mit meinen Kindern unterwegs bin, beispielsweise, einfach weil wir da langschlendern, essen gehen oder irgendwas zu tun haben. Dann merke ich vor allen Dingen, dass meine Kinder sich da wohl fühlen. Wohlfühlen, weil sie sich nicht dem dominanten bürgerlichen Blick ausgesetzt fühlen. Weil sie nicht, wie vielleicht in der Südvorstadt, angesprochen werden und der eher etwas blonder geratenen Tochter dann gesagt wird, dass die Menschen es toll finden, dass sie sich jetzt für Flüchtlinge engagiert, nur weil sie mit der etwas dunkelhaarigeren Schwester zusammen rumrennt. Also es gibt auf der Eisenbahnstraße kein dominantes, bürgerliches Blickregime, dass letztlich einen irgendwie scannt und die ganze Zeit einem auch ein Stück weit ein Unwohlsein bereitet. Und zwangsläufig die Frage, die auch daraus resultiert, ist auch: Wessen Ängste sind in unserer Gesellschaft relevant? Wessen Perspektiven sind die, die zählen? Sind es dann nur die weißen, bürgerlichen Perspektiven, die zählen? Oder gibt es auch Menschen und ihre Perspektiven, die da außen vor bleiben und hinten runter fallen. 

 

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Der Hafen der Stadt. Die Eisenbahnstraße zwischen Verheißung und Verruf ist noch bis zum 23. Februar im Pöge Haus, am Neustädter Markt, zu sehen.

Im Rahmenprogramm gibt es außerdem noch eine szenische Lesung, sowie Podiumsdisskusionen. Thematisiert wird unter anderem der Ruf der Eisenbahnstraße, die Gentrifizierung sowie die Vielfalt im Viertel.