Leipziger Ballett

Worüber wir nicht sprechen können

Wie wir das Leben um uns herum wahrnehmen und es schaffen können, zu guten Menschen zu werden - diese Fragen vermuten wir nicht unbedingt im Ballett. Der Choreograph Iván Pérez stellt sie uns mit seinem Theaterabend "Flesh" trotzdem.
Schauspielhaus
Im Schauspielhaus wird in Kooperation das Stück "Flesh" aufgeführt

Das Leipziger Ballett vermutet der kulturell einigermaßen kundige Leipziger normalerweise im Opernhaus, aber schon seit einiger Zeit ist das nicht mehr selbstverständlich. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Tanz in den Häusern der Stadt" machte das Ensemble schon Orte wie das City-Hochhaus und die Deutsche Nationalbibliothek zu seiner Bühne. Es sollen neue Räume für den Tanz erschlossen werden, der Abstand zwischen Publikum und Tänzern soll schrumpfen. Das geschah auch bei der Premiere von "Flesh", einem dreiteiligen Ballettabend von Iván Pérez aus Spanien, die im Schauspiel Leipzig stattfand.

Der Tanz des Lebens

Als das Licht ausgeht, wird die leise Spannung im Publikum spürbar. Die Premiere eines Balletts in einem Theater scheint auf den ersten Blick nichts Besonderes zu sein, aber als der erste Teil des Abends, "Skyward", beginnt, wird schnell klar, dass es sich hier um eine ganz andere Bühne handelt als im Opernhaus. Der gleichsam schützende und trennende Orchestergraben fehlt, in Theatermanier sind alle Bewegungen im Detail sicht- und hörbar, sogar das heftige Atmen der Tänzer erfüllt die Luft. So sind die Tänzer vom ersten Moment an keine unerreichbaren Kunstfiguren, sondern Menschen, deren Seelen ohne jede Schutzhaut mittanzen.

Das Bühnenbild bleibt durchgehend dunkel und minimalistisch, die Tänzer tragen statt Spitzenschuhen und Tutu schöne Alltagskleidung. Doch trotz Understatement ist überall spürbar, wie viele Gedanken in diesem Abend stecken.

"Skyward", "Kick the bucket" und "Flesh"

Iván Pérez hatte die drei Choreographien des Abends, "Skyward", "Kick the bucket" und "Flesh", ursprünglich nicht als zusammenhängendes Projekt vorgesehen, sie entstanden unabhängig voneinander.

Der Abend beginnt mit "Skyward", einer Choreographie für das Ensemble, die von vereinter Kraft und einer teilweise verzweifelten Vorwärtsbewegung geprägt ist. Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich wie ein dynamischer Fischschwarm, immer wieder bilden sich neue Formationen und Duette. In wunderschönen Bewegungen entsteht das Bild einer Menschengruppe, die von größeren Mächten unterdrückt zu werden scheint, dabei aber nie ihr persönliches Ziel verliert. Pérez wurde für diese Choreographie von einer Reise nach Brasilien inspiriert.

In "Kick the bucket" vollführen Laura Costa Chaud und Piran Scott ein visuelles Wechelspiel der Gefühle. Sie umkreisen und umarmen sich, schlüpfen untereinander hindurch, bauen Mauern und zerstören sie wieder. Man kann verschiedenes in dieser sehr emotionalen Choreographie sehen. Am offensichtlichsten ist sicher eine schwierige Beziehung, doch Pérez verbindet das mit der Frage nach unserem Bewusstsein für das Leben und alles darin, was sich noch immer nicht in Worte fassen lässt. Als Tänzerin Laura Costa Chaud im Schlussapplaus in Tränen ausbricht, ist auch das Publikum sichtlich bewegt.

Auch für Ballettmuffel

"Flesh" schließlich ist eine epische Mischung aus Lyrik, Musik und Tanz. Im hinteren Teil der Bühne steckt ein riesiges Messer im Boden und die Tänzerinnen und Tänzer des Leipziger Balletts tun zum dritten und letzten Mal, was sie mit Iván Pérez geprobt haben. Sie sprechen mit ihren Körpern aus, was sich nicht in Worte fassen lässt, egal in welcher Sprache.

Trotz aller Philosophie und obwohl es keine "richtige" Handlung wie in Klassikern wie "Schwanensee" gibt, könnte dieser Abend durchaus auch Menschen bewegen, die eigentlich keine Ballettfans sind. Leipzig hat mit Iván Pérez einen faszinierenden Gastchoreographen gewonnen, der seine Liebe zur ästhetischen Bewegung und seinen Blick für das Leben wunderbar vereinen kann.

Unsere mephisto 97.6-Redakteurin Alexandra Huth war zur Premiere da und erzählt im Gespräch mit Moderator Yannick Jürgens, warum sie das Stück jedem empfehlen kann:

Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit Alexandra Huth
SG Flesh
 

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Iván Pérez kam 1983 in Spanien zur Welt, wo er Darstellende Künste und Choreographie studierte. Er war lange selbst Tänzer beim Nederlands Danse Theater und der IT Dansa. Seit 2011 erarbeitet er eigene Choreographien mit verschiedenen Ensembles auf der ganzen Welt.

"Flesh" ist noch am 07., 20. und 29. Mai im Schauspiel Leipzig zu sehen.