Sommertheater: Der Streit

Yoga hätte geholfen

Untreue, Wankelmut, Streit. Typisch männlich oder typisch weiblich? Weder noch! In Bruno Cathomas Inszenierung von "Der Streit" wird gebrochen mit klischeebehafteten Geschlechterrollen.
Der Streit
Alina-Katharin Heipe und Nina Siewert als Eglé und Adine

Alles beginnt mit einem Experiment. Und nicht etwa Tiere sind die Versuchsobjekte, sondern Menschen. Ein Fürstenpaar streitet sich um die Frage: Wer hat die Untreue in die Welt und vor allem in die Beziehung zwischen Mann und Frau gebracht? Mithilfe des Experiments wollen sie diese Frage beantworten: Zwei Mädchen und zwei Jungen sind getrennt voneinander und in Isolation von der Welt aufgewachsen. So soll der Urzustand der Gesellschaft simuliert werden. Nun treffen sich die Vier zum ersten Mal. Dabei schaut das Fürstenpaar von der Tribüne aus zu - ich fühle mich ein bisschen wie in einer Hunger-Games-Arena.

Feminismus bei Marivaux?

So beginnt das Drama „Der Streit“ von Marivaux, das seit gestern als Sommertheater des Schauspiels gezeigt wird. Die Inszenierung von Bruno Cathomas scheint vor allem ein Thema ins Zentrum rücken zu wollen: was ist eigentlich Frau-Sein und was ist Mann-Sein?

Frauen sind hysterisch? Die hysterische Frau existiert nur aufgrund der Knechtschaft des Mannes.

Dabei ist die Figur der Fürstin, gespielt von Bettina Schmidt, die fortschrittlichste von allen: Sie glaubt nicht an naturgegebene oder wie sie es nennt "organische" Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Ob sich Marivaux im 18. Jahrhundert die Fürstin auch schon als Feministin vorgestellt hat? Wahrscheinlich nicht, aber das tut der Inszenierung keinen Abbruch. Cathomas gelingt es Marivauxs Stück über die Geschlechterdebatte in die Gegenwart zu holen. Dabei wird auch nicht vergessen, welche Macht Sprache haben kann: die vier sind aufgewachsen, ohne zu wissen was Geschlecht ist oder welchem Geschlecht sie sich zuzuordnen haben. Erst als sie sich treffen werden sie einander als "Mann" und "Frau" vorgestellt - und plötzlich scheint es ein sensibles, anbetungswürdiges und ein starkes Geschlecht zu geben. Die Fürstin hält das für ein abgekatertes Spiel.

I came to be more than my body

Die Anfangsfrage, wer denn nun die Untreue in die Welt gebracht haben soll, wird auch im Laufe des Stücks nicht eindeutig geklärt. Vielmehr werden immer neue Themenfelder aufgemacht so zum Beispiel die Tabuisierung von Homosexualität. Als "Personen" ist es in Ordnung sich zu lieben, als "Männer" können Azor und Mesrin das nicht. Nach der Pause geht es auf einmal auch gar nicht mehr so sehr um das Mann-Frau Thema. Die Fürstin auf der Suche nach der eigenen Identität und dem Sein an sich ist jetzt zentral. Teilweise fragt man sich als Zuschauerin: was will das Stück von mir? Will es unterhalten oder ernste Themen ansprechen?

Das Publikum wird Teil des Stücks

Mit der Inszenierung von "Der Streit" probiert Bruno Cathomas einige fürs Sommertheater neue Dinge aus: so sitzt das Publikum zu beiden Seiten eines Laufstegs, in dessen Mitte sich ein kleiner Teich befindet. Auch die Straße, die vor dem Gohliser Schlösschen vorbeiführt, wird genutzt für Auftritte von Statisten. So hört man zum Beispiel ein Joggerpärchen streiten und sich beschmipfen. In einer anderen Szene rollt sich plötzlich ein älteres Pärchen knutschend über die Bühne. Das Publikum fand das meist super lustig, für meinen Geschmack war der Humor etwas platt. Mehr lachen musste ich über Szenen, in denen Marivauxs Text durch Sätze ergänzt wurde wie: "Yoga hätte geholfen", als sich die vier Protagonisten vor Liebeskummer am liebsten das Herz aus der Brust reißen würden. Viele starke Szenen und einige Lacher machen das Stück sehenswert.

 

Philine Kreuzer im Gespräch mit Moderatorin Lisa Tuttlies über "Der Streit"
Der Streit Marivaux
 

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"Der Streit" wird vor dem Gohliser Schlösschen aufgeführt. Gespielt wird noch bis Mitte September.

Die nächsten Vorstellungen sind am 02.06., 03.06., 04.06. und am 09.06.