Tag der Muttersprache

Wodurch verändert sich Sprache?

Der 21. Februar ist der internationale Tag der Muttersprache. Eine eher unbekannte Sprache ist Sorbisch, die vereinzelt noch an der Lausitz gesprochen wird - und an der Universität Leipzig.
Das GWZ in der Beethovenstraße
Das Institut für Sorabistik befindet sich im Geisteswissenschaftlichen Zentrum der Universität Leipzig

Prof. Dr. Eduard Werner arbeitet am Institut für Sorabistik der Universität Leipzig. Im Interview spricht er mit mephisto 97.6 über seine Muttersprache, Minderheitensprachen im Allgemeinen und verschiedene Konzepte von Sprache. Zu Beginn des Interviews begrüßt er uns auf Ober- und auf Niedersorbisch.

mephisto 97.6: Ober- und Niedersorbisch sind als Sprachen nicht mehr so geläufig. Für wie viele Menschen ist denn Sorbisch noch Muttersprache?

Prof. Dr. Werner: In der Niederlausitz ist es so, dass die Sprachträger keine Muttersprachler mehr sind. Die Muttersprachler sind im Wesentlichen Leute, die über 70 bzw. über 80 sind und auch davon gibt es nicht mehr viele. In der Oberlausitz sieht es anders aus: In der Oberlausitz haben wir im Dreieck Bautzen-Hoyerswerda-Kamenz ungefähr einen Bereich, wo das Sorbisch auch in den Familien noch gesprochen wird. Wie viele es nun genau sind, das weiß man nicht, aber ich schätze, es sind so zwischen 5.000 und 10.000 und hinzu kommen natürlich auch noch viele Leute, die es lernen.

mephisto 97.6: Und Sie kümmern sich jetzt darum, dass es erhalten wird. Wie sieht das aus?

Prof. Dr. Werner: Auf der einen Seite bilden wir die Lehrer aus für Sachsen und für Brandenburg und da kommen dann zu uns Studierende, die das lernen wollen – was uns sehr freut. Außerdem versuchen wir, das Sorbische in einen größeren europäischen Kontext zu stellen, also nicht nur in den genetischen Kontext des Slawischen, sondern auch in den Kontext der Minderheitensprachen. So kann man bei uns auch seit ein paar Jahren einen Bachelor „Europäische Minderheitensprachen“ studieren und der Master dazu ist in Vorbereitung.

mephisto 97.6: Das heißt, da werden jetzt viele Sprachen von Menschen gelernt, die das gar nicht unbedingt als Muttersprache und in der Familie haben. Wie sinnvoll ist das denn oder warum erhält man denn überhaupt Sprachen künstlich am Leben?

Prof. Dr. Werner: Ja, mit diesem „künstlich“ habe ich eben immer ein Problem, weil das immer so eine negative Konnotation hat. Also Sprache ist für die meisten Leute nur Verständigungsmedium und zwar, für diejenigen, die einsprachig sind. Wenn man mehrere Sprachen spricht, mehrere Sprachen gut spricht, wird Sprache eben zunehmend auch zu einem Identitäts- und Identifikationsmedium. Hier geht es um den Ausdruck des eigenen Seins und da gibt einem jede Sprache sehr sehr viel und unter Umständen stellt man fest, dass einem eine Sprache, die gar nicht die eigene Muttersprache ist, eine Sprache ist, mit der man sich mehr identifiziert. Denn für die eigene Muttersprache kann man ja nichts.

Das heißt, eine Sprache, die vielleicht langsam verschwindet, kann auch der Schlüssel zu einer Kultur sein für einen Menschen, die er schon länger gesucht hat unter Umständen?

Das ganz sicher! Und das mit dem „langsam verschwindet“, das ist ein Schicksal, das jede Sprache trifft. Wir haben keine Sprache, die nicht langsam verschwindet oder sich verändert. Auch eine Sprache wie deutsch, das Deutsch, das wir heute sprechen ist anders als das deutsch vor 200 Jahren. Wir reden ja auch über andere Sachen, die Welt hat sich ja auch verändert. Damit ändern sich auch die Sprachen.

