Flüchtlingspolitik

Wo Menschenwürde endet

Immer mehr Menschen müssen aus ihrer Heimat fliehen und sind gezwungen, sich ein neues Zuhause zu suchen. Viele von ihnen träumen von Deutschland, doch hier fühlen sich Städte und Kommunen überfordert – denn es mangelt vor allem an Wohnraum.
Das Asylbewerberheim in der Torgauer Straße.
Das Asylbewerberheim in der Torgauer Straße.

Der lange Flur ist kalt. Die Wände sind kahl und der Boden mit eben dem grauen Teppich ausgelegt, wie man ihn aus den meisten ungemütlichen Bürogebäuden kennt. Meinen Personalausweis habe ich am Empfang abgeben müssen – nach dem Besuch bekäme ich ihn selbstverständlich wieder, vorher würde eine Kopie gemacht. Die Sicherheitsbeamten waren nett