Im Gespräch: Klaus Reichert

Wolkenfänger

Schon seit Jahrzehnten hat Klaus Reichert seinen Kopf in den Wolken. Doch es ist ein cleverer Kopf. In seinem Buch „Wolkendienst“ versucht er das Flüchtige einzufangen, wofür er für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde.
Klaus Reichert im Interview mit unserer Moderatorin Eva Wittekind
Klaus Reichert im Interview mit unserer Moderatorin Eva Wittekind

Das Unfassbare: Die Wolken

Es ist ein menschlicher Blick: hoch in den Himmel. Wir blicken in die, zumindest für die meisten, unerreichte Welt, zur Sonne, zum Mond. Dazwischen schweben die Wolken. Wir betrachten sie in ruhigen Momenten, wir denken in sie hinein. Sie werden zum Assoziationspunkt, werden zu Gesichtern und Tieren, sie sind Prophezeiungen (zumindest des Wetters). Sie stehen für den Kreislauf, der alles Sein beschreibt, denn immerhin sind sie Wasser, das am Himmel steht und irgendwann zur Erde reist. Die Wolken sind der Vorhang vor dem entfernten Himmel und gleichzeitig ein Mittler zum Himmel. All das beschreibt Klaus Reichert in seinem Buch „Wolkendienst“. Hier beschreibt er zahlreiche Himmel und die unterschiedlichsten Wolkengebilde, der Versuch das Nicht-Fassbare der ständig weiterziehenden Wolken festzuhalten.

Um Mittag eine Verschnaufpause vom Rosenschneiden auf der Wiese hinter dem Haus. Direkt über dem Maisfeld eine dichte, trächtige Cumulus-Stratus-Versammlung, die kein Fitzchen freien Himmel durchläßt, wie eben erst vom feuchten Acker aufgestiegen. Ich schaue auf diese riesige graue Fläche über und vor meinem Kopf. Das Grau bleibt grau, nur gelegentlich weiß ‚gehöht‘, aber es zeigt eine Unendlichkeit der Nuancen, Schattierungen, Töne wie bei van Goyen oder Guardi.

Wolkenbetrachtungen

Von Beginn an wird hier klar gesagt, dass hier kein Meteorologe über die Klassifizierung von Wolken schreibt. Der Autor Klaus Reichert ist in erster Linie Literaturwissenschaftler und so nähert er sich dem Thema kulturhistorisch bis literarisch. Das Buch besteht zu großen Teilen aus seinen sogenannten Wolkentagebüchern, in denen Reichert versucht seine Wolkenbeobachtungen festzuhalten. Die sind teilweise äußerst knapp gehalten, fast schon korrekt, wie er die Wolken in ihre Typen einteilt, doch teilweise wird er auch sehr persönlich, erzählt von Erlebnissen und Gesprächen. Ganz zu Beginn, im Vorwort versucht er, sich an seine erste Wolke zu erinnern und erzählt vom Ende des Krieges und wie er in der Wolke auch das Vergängliche, sowie das Gegenwärtige erkannte.

Seitdem steht dieser Sommertag im Gedächtnis als erstes Beispiel für die Unbeschreibbarkeit der Dinge, die das Geheimnis ihrer Schönheit nicht preisgeben. Dieses Da, das immer ein Dagewesen sein ist. Dazu der Sporn, wie in die Pferdeflanke, es dennoch, wieder und wieder, zu versuchen. (Fail and fail again. Fail better next time.)