Das stimmt, und von den 6.000 Sprachen, die heute gesprochen werden, ist ja auch knapp die Hälfte vom Aussterben bedroht. Denken Sie, dass die Zahl der gesprochenen Sprachen auf lange Sicht sinken wird?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Welt sich auf wenige Sprachen in einer Art und Weise reduziert, dass man dann wirklich dieselben Sprachen spricht. Zum Beispiel, wenn die Kultur eine andere ist. Man stellt fest, dass, wenn man sich mit einem Japaner auf Englisch unterhält.  Auch wenn der Japaner gut Englisch spricht, dann wird es an irgendwelchen Stellen auf einmal Verständigungsprobleme geben, einfach weil der kulturelle Hintergrund und die Assoziationen, die man hat, andere sind. Und dann meint man zwar dieselbe Sprache zu sprechen, aber man versteht sich trotzdem nicht.

Das heißt, ihr Ausblick für die Sprachen der Welt ist durchaus positiv?

Ich habe ein bisschen ein Problem mit dieser Eingrenzung in positiv und negativ. Die Welt ändert sich und die Sprachen verändern sich, das ist ganz einfach eine Tatsache. Man kann nun mit dieser Tatsache wertend umgehen und sagen „Das ist schön und das ist schlecht“, aber man erzeugt damit bei sich selber sehr viel Kummer. Die Veränderung ist einfach eine Tatsache, wir verändern uns ja auch selber. Die Veränderung kann man erst mal einfach anschauen und man kann das für sich finden, was einem wichtig ist und damit arbeiten. Wenn man es allerdings auf eine Art und Weise tut, dass man den eigenen Wert daran bemisst, wie viel jetzt von dem gelingt, in Sprecherzahlen, die man generiert, dann hat man den falschen Zugang zu Sprachen. Dieser Zugang ist sehr beliebt: Man lernt eine Sprache und wird dann gefragt: „Wie viele Leute sprechen denn diese Sprache eigentlich?“ Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, wenn ich eine Sprache lerne, was mir als Lernendem diese Sprache gibt, was ich davon habe. Nicht, was andere Leute tun.

Und noch mal zurück zum Sorbischen: Denken Sie, dass es möglich ist, eine Sprache wieder so weit einzuführen, dass sie dann von mehr Menschen wieder als Muttersprache weitergegeben wird?

Das ist möglich und dafür gibt es auch genügend Beispiele. Es ist eine Frage des Sprachprestiges. Wenn die Sprache prestigeträchtig wird, also dass es zum guten Ton gehört, sie zu kennen oder sie zu können, dann ist das schon der Fall. Man denke an das Hebräische, das ist ja das Standardbeispiel für eine Sprache, die nur in Ausnahmefällen eine gesprochene Sprache war und die jetzt Staatssprache ist. Natürlich ist es nicht dieselbe Sprache, wie die vor 2000 Jahren, das wäre auch gar nicht zuträglich dem Verständnis.

Und welche Kriterien machen eine Sprache Ihrer Meinung nach zu einer Prestigesprache?

In erster Linie ist das heutzutage eine Wirtschaftsfrage. Das Englisch das Prestige hat, was es hat, liegt daran, dass eben eine Wirtschaftsmacht, in diesem Fall die USA dahintersteht. Und darum ist es ja auch so, dass mehr und mehr American English sich ausbreitet. Es ist ja teilweise heute sogar so, dass der Computer Formen des British English zu American English korrigiert. Das hat natürlich nur etwas mit Wirtschaftsmacht zu tun. Aber solche Verhältnisse können sich natürlich auch immer ändern und vielleicht besinnt sich die Menschheit ja auch darauf, dass es noch andere Werte gibt.

Das Interview zum Nachhören:

Ein Interview von Sophia Spyropoulos
2102_Interview
 

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Anton Kästner, Sophia Spyropoulos
21.02.2018 - 20:30