Im Gespräch: Robert Deutsch

Zahlen, Sex und ein vergifteter Apfel

Alan Turing spielte eine wichtige Rolle im 2. Weltkrieg und war einer der Vordenker des Computers. Und Turing war schwul, was in den fünfziger Jahren in Großbritannien verboten war. Robert Deutsch hat Turings Leben in Bilder verwandelt.
Robert Deutsch hat mit Redakteurin Lara Lorenz über sein Buch Turing gesprochen

Homosexualität als Verbrechen

Manchester, England. Zwei Männer treffen scheinbar zufällig aufeinander, sie gehen etwas trinken. Kurz darauf kommt eines zum anderen und die beiden schlafen miteinander. Das Problem: Es ist 1951, in Großbritannien gilt Homosexualität als „grobe Sittenlosigkeit“ und wird bestraft. Genau das passiert einem dieser Männer. Sein Name ist Alan Turing. Turing will seine Homosexualität nicht leugnen und wird verurteilt. Mit Hormonen soll seine angebliche Krankheit behandelt werden.

Eine Welt aus Zahlen

Robert Deutschs Graphic Novel „Turing“ erzählt von einem Wissenschaftler, den vor ein paar Jahren noch niemand kannte. Das lag unter anderem daran, dass Turings Rolle im 2. Weltkrieg lange geheim gehalten wurde. Turing war maßgeblich daran beteiligt, die Funksprüche der Deutschen zu entschlüsseln. Dieses Wissen verschaffte den Alliierten einen entscheidenden Vorteil. Auch nach dem Krieg arbeitete Turing als Wissenschaftler und erfand unter anderem den Turing-Test, mit dem er herausfinden wollte, ob eine Maschine genauso intelligent ist wie ein Mensch. Deutschs Fokus liegt auf Turings Privatleben nach dem 2. Weltkrieg, auf seinen Beziehungen mit anderen Männern und der großen Ungerechtigkeit, dass er dafür bestraft wurde.

„Dip the apple in the brew…“

Deutschs Stil erinnert an die 50er Jahre – die Zeit, in der der Großteil der Handlung spielt. Man merkt den einzelnen Bildern und der Seitenkomposition an, wie viele Gedanken in dieses Buch geflossen sind. Die Graphic Novel steckt auch voller Details und Anekdoten, die über Turings Leben bekannt sind: Dass er seine Kaffeetasse in der Arbeit an der Heizung festkettete, weil er sie ungern teilte, zum Beispiel. Oder dass er sich den Kinofilm „Schneewittchen“ ansah. Schneewittchen und die Zwerge tauchen in „Turing“ immer wieder auf, mal versteckt am Bildrand, dann wieder ganz offensichtlich. Deutsch macht damit auf die Parallelen aufmerksam, die er zwischen Turing und Schneewittchen sieht. Die offensichtlichste Andeutung ist der vergiftete Apfel, der Schneewittchen scheinbar umbringt: Turing hat sich mit einem vergifteten Apfel das Leben genommen.

Schneewittchen

Auf dem Roten Sofa

Robert Deutsch hat es nicht überrascht, dass die Geschichte Turings spannenden Stoff für eine Verfilmung bietet. Auch wenn er während der Arbeit an seinem Buch schon von The Imitation Game – einem Film über Turing – gehört hatte, sah er sein Projekt trotzdem als alternativen Mehrwert, denn während der Film sich auf das Mysterium der Biografie von Turing konzentriert, fokussiert der Robert Deutsch die Tragik des Charakters. Außerdem hat der Autor im Interview verraten, dass sein Buch auch fast in China veröffentlicht wurde. Grund dafür, dass es doch nicht so weit kam, waren die detaillierten Szenen, die Homosexualität darstellen. Deutsch ist aber der Meinung, dass das Thema präsent ist in unserer Gesellschaft und deshalb völlig zurecht abgebildet wird.

 

Robert Deutsch im Gespräch mit Redakteurin Lara Lorenz
 
 

Kommentieren

Robert Deutsch lebt in Leipzig und arbeitet als Illustrator und Grafikdesigner. Sein erstes Graphic Novel „Turing“ ist im avant-verlag erschienen, hat 162 Seiten und kostet 29,95 Euro.

Robert Deutsch ist übrigens nicht der Einzige, der sich künstlerisch mit Alan Turing auseinandergesetzt hat. 2014 erschien der Film „The Imitation Game“ der besonders Turings Rolle im 2. Weltkrieg thematisiert.