Wo Wolken sind

Genauso unverständlich, wie die Wolken am Himmel sind, lässt sich auch dieses Buch nicht klar einordnen. Denn zwischen diesen persönlichen Annäherungen stehen immer wieder essayistische Textstücke, die erzählen, wie andere sich an den Wolken versucht haben, wobei die Wahl recht willkürlich ist – vielleicht auch der Zwang sich zu beschränken. In „Wolkendienst“ werden so auch Wolkenmythen aus der griechisch-römischen Tradition erzählt, etwa von der schönen Io, die von einem Zeus, der sich in die eine Wolke verwandelt hat, verführt wurde. Er zeigt, wie Musiker die Wolken darstellen wollten, wobei die Wolken auch zur Allegorie werden können, wenn er von der unendlichen Melodie Wagners erzählte, die sich ebenso wie eine Wolke in ständiger Veränderung befinde. Er analysiert Bilder und die Ansätze von Malern, die zum einen sehr naturalistisch versuchen, die Wolken einzufangen, wie Jacob van Ruisdael, oder van Gogh, für den Wolken eher ein Motiv für farbenprächtige Gemälde waren, die Reichert als Farbsymphonien beschreibt und so wieder Rückschluss zu Wagner findet.

Van Gogh brauchte für seine Bilder ein ‚Thema‘ – Bäume, Felder, Blumen, einen Stuhl, ein Café bei Nacht, Menschen – aber sein eigentliches Thema war immer die Farbe und die Farbkomposition. In ihr malte er die Gegenstände, wie er sie in ihrer gleichsam inneren Besonderheit sah, nicht, wie sie in der Wirklichkeit erschienen.

Ein abwechslungsreicher Wolkenhimmel

Seinem Thema angemessen wird Klaus Reicherts Buch "Wolkendienst" selbst zum Himmel, in dem ganz unterschiedliche Textwolken vorbeiziehen, sogar Prosagedichte hat er geschrieben. So wird das Sachbuch auch zu einem entspannten Lesebuch, in dem die Leser einfach blättern können. Wobei das Buch nicht unbedingt schön ist: Der Text ist nicht gut gesetzt und die Bilder lieblos eingebunden – dabei hätte es doch für ein solches Buch bestimmt so viele Möglichkeiten gegeben. Denn es ist erstaunlich, wie gedankenverloren viele in den Himmel schauen, und wie viele Gedanken Klaus Reichert hier zusammenträgt. Dafür wurde er auch zu Recht für den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. Vermutlich wird er damit nicht preisverdächtig, da fehlt wohl doch die tiefe Recherche oder die Relevanz. Aber "Wolkendienst" zeigt, wie Sachbücher auch sein können und bildet auf der Shortlist die Bandbreite ab. Er verrät zwar nicht, woher wir kommen, noch macht er Geschichte lebendig, aber er verändert unseren Blick auf den Himmel.

Auf dem Roten Sofa

Im Interview mit Moderatorin Eva Wittekind erzählt Klaus Reichert, dass er Wolken in Gemälden nur beschreiben kann, wenn er diese auch im Original gesehen hat. Ebenso beschränkt er sich geografisch auf das, was er kennt. In seinem Buch bewegt er sich innerhalb der Grenzen des europäischen Raums. Er befasst sich mit den Dingen, mit denen er sich beschäftigt. Auch mit den griechischen Mythen und der griechischen Philosophie sowie mit der biblischen Geschichte befasst er sich, da er sich mit diesen Dingen schon immer beschäftigt hat und diese ihm deshalb vertraut sind.

Außerdem verrät er, dass sein Lektor ihn dazu aufgefordert hat, mit seinem Buch fertig zu werden, da er dies sonst nie geschafft hätte. Reichert hat nämlich noch ganze Schachteln voll mit Geschichten zu Wolken:

Klaus Reichert im Gespräch mit Moderatorin Eva Wittekind
Klaus Reichert

 

 

Kommentieren

Klaus Reichert, der 1938 in Fulda geboren wurde, ist Übersetzer und Lyriker. Er lehrte von 1975 bis 2003 Anglistik an der Johann-Wolfgnag-Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Von 2002 bis 2011 amtierte er als Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt.

"Wolkendienst" ist in der Kategorie Sachbuch für den Leipziger Buchpreis nominiert. Das Buch ist bei S.Fischer erschienen, hat 248 Seiten und kostet 26 Euro.