Literaturrezension

Wo Wölfe wohnen

Streifzüge über ein verwaistes Fabrikgelände, lückenhafte Zäune kontrollieren, Monitore überwachen – der Beruf einer Nachtwache scheint nicht gerade abwechslungsreich. In ihrem Debütroman beweist Gianna Molinari, dass die Routine täuschen kann.
Überwachungsfoto
Aufnahme einer Überwachungskamera

Ein Industriegelände außerhalb der Stadt, umgeben von Feldern, teilweise gesäumt von Wald. In der Ferne ein Flughafen. Ein Schotterweg führt von der Landstraße auf das quadratische Grundstück, auf dem sich drei Gebäude befinden. Sie sind die Überreste einer Fabrik, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat. Obwohl die Produktion zurückgefahren und die Belegschaft nach und nach entlassen wird, hält es der Chef für notwendig, eine Nachtwache einzustellen – nicht zuletzt, weil mutmaßlich ein Wolf auf dem Gelände sein Unwesen treibt.

Der Zaun hat Löcher. Der Zaun ist nicht mehr von Belang, nicht für die Fabrik und nicht für den Wolf. Es könnte genauso gut keinen Zaun geben, wie es auch keine Nachtwache geben könnte. Wir mussten die Fabrik bis jetzt vor nichts beschützen.

Hier ist noch alles möglich, S. 24

In ihrem Debütroman „Hier ist noch alles möglich“ zeichnet Gianna Molinari die Umrisse einer Wirklichkeit, wie sie die Protagonistin selbst erlebt. Als namenlose Angestellte geht sie Nacht für Nacht ihren Aufgaben nach: Monitore überwachen, Zäune kontrollieren, Fallen aufstellen. Auch außerhalb der Arbeitszeit verlässt sie das Fabrikgelände nur selten, wohnt in einem spartanisch eingerichteten Raum in einer der Hallen.

Wie ein einsamer Wolf

Die einzigen zwischenmenschlichen Kontakte bestehen in der Begegnung mit dem ablösenden Kollegen, dem Chef, einem verbliebenen Fabrikarbeiter und dem Koch. Gespräche beschränken sich auf wenige Themen. Immer wieder geht es dabei um die bevorstehende Schließung der Fabrik und um den Wolf.

Je länger ich in der Fabrik bin, desto häufiger denke ich, dass es einfacher wäre, die Welt als Scheibe zu denken, mit klarem Rand, mit Welt und Nichtwelt, mit Etwas und Nichts. Aber die Welt ist keine Scheibe. Die Welt ist nicht ausschließlich Etwas. Auf der Welt gibt es Stellen von Nichts. Der Wolf ist eine davon.

 Hier ist noch alles möglich, S. 46/47 

Bis wohin ist Hier?

Die Sehnsucht der Ich-Erzählerin nach Orientierung offenbart sich wiederholt. So setzt sie sich etwa mit der Frage nach Sicherheit auseinander, thematisiert die Problematik von Grenzen. Diese zunächst abstrakt anmutenden Begriffe gewinnen erst anhand der Erzählweise an Kontur.

Als Struktur ihres Romans wählt Gianna Molinari ein Konglomerat aus unterschiedlichen Modi. In drei, schlicht nummerierten Teilen wechseln sich tagebuchähnliche Schilderungen mit diversen gedanklichen Exkursen ab. Eingestreut sind hin und wieder persönliche Notizen der Protagonistin, die beispielsweise in Form von Skizzen den Text unterbrechen. Diese Sammlung ergänzen einige Schwarz-Weiß-Fotos.

Informationen sammeln als Annäherung

In dem Bemühen, die persönliche Erlebniswelt zu ordnen oder gar erst zu definieren, gibt die Autorin ihrer Hauptfigur ein Lexikon an die Hand. Durch eigene Eintragungen wächst dieses Nachschlagewerk im Verlauf der Erzählung und dokumentiert somit gleichzeitig die Ereignisse.

