AVANTI OPERA! Oper fürs 21. Jahrhundert!

Wovor gruselst du dich?

Die Kinderoper "Das Geheimnis der schwarzen Spinne" fragt nach Aberglauben, Schicksal, Fluch und Zufall. Wie erklären wir uns Unerklärliches?
Kinderchor der Oper Leipzig

Zwei Orte, eine Spinne

Krakau, 1954

Das Grabmal Kasimir IV. wird für die Wissenschaft geöffnet. Die schweren Steinplatten der Gruft werden zur Seite geschoben, verschlossen vor mehr als vierhundert Jahren. Eine kleine schwarze Spinne entwischt. Forscher und Historiker kommen zahlreich, um die Gebeine des polnischen Königs zu untersuchen. Zehn von ihnen finden daraufhin unter mysteriösen Umständen ihren Tod. Herzinfarkt, Leberversagen, Schlaganfall. Hat die schwarze Spinne etwas damit zu tun? Ein Fluch?

Ein Dorf in den Karpaten, 1492

Graf Heinrich möchte einen Buchenhain vor seinem Schloss. Am besten sofort. Einhundert ausgewachsene Bäume sollen seine Untertanen deshalb in den nächsten sieben Tagen zum Schloss hinauf schaffen. Die Bewohner des Dorfes können der unmenschlichen Aufgabe nicht nachkommen, sie fürchten sich vor den Konsequenzen, den Launen und Strafen des Grafens. Die Situation scheint ausweglos. Doch unerwartet biete sich Hilfe: Ein geheimnisvoller Jäger erscheint und verspricht im Tausch gegen die Hochzeit mit einem Mädchen aus dem Dorf, die Buchen vorm Schloss zu errichten. Christine, eigentlich mit ihrem Carl verlobt, willigt ein, um das Dorf zu retten. Ein Kuss auf Christines Hand besiegelt das Versprechen. Der Jäger beginnt und verrichtet die Aufgabe in einer einzigen Nacht. Allein in einer Nacht einhundert Bäume! Teufelswerk?

Christine heiratet kurz darauf trotzdem ihren Carl. Die Stelle auf ihrer Hand, an der der Jäger sie küsste, brennt, beißt, glüht; eine schwarze Spinne springt an ihr hinab und verbreitet im Dorf nun Angst und Schrecken. Wohin sie kommt, bringt sie Kummer und Sorgen. Das Essen im Dorf wird knapp, die Menschen leiden Hunger. Die schwarze Spinne ein Fluch?

An beiden Orten treibt die schwarze Spinne ihr Unwesen. Die Spinne, ein Zeichen des Teufels, vielleicht der Teufel selbst.

Dunkelheit

Philipp J. Neumann inszeniert düster und minimalistisch. Schon beim Betreten des Saals (der Schaubühne Lindenfels) steigt den Zuschauern Nebel entgegen. Es ist dunkel, nur vorn glimmt einsam ein Kronleuchter über der Gruft von Kasimir. Die Kostüme sind schwarz und schwer. Mit Licht und Musik wird das Stück begleitet und die Gruselatmosphäre perfekt gemacht. Der Kinderchor der Oper Leipzig bewegt mit unglaublichen Leistungen. Aus dem Rücken des Publikums betreten die Darstellenden die Bühne und drei junge Herren, die schon vor Beginn der Aufführung umhergehen und scheinbar Platzanweiser sind, entpuppen sich als die Erzähler des Stücks. Sie stellen immer wieder Fragen an das Publikum. War das Schicksal? Ist es Fluch? Die Welt der Zuschauer verschwimmt mit der Welt des Stücks. Man ist mittendrin.  

Auch die Spinne, nur als Lichtfleck auf der Bühne, wird hinterfragbar. Ist sie überhaupt real? Ist sie greifbar? Oder ist da eigentlich nur unsere Angst?

Grusel hoch zwei

Die Vorlage zum Stück ist alt. Jeremias Gotthelf schuf sie schon im 18. Jahrhundert mit seiner Novelle „Die schwarze Spinne“. Judith Weir brachte den Stoff in ihrer Kinderoper schließlich mit den Gerüchten um die mysteriösen Umstände bei der tatsächlichen Öffnung des Grabes Kasimir IV. zusammen. Grusel mit noch mehr Grusel.

Das Stück ist aber nicht nur etwas für Gruselbegeisterte. Mit seiner transparenten Bühnengestaltung und Fragen an sich selbst – was ist die Moral von der Geschichte? Was lernen wir daraus? – gibt es für jeden, der Theater und Oper entdecken möchte, viel zu beobachten. Für Schulklassen (ab Klasse 5), aber ebenso für die ganze Familie ist „Das Geheimnis der schwarzen Spinne“ sehenswert. Für ein besseres Verständnis und den Durchblick in den parallel laufenden Handlungen lohnt es sich, vorher im Programm zu blättern.

Nach allen Wirrnissen und Fragen steht am Ende eine Aussage: „Es gibt für alles eine rationale Erklärung, wie mysteriös es auch sein mag.“ Oder?

 

Kommentieren

Das Geheimnis der schwarzen Spinne

von Judith Weir

Premiere am 25.05.2018

​Inszenierung, Bühne: Philipp J. Neumann

Kostüme: Nicola Minssen

Musik: ​Orchester der Musikalischen Komödie

Mit: Kinderchor der Oper Leipzig

Spieldauer: ​ca. 70 Minuten, keine Pause