Theater

Zwei Großväter

"Er war ja nicht mal deutsch, der Wald" heißt das neue Theaterstück von Soheil Boroumand. Darin geht es um seinen Großvater, das NS-Regime und um Traumata aus der Vergangenheit, die bis heute fortwirken.
Schauspieler Soheil Boroumand
Schauspieler Soheil Boroumand mit einer Aufnahme seines Großvaters im Hintergrund

Zwischen alten Kassetten mit Gute-Nacht-Geschichten findet der Schauspieler Soheil Boroumand ein Tonband mit der Aufschrift „Russland“. Darauf erzählt sein Großvater von seinen Erfahrungen im Krieg - Boroumands Großvater war als Zahnarzt und Sanitäter 1941/42 mit der Wehrmacht in Litauen, als dort der Genozid an den Juden verübt wurde.

Die Kassette wurde der Grundstein für Boroumands vielleicht persönlichstes Stück. Er beschäftigt sich mit den traumatischen Verbrechen des NS-Regimes, mit der Vergangenheit seines Großvaters und mit den Spuren, die diese Vergangenheit in seiner Familie und in ihm hinterlassen haben.  mephisto 97.6-Redakteurin Alea Rentmeister hat vor der Premiere mit ihm gesprochen.

Der freischaffende Schauspieler und Autor Soheil Boroumand im Gespräch mit mephisto976-Redakteurin Alea Rentmeister
Der freischaffende Schauspieler und Autor Soheil Boroumand im Gespräch mit mephisto976-Redakteurin Alea Rentmeister

 

mephisto 97.6: Hat Dein Großvater Dir oder Deiner Familie vorher schon vom Krieg erzählt?

Soheil Boroumand: Eigentlich so gut wie gar nicht, wenn dann waren das mehr so Abenteuergeschichten, die auch irgendwie lustig waren. Es ging dann um Trinkgelage oder extreme Situationen, die darin bestanden, dass er zwei Wochen nur Kartoffeln essen musste oder so was. Aber von den wirklich schlimmen Sachen, die er erlebt hat, wie man auf dieser Kassette oder dem Tonband hört, davon hat er nie erzählt.

mephisto 97.6: Und kannst du dich noch erinnern, als du diese Kassette plötzlich gefunden hast, was das für ein Gefühl war, solche Sachen über deinen Großvater zu erfahren?

Soheil Boroumand: Also es war erst mal sehr banal, weil ich umgezogen bin innerhalb von Berlin, und ich habe in einer Kiste Kassetten gefunden. Und da war eine Kassette dabei, auf der stand Russland. Ich habe die erst mal gar nicht weiter beachtet, aber irgendwann wollte ich doch wissen, was das ist und habe mir dann noch einen Kassettenrekorder gekauft und mir sie angehört. Ich war auf jeden Fall erst mal extrem schockiert, als ich das gehört habe. Weil ich ehrlich gesagt ein völlig anderes Bild von meinem Großvater hatte - bevor ich diese Kassette gehört habe. Was auch daran liegt, dass er nie davon erzählt hat – und, was ich mittlerweile auch sehr interessant finde – in der Familie glaube ich auch nie jemand wirklich nachgefragt hat, was er da erlebt hat.

mephisto 97.6: Ich fand das auf dem Flyer sehr interessant, wie ihr das gestaltet habt. Man sieht dich, auf dem Schoß deines Großvaters – und dann schimmert da aber noch ein anderes Bild drunter durch, was ich vermute, auch dein Großvater ist: deutlich jünger, in einem Hemd oder einer Uniform, man kann es nicht so genau erkennen. Es scheint zwei Großväter zu geben. Wie kannst du damit umgehen, dass es diese zwei Bilder gibt von dieser Person?

Soheil Boroumand: Ja, darum geht es auch sehr in dem Stück. Es gibt zwei Großväter. Es gibt auch noch einen zweiten Teil im Stück, wo ein Text kommen wird, den ich selber geschrieben habe, und da geht’s genau darum: Wer war er eigentlich und was hat er mir weitergegeben und was für ein Bild habe ich von ihm? Es ist sehr interessant, weil auf dem Flyer sieht man im Hintergrund ein Bild, wo er 32 war, also genauso alt, wie ich jetzt bin. In dieser Zeit hat er auch diese Erfahrungen gemacht im Krieg. Und daneben sieht man meinen Opa so mit achtzig ungefähr, als ich klein war und er für mich eine absolute Bezugsperson war und ein sehr geliebter Mensch, den ich einfach als sehr fürsorglichen, verbindlichen, liebevollen Menschen kennengelernt habe. Die andere Person ist ein sehr kühler, kalter, distanzierter Mensch, der niemals von sich behauptet hätte, er wäre ein Nazi oder ein Nazi gewesen, aber der definitiv das Denken zu dieser Zeit aufgesogen hat und auch eine Art von Gefühlskälte. Diese, glaube ich, dann auch nie wieder weggegangen ist.

Da es ja so persönlich ist und auch deine Geschichte ist, habe ich mich gefragt, ob das der Grund ist: Du bist der Autor des Stücks aber auch der einzige Schauspieler. Also dass du das nicht aus der Hand geben wolltest, sondern das selber schreiben und erzählen wolltest – ist das bewusst so?

Ich glaube, in dem Fall geht das nicht anders. Es wäre auch ein bisschen verlogen, da jemand anderes hinzustellen. Weil es halt nun mal um mich geht und um meinen Großvater und um meine Familie. Ich glaube, in dem Fall lebt es auch sehr davon, dass es was sehr, sehr Individuelles ist. Dadurch, dass man es an jemand anderen abgibt, könnte es so was Historisches werden, aber es könnte auch wieder abstrakter werden. Weil ich will mit dem Stück auch überhaupt nichts verallgemeinern.

Du hast gerade schon gesagt, dass es ein sehr persönliches Stück ist. Bist du da befangen?

Im Moment finde ich es wirklich schwierig. Im Theater ist man irgendwo immer man selber, sowieso auf der Bühne, das kann man nicht verstecken. Was für mich interessant ist, an dem Thema, im Nationalsozialismus war ja das Private politisch. Die Art zu leben, das war schon das Politische. Das hat sich wirklich als Ideologie in alle Beziehungen hinein verwoben. In das Denken, in den Umgang mit den anderen Menschen, in die Erziehung. Und nach dem Nationalsozialismus wurde dieses Persönliche und Private eigentlich komplett ausgegrenzt. Also es wurde gerade nicht darüber geredet. Von dem ausgehend würde ich sagen, mache ich das Private wieder politisch, weil ich glaube, dass es nicht anders geht. Man kann nicht anders diese Sache innerhalb von der Familie aufarbeiten, wenn man es nicht wieder nach außen stülpt. Das Private war politisch, wurde ausgegrenzt und muss vielleicht wieder politisch gemacht werden, um es zu bearbeiten.

 

Kommentieren

Soheil Emanuel Boroumand ist freischaffender Schauspieler, außerdem schreibt er Theaterstücke und ist Songwriter und Sänger. Mit anderen Theaterschaffenden hat er 2013 in Leipzig das Theaterkollaborativ [naɪ̯n] gegründet. „Er war ja nicht mal deutsch, der Wald“ ist sein neustes Theaterstück.

 

Das Theaterstück "Er war ja nicht mal deutsch, der Wald" hatte am 20. Oktober Premiere.Weitere Vorstellungen sind am 8.11., 28.11., 29.11. und 30.11. Karten und weitere Informationen gibt es auf der Webseite des Neuen Schauspiels.