Zu Beginn der Geschichte steht da noch:

"WOLF: Ein Wolf ist möglich." (S. 18)

Nach Recherche und Beobachtungen werden folgende Zusätze ergänzt:

"WOLF: In nahrungsarmen Zeiten frisst der Wolf sowohl Aas als auch Abfälle." (S. 28)

"WOLF: Wir haben Erfolge zu verzeichnen. Haare. Womöglich von einem Wolf." (S. 99)

"WOLF: Ich warte noch." (S. 122)

Und schließlich heißt es dann:

"WOLF: Der Wolf ist jetzt in meiner Halle." (S. 176)

Pole bewegen sich aufeinander zu

Die profanen Begebenheiten des Fabrikalltags begleitet stets eine weitere Ebene. Vermeintlich eindeutige Gegenstände gewinnen anhand sprachlicher Unschärfen an Tiefe. Ein Zaun etwa wächst sich über seine physische Dimension hinaus zu einer Grenze aus, die wiederum mehrdeutig verstanden werden kann.
Gegensätze wie Innen und Außen, Realität und Fiktion scheinen sich aufeinander zu, zu bewegen.
Zentrales Motiv und Verbindungsmoment der Fragmente ist das Bild der Insel, das die wesentlichen Themen der Erzählung in einen größeren Zusammenhang bringen möchte. 

Es gibt eine Insel, die aus einem kleinen Hügel besteht. Darauf befinden sich eine Hütte, ein Mensch und ein Schaf. Das Schaf ist froh um das Gras auf dem Hügel. Der Mensch ist froh um das Schaf. Manchmal stehen beide auf dem höchsten Punkt des Hügels (...) und manchmal schauen sie gleichzeitig aufs Meer zu anderen Inseln, zu anderen Küsten. Ein Wolf auf dieser Insel wäre schlimmer als ein Wolf in der Fabrik.

Hier ist noch alles möglich, S. 51

Alle Einschübe, die von Inseln erzählen, könnten im Grunde selbst als solche gedeutet werden: Die Lesenden erhalten eine dramaturgische Zäsur. Wie eine kleine Welt für sich, natürlich begrenzt durch das Wasser ringsum, bietet sie auch in diesem Fall die Chance, eine neue Perspektive zu schaffen.

Zu viele offene Türen

Zugegeben, der häufige Wechsel der Erzählweise wirkt stellenweise recht willkürlich. Anstatt für Orientierung im Lesefluss zu sorgen, irritiert er tendenziell. Die Chance, mit ihrem einzigartigen Duktus unterschiedliche Zugänge zum Stoff zu bekommen, vergibt die Autorin leider. So reich ihr Roman an Fantasie und tiefgründiger Metaphorik auch sein mag, so rätselhaft bleibt am Ende die Relevanz der Geschichte. Sollte allerdings gerade dieses Ringen um einen übergeordneten Sinnzusammenhang das Ergebnis der Lektüre sein, wäre Gianna Molinari mit ihrem Debüt eine unkonventionelle Aufforderung dazu gelungen. Der Titel „Hier ist noch alles möglich“ wäre dann nicht mehr und nicht weniger als eine Einladung. Denn bei aller Kritik: Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird nicht umhin kommen, buchstäblich Grenzen zu verschieben und Horizonte zu erweitern.

 

Den Beitrag finden Sie hier zum Nachhören:

Eine Rezension von Frauke Siebels
Wo Wölfe wohnen

 

 

Kommentieren

Frauke Siebels
16.08.2018 - 12:20
  Kultur

Der Roman „Hier ist noch alles möglich“ von Gianna Molinari ist im Juli 2018 im Aufbau-Verlag erschienen, hat 192 Seiten und kostet 18,- Euro. http://www.aufbau-verlag.de/index.php/hier-ist-noch-alles-moglich.html

Ausgezeichnet mit dem Robert Walser-Preis (Verleihung am 08.09. in Biel, Schweiz). https://www.robertwalserpreis.ch

Nominiert für die Longlist des Deutschen Buchpreises. https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/