Im Gespräch: Andreas Stichmann

Wohlfühlpessimismus war Gestern

Eine weltweite Bewegung, die die Obdachlosigkeit abschaffen und den Hunger ausrotten soll? Nichts weniger als das fordert der Titelheld Sydney Seapunk in Andreas Stichmanns zweitem Roman.
Andreas Stichmann
Autor Andreas Stichmann auf dem roten Sofa

David van Geelen ist der Sohn eines reichen Unternehmers – dessen Geist und Geld hat aber vor allem sein Bruder Sebastian geerbt. David kommt mehr nach seiner verstorbenen Mutter. Sie liebte die Farbe Türkis und Empathie lag ihr näher als der Unternehmergeist. „Happy Seapunks“ soll Davids weltweite Bewegung heißen. Er selbst gibt sich den Namen Sydney Seapunk. Ziel soll es sein, dem Wohlfühlpessimismus von nun an eine Absage zu erteilen und als ersten Schritt die Obdachlosigkeit abzuschaffen. Dafür wirbt David van Geelen mit bunten, selbst gebastelten Collagen im Internet. Auch im Buch sind sie zu finden.

Der Sonnenhof

Die Welt verbessern? Leichter gesagt als getan. David überlegt sich einen Plan, den er allerdings nicht alleine durchführen kann. Deswegen wendet er sich an die Bewohner des Sonnenhofs – eine in den 80ern gegründete, selbstverwaltete Kommune in Hamburg. Da gibt es unter anderem Ramafelene, der Sohn von Ingrid, die die Kommune gegründet hat. Er ist verliebt in die 17-jährige Bibi, die auf dem Hof ihre Sozialstunden ableisten soll. Außerdem gibt es noch Küwi, den Zwei-Meter-Mann mit dem Geist eines 10-jährigen.

Die Entführung

Gemeinsam wollen sie eine Entführung Davids vortäuschen, um von dessen Bruder Sebastian ein Lösegeld in Höhe von vier Millionen Euro zu erpressen. Ramafelene und seine Mutter Ingrid sind von vornherein wenig überzeugt von der Idee und auch sonst klappt am Ende nicht alles so ganz wie geplant. Stichmanns Stil wirkt ironisch, manchmal gar zynisch. Er scheint sich lustig zu machen über den Anspruch des unverbesserlichen Optimisten David van Geelen, der nicht etwa im Kleinen anfangen will, sondern gleich die Welt als Ganzes verbessern möchte. Über das Verschenken von Fairtablets und das Bestellen veganer Pizza kommt David van Geelen dabei allerdings nicht wirklich hinaus.  

Ich wollte auf jeden Fall ein optimistisches Buch schreiben.

Andreas Stichmann

Der zweite Roman

Stichmann beschreibt in seinem zweiten Roman die außergewöhnlichsten Charaktere. Und das manchmal so genau, dass die eigentliche Story des Romans ab und an in den Hintergrund rückt. Das Leben auf dem Sonnenhof plätschert in Lethargie vor sich hin. Die meisten Bewohner leben in den Tag hinein und sind meistens antriebslos. Ein ähnliches Gefühl beschleicht einen auch beim Lesen des Romans. Es ist irgendwie alles ganz lustig und nonchalant. Wohin uns das am Ende jedoch bringt und was die eigentliche Botschaft ist, bleibt fraglich. „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ ist also vor allem etwas für Leser, die sich gerne in Beschreibungen außergewöhnlicher Charaktere verlieren und nicht erwarten, von einer besonders neuen Idee überrascht zu werden. Neu sind nur die bunten Collagen, die das Auge ansprechen und das Hipster-Level des Romans auf jeden Fall in die Höhe treiben. Wirklich eingebunden in die Story und den Text sind sie aber nicht.

Ein moderner Robin Hood

Andreas Stichmann wollte eine Geschichte über jemanden schreiben, der Gutes will. Das Gute sei, so Andreas Stichmann, immer etwas unterpräsentiert in Literatur, Film und Fernsehen. Somit wurde „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ ein optimistisches Buch.

Sydney Seapunk bleibt in der Schwebe, das ist Absicht.

Andreas Stichmann

Der Protagonist Sydney Seapunk ist für den Autor quasi ein moderner Robin Hood – dieser war tatsächlich auch Vorlage für die Konstruktion der Figur. Gleichzeitig wirkt Sydney Seapunk jedoch ironisch und naiv. Dazu tragen auch die knallbunten Collagen, die im Buch vorhanden sind, bei. Diese sollen den Spaß und Optimismus des Sydney Seapunk – und gleichzeitig seine Naivität – repräsentieren. Sydney ist eine Figur, die man nicht zu 100 Prozent verstehen kann und soll, so Andreas Stichmann.

Woher Andreas Stichmann die Inspiration für sein Buch nahm, hat Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit dem Autor erfahren:

Moderator Yannick Jürgens im Gespräch mit Autor Andreas Stichmann
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Andreas Stichmann wurde 1983 in Bonn geboren. Er hat am Literaturinstitut in Leipzig studiert und lebt heute in Berlin. „Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ ist sein zweiter Roman. Für seinen ersten Roman „Das große Leuchten“ wurde er 2012 unter anderem für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert

 

„Die Entführung des Optimisten Sydney Seapunk“ ist bei Rowohlt erschienen. Das Buch kostet 19,95 Euro und hat 240 Seiten.