Die Kolumne

Zukunftsfragen

Die Kolumne. Immer Freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Rebecca Kelber über Pläne, Planlosigkeit und den neuen Fernbusbahnhof.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören finden Sie hier:

Die Kolumne von Rebecca Kelber.
0604 Kolumne

Jahrelang standen in der Goethestraße, zwischen dem Augustusplatz und dem Leipziger Hauptbahnhof Menschentrauben und warteten. Die Menschen standen oft allein mit ihren Gepäck da, sie hielten gebührenden Abstand zu der nächsten Person. Je nach Jahreszeit sahen sie durchfroren oder durchschwitzt aus. Seit zwei Wochen ist das anders.

Ja, es gibt einen neuen Fernbusbahnhof. Die Sensation des Monats!

Nicht nur irgendeinen Fernbusbahnhof – die Betreiber nennen ihn den modernsten Fernbusbahnhof Deutschlands. Und auch mephisto 97.6 Reporter waren begeistert:

Geplant sind elf Haltestellen für Fernbusse wie auch Stellplätze für Autos. Es ist auch geplant, dass pro Jahr jetzt 60.000 Fernbusse ein- und ausfahren. Außerdem soll es an Innen-Ausstattung einen beheizbaren Warteraum, einen Ticketverkauf, Fahrzeitanzeige in Live-Zeit sogar, Gepäckaufbewahrung wie auch Fahrrad- und Autoverleih geben.

Letzte Woche hatte ich dann die Ehre, mit einem Fernbus in ebendiesen Fernbusbahnhof einfahren zu dürfen. Und ich habe selten einen Busfahrer so sehr schimpfen gehört.

Warum denn das?

Um in den Busbahnhof zu kommen, muss man die schmale Straße an der Ostseite des Bahnhofes entlang: Und die war zugeparkt mit Taxis und Baustellenfahrzeugen Überall standen Menschen… Wir konnten nur im Schritt-Tempo fahren und mussten immer wieder anhalten.

Also hat der Busbahnhof vielleicht ein Problem gelöst – dafür aber ein neues geschaffen?

Das habe ich mich auch gefragt und bin deshalb diese Woche noch einmal zum Busbahnhof gelaufen. Aber da sieht es inzwischen anscheinend anders aus: Die ganze Straße, vor einer Woche noch voller Autos, war leer. Und die Security-Frau am Eingang hat mir erklärt, sie beobachte nun seit zwei Wochen die Autos und Fernbusse. Inzwischen kämen die Busse gut durch. Anscheinend hat die Stadt in der letzten Woche so rigoros Strafzettel verteilt, das sich kaum jemand mehr traut, dort zu parken. Nur die Baustellenfahrzeuge stehen noch manchmal im Weg.

Hm, also gibt es gar kein Problem.

Naja, das Essen ist überteuert und das Gebäude nicht besonders ansprechend. Aber ansonsten wäre es ja auch kein richtiger Fernbusbahnhof.

Warum erzählst du mir das dann überhaupt?

Weil Leipzig anscheinend mal ein Problem effizient gelöst hat. Na gut, beziehungsweise die privaten Investoren. Man muss doch auch mal gute Nachrichten im Radio hören.

Jetzt zu den schlechten Nachrichten. Leipzig mangelt es an –

Kitaplätzen!

Ja, aber inzwischen auch an –

Wohnungen

Klar, aber ich meinte eigentlich –

Lehrer, Azubis?

Das sowieso. Aber ich rede von Kinderärzten.

Kinderärzte? Naja, wahrscheinlich die gleiche Leier wie sonst auch, oder.

Nur Teilweise. Also klar, wie immer gilt: Niemand hat damit gerechnet, dass so viele Menschen in Leipzig geboren werden würden. Und kurzfristig kann man wenig daran ändern, dass es jetzt an allen mangelt.  

Kitaplätzen, Wohnungen, Lehrern…

Ja, aber das besondere ist: Offiziell war Leipzig lange mit Kinderärzten überversorgt! Denn das ideale Verhältnis von Kindern zu Kinderärzten wurde anhand westdeutscher Verhältnisse berechnet. Nur gehen Westdeutsche Kinder anscheinend deutlich seltener zum Kinderarzt als Ostdeutsche Kinder. Das wurde inzwischen neu berechnet. Jetzt hat Leipzig ganz offiziell auch zu wenig Kinderärzte.

Und jetzt?

Da kann man wenig machen. Denn keiner weiß, ob es sich überhaupt lohnt, viel mehr Kinderärzte einzustellen. Vielleicht will ja in fünf Jahren keiner mehr in Leipzig Kinder bekommen. Das erklärt zumindest Klaus Heckemann, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen.

Wenn man sagt okay, dann braucht man eben mehr Kinderärzte – ja, aber in fünf Jahren ist der Geburtenboom vorbei, dann sind die Kinder älter und müssen weniger zum Kinderarzt und dann haben wir lauter Kinderärzte und die haben nichts zu tun. Das geht ja auch nicht.

Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen

Politik ist eben auch ein riesiges Experiment an der ganzen Bevölkerung. Politiker müssen Entscheidungen für die nähere und weitere Zukunft fällen. Ihre Grundlage dabei sind Prognosen und Berechnungen, die vielleicht stimmen, vielleicht aber auch nicht. Wenn sie Glück haben, wurde ihre bevorzugten Maßnahmen auch schon woanders ausgetestet. Und wenn sie Pech haben, hat niemand bedacht, dass Ostdeutsche mehr von Kinderärzten halten als Westdeutsche.

 

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Rebecca Kelber
06.04.2018 - 12:53