Literaturrezension

Würden die Maschinen uns verachten?

Auf den ersten Blick scheint Ian McEwans Roman "Maschinen Wie ich" einfach das bekannte Motiv der Dreiecksbeziehung aufzugreifen. Der Clou: Der dritte im Bunde ist alles andere als ein gewöhnlicher Konkurrent. Adam ist ein hochentwickelter Androide.
Zahnrad
Echte Empfindungen oder mechanische Prozesse?

Letztlich sind es vor allem Neugier und Langeweile, die den sonst eher antriebslosen Protagonisten zum Kauf seines Androiden veranlassen. Und da Charlie, Anfang dreißig und mäßig erfolgreich im Aktienhandel aktiv, zufällig gerade dann eine größere Erbschaft antritt, als die ersten Modelle einer geplanten Serie von hochentwickelten Androiden auf den Markt kommen, steht die Entscheidung: Ein Adam soll es sein. Eigentlich wäre ihm ja eine Eve lieber gewesen, aber alle dreizehn weiblichen Exemplare sind bereits vergriffen. Was will man machen? 

Rasch muss sich Charlie allerdings fragen, ob er seine Entscheidung nicht vielleicht doch lieber ein bisschen besser überdacht hätte. Denn sein Adam erweist sich ihm nicht nur als intellektuell um ein Vielfaches überlegen, er hat auch keinerlei Scheu aus seinen Überlegungen eigene Schlüsse zu ziehen. Als er sich dann auch noch in die selbe Frau verliebt, Miranda, die etwas verschlossene Studentin von nebenan, wird er sogar zum ernsten Rivalen. 

Es beginnt alles ganz harmlos damit, dass Adam seine frisch entfachte Liebe zu Miranda in Haikus verpackt - seiner Meinung nach der einzigen literarischen Form mit Zukunft. In einer Nacht kann er davon schon mal ein paar hundert verfasst. Aber natürlich bleibt es nicht dabei. In einer der amüsantesten Szenen des Romans sitzt der gehörnte Charlie wenig später unten im Wohnzimmer und hegt finstere Rachegedanken gegen den Androiden, den er oben mit seiner Geliebten im Schlafzimmer hört. Allerdings muss er diesen auch zum ersten Mal als echten Rivalen mit ernst zu nehmenden Empfindungen anerkennen.

In dem Moment, da wir im Verhalten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine erkennen können, müssen wir der Maschine Menschlichkeit zuschreiben

Maschinen Wie ich, S. 119

Eine detalliert gestaltete alternative Vergangenheit

Die ungewöhnliche Dreiecksbeziehung von Mensch und Maschine versetzt Ian McEwan mit einem interessanten erzählerischen Kniff zurück ins Jahr 1982. In dieser alternativen Vergangenheit hat Großbritannien gerade eine vernichtende Niederlage im Falklandkrieg hinnehmen müssen, selbst fahrende Autos prägen das Straßenbild und der berühmte Pionier der Robotik und Computertechnologie, Alan Turing, hat mitnichten 1952 Suizid begangen, sondern ist eine nationale Ikone des Fortschritts. 

Das Modell dient McEwan auch dazu, verschiedene Varianten durchzuspielen, wie leicht sich die Geschehnisse auch in eine ganz andere Richtung entwickeln können. So schwebt etwa die eiserne Lady Margaret Thatcher nicht auf einer Welle des Triumphs, sondern ist nach der "Falklandkatastrophe" schwer angezählt. Durch die gewohnt akribische Vorbereitung des Autors gelingt es ihm, sein 1982 detailliert und liebevoll zu zeichnen. Mit einigem Augenzwinkern lässt er etwa auch die Beatles nach zehnjähriger Trennung ein äußerst durchwachsenes Comeback feiern. Für ihr neues Album "Love and Lemons" konnte die Band dem Bombast eines achtzigköpfigen Symphonieorchesters leider nicht widerstehen. 

Auch wolle man, klagte der Kritiker der Times, nicht schon wieder hören, dass wir nichts als Liebe bräuchten, selbst wenn es denn wahr wäre. Was jedoch nicht der Fall sei. 

Maschinen Wie ich, S. 104

Philosophische Streitfragen werden neu aufgerollt

Nicht nur Charlie muss im Verlauf des Romans feststellen, dass das Zusammenleben mit den Androiden alles andere als reibungsfrei verläuft. Ian McEwan zeichnet seine Adams und Eves als zwar freundlich gesinnte, aber sehr autonome Wesen, deren alternativlose Moral sich mit dem oft widersprüchlichen Handeln der Menschen schlecht verträgt. Die bestehenden Ungerechtigkeiten und Lügen belasten die angeblich so mechanischen Adams und Eves weit schwerer als ihre Gefährten aus Fleisch und Blut - der Autor benutzt das schöne Wort einer eintretenden "Maschinentraurigkeit".

Was auf philosphischer Ebene einer Neuverhandlung der alten Widersprüche von Kategorischem Imperativ und Utilitarismus nahekommt, entwickelt im Verlaufe des Romans gar eine existenzielle Bedeutung, als ein düsteres Kapitel aus Mirandas wieder hervorkommt. Letztlich schwebt über "Maschinen Wie ich" die unbequeme Frage, ob die Maschinen uns Menschen vielleicht sogar verachten würden?

Ein intelligenter Roman mit einer eklatanten Schwäche

Bei allen interessanten Denkanstößen, die McEwans Roman aufwirft, lassen sich jedoch auch gewisse Schwachstellen nicht verhehlen. Die menschlichen Hauptcharaktere sind, gerade im Vergleich zu seinen vorangegangenen Werken, doch etwas blass geraten. Schwerer wirkt noch die Angewohnheit des Autors, seinen Aussagen die Interpretation direkt nachzureichen. Eine frustrierende Bevormundung seiner Leser, die seinem handwerklich sonst gelungenen Roman einen bitteren Beigeschmack gibt. 

Neben der stimmigen Gestaltung des futuristischen Großbritannien aus dem Jahr 1982, kann der Autor vor allem mit feinem Humor und einer zunehmenden Spannungskurve überzeugen. Anhand des moralischen Konfliktes zwischen Mensch und Maschine nimmt der Roman bis zum Ende hin immer mehr Fahrt auf. „Maschinen wie ich“ ist ein kluges Buch mit Liebe zum Detail, dem an mancher Stelle ein wenig mehr Vertrauen in die Interpretationsfähigkeit der Leser gut getan hätte.

Die Buchbesprechung zum Nachhören:

Literaturredakteur Moritz Fehrle im Gespräch mit Moderator Til Schäbitz
Literaturrezension "Maschinen wie ich"

 

 

 

 

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"Maschinen Wie ich" ist in der Übersetzung von Bernhard Robben beim Diogenes Verlag erschienen. Die 400 Seiten kosten 22 €.