Literatur

Zwischen Isolation und Wettstreit

Von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt und dazwischen ein Essiggürkchen. Der wilde Hormonhaushalt bringt werdende Mütter meist ganz durcheinander. Deswegen scheint auch Sonia vollkommen verrückt zu werden.
Bomer
Die Autorin Paula Bomer

Thilo Körting über Paula Bomers Roman der ungeplanten Schwangerschaft:

Der Beitrag zu Paula Bomers Roman "Neun Monate"
2910 neun monate

Auch wenn sie schon zwei Kinder hat, war es ein Schock. Ganz ungeplant ist Sonia wieder schwanger geworden, dabei hatte sie sich doch gerade so auf den nächsten Abschnitt gefreut: Das Leben ohne Babies, mit Kindern, die nicht mehr getragen oder gefüttert werden müssen. Der Roman "Neun Monate" erzählt von der Sinnkrise in die die werdende Mutter Sonia stürzt. Wieso überhaupt Kinder kriegen? Für die Autorin Paula Bomer ist das klar.

Ich denke, es gibt ein natürliches, biologisches Bedürfnis bei vielen Menschen, nicht bei allen, Kinder zu haben. Und das schaltet das intellektuelle Problem globaler Bedürfnisse aus. Wir sind Tiere.

Doch die Instinkte übernehmen bei Sonia nicht sofort. Denn Mutterschaft ist heutzutage keine Verpflichtung mehr. Sie fragt, ob sie sich das leisten kann, denkt an Abtreibung, denkt an ihre Träume und die anstrengenden Kindererziehung. Dabei gibt es zahlreiche Erleichterungen für Eltern, doch für Paula Bomer gibt es ein Problem für heutige Eltern.

Die eine Sache, die nicht gut ist, die sich geändert hat: Es gibt weniger Gemeinschaft. Frauen sind getrennt von ihren eigenen Müttern, Schwestern, Tanten, Großeltern. Du bist wirklich isoliert. Du machst vielleicht Freunde auf dem Spielplatz. Aber die Leute leben weit weg von ihrer Familie und ziehen ihre Kinder ohne diese Unterstützung aus.

Deswegen macht sich die werdende Mutter auf den Weg, lässt ihre Familie zurück. Sie versucht Freiheiten zu finden, aber sie will sich auch an ihre eigene Vergangenheit zu erinnern. Hier wird der Roman zu einem klassischen Roadnovel, der die Protagonisten an verschiedene Orte ihrer Vergangenheit führt. In der zentralen Szene trifft sie in Gestalt ihres alten Kunstprofessors Phil Rush auf ihre Träume und die Frage der Selbstfindung.

Ausgerechnet du, die du früher ständig von Selbstbestimmung geredet hast. Ich weiß noch viel von dir, weil du damals ein verheißungsvolles Talent warst. Damals. Heute brauch ich dich nur anzugucken du seh’s in dienen Augen. Du gehörst vor den Fernseher. DU gehörst auf eine Parkbank, du gehörst ordentlich am Herd durchgebumst, während du eine Portion ekelhafte Käsemakkaroni kochst. Du bist durch. Dein Genie hat sich verabschiedet.

Immer wieder begegnet sie auf ihrer Reise verschiedenen Müttern, die alle ihrer eigenen Philosophie folgen. Für die Muttersein und Erziehung auch ein Wettstreit ist.

Das ist nicht nur ein Problem der Mutterschaft, es ist ein Problem der Gesellschaft. Du weißt schon: Erfolg und besser und ich bin die Beste. Das ist nicht nur ein Problem des Kapitalismus, ich denke, das ist ein Problem der menschlichen Natur, die sich verschieden äußert. Bei Müttern ist das die beste schule, und ich bin die beste Mutter und sie haben die beste Kleidung und hören Mozart. Es verdient, dass man sich darüber lustig macht, und das habe ich getan.

Und so ist Paula Bomers Roman von lustigen Gestalten bevölkert. Da sind die üblichen Großstadtmütter, die nicht arbeitend nur die Wahl der richtigen Schule im Auge haben. Da gibt es die alte Studienfreundin von Sonia, die ihr Kind überbehütet. Und ihre Schwester, die eine seltsame Naturverbundenheit lebt. So übt der Roman auf ironische Weise auch Gesellschaftskritik: an dieser Rivalität unter Eltern aber auch an dieser Einstellung, die Kinder als Projekte ansehen, an denen Konzepte probiert werden, die intellektuell erdacht sind und nicht natürlich gewachsen. Es ist ein immer wiederkehrendes Thema bei Paula Bomer, die selbst Mutter ist.

Da ist eine Menge Erfahrung in dem Buch. Und dann ist viel ausgedacht. Ich wollte sie als eine extremere Person, als ich es bin, um sie zu einem großen Charakter zu machen, denn wie erwartet, mein Leben ist viel langweiliger.

Das Buch hingegen ist von absurden Charakteren bevölkert. Es sind übertriebene Gestalten, die seltsamer Weise so wirken, als könnte der Leser ihnen wirklich begegnen. Weil Bomer es schafft, spannenden und lebendige Szenen zu entwickeln. Der Ton ist dabei wie gewohnt hart und rau, in den Dialogen auch mal etwas konstruiert. Doch der Roman bleibt hoffnungsvoll. ihre Reise durch Vergangenheit, Mutterschaftssorgen und Hormonschüben ist zwar anstrengend, aber auch humoristisch. Und einen ähnlichen Eindruck vermittelt er dann auch über das Muttersein: Es ist zwar anstrengend, aber machbar.

 

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Thilo Körting
29.10.2015 - 12:31
  Kultur

Das Buch von Paula Bomer "Neun Monate" ist im Open House Verlag erschienen. Der Roman hat 287 Seiten und kostet 22 Euro.