Newcomer des Monats

Zwei Paradiesvogelküken

Die Gebrüder D'Addario sind kaum alt genug, um sich an die 90er zu erinnern. Dennoch wollen sie Musik machen, die nach den 60er und 70er Jahren klingt. Kann das gut gehen?
The Lemon Twigs sind unsere Newcomer des Monats
The Lemon Twigs sind unsere Newcomer des Monats

Die Brüder Brian und Michael D’Addario sind zwar noch jung, an außergewöhnlichen Erfahrungen mangelt es ihnen aber nicht. Aufgewachsen in New York als Kinder eines Studiomusikers, begannen sie bereits in jungen Jahren eine erfolgreiche Schauspielkarriere in Film, TV und am Broadway. (Michael kennt man unter anderem als Ethan Hawkes Sohn aus dem Horrorfilm „Sinister“.) Ihre eigentliche Leidenschaft galt dabei aber seit jeher der Musik. Nachdem sie schon im Kindesalter mit verschiedenen Musikstilen experimentierten, brachten die beiden im Oktober als Sänger und alleinige Songwriter der Lemon Twigs mit „Do Hollywood“ ihr erstes Album heraus. Damit brachten sie weite Teile der internationalen Musikpresse bereits zum Aufhorchen. Keine schlechte Leistung für zwei Jungs, die mit jeweils 17 und 19 Jahren in ihrer Heimat noch nicht mal Bier trinken dürfen.

Ein Stil wie aus der Zeit gefallen

Wer von zwei hippen newyorker Teenagern ein Album mit hochmodernen, angesagten Elektro- oder Indierock-Klängen erwartet, dürfte von „Do Hollywood“ aber schwer überrascht sein. Der Sound der Jungs ist extrem Retro, orientiert sich dabei aber nicht an den üblichen Vorbildern junger, heißer Indie-Acts. Die Lemon Twigs klingen nicht nach Joy Division oder Velvet Underground, sondern nach den „uncoolen“ Bands vergangener Musikepochen. In Interviews nannten die Jungs so verschiedene Künstler wie die Beach Boys, Paul McCartneys Wings, Supertramp, Todd Rundgren und die Glamrock-Bands Queen und T.Rex als Einflüsse. Mit ihren Glam-Vorbildern erklärt sich auch der schrille Look der Brüder: Die zeigen sich gerne mit Vokuhila, Makeup und femininer Kleidung.

Unverfälschter Klang

Auch die Produktion von „Do Hollywood“ überrascht. Statt ihren optischen Glamour auch in eine glanzvolle Produktion zu übersetzen, haben The Lemon Twigs das Album analog mit Lo-Fi-Ausrüstung im Haus ihres Produzenten (Jonathan Rado von der Gruppe Foxygen) aufgenommen. Dieser schroffe Klang tut dem Album aber gut, da er die teils kitschigen Melodien etwas erdet. Besonders die Drums schmettern herrlich trocken.

Lemon Twigs - As Long As We`re Together

Eine musikalische Wundertüte

Bei den Texten orientieren sich die Jungs ebenfalls an vergangenen Musikepochen. Ein Großteil der Songs handelt von Liebe und Herzschmerz. Diese inhaltliche Routine machen die Lemon Twigs allerdings mit ihrer musikalischen Kreativität wieder mehr als wett. Oft stopfen sie die Songs geradezu voll mit verschiedenen Melodien. Dabei streiten sich die Instrumente regelrecht um die Hauptrolle. Mal dominiert der Bass, mal die Gitarre, andere Male eher das Keyboard oder die Vintage-Synthesizer. Eintönig wird das Album dadurch nie. Dazu trägt auch der zweistimmige Gesang der D’Addario-Brüder bei. Der ist mal rauchig, mal rotzig, oft mit Kopfstimme und dabei immer extravagant.

Musikalische Hoffnungsträger

Wer auf die Rock und Popmusik der 60er und 70er Jahre steht, dem sind die Lemon Twigs uneingeschränkt zu empfehlen. Ihre Vorbilder aus dieser Zeit hört man den Lemon Twigs jederzeit an. Die Band muss sich aber trotz ihrer offensichtlichen Einflüsse keine Sorgen machen, als reiner Retro-Act abgestempelt zu werden. Mit ihrer Verschrobenheit, ihrem Mut zum Experiment und ihrem Talent dafür, verschiedene Stile miteinander zu vereinen, heben sich die Jungs deutlich von uninspirierten Zeitgenossen ab, und haben eine klar erkennbare eigene Note. Damit haben sich die Lemon Twigs als eine der interessantesten neuen Bands des Jahres etabliert. Mit ihrem jungen Alter haben die Jungs sowieso noch viel vor sich. Man sollte die Lemon Twigs also im Auge behalten.

 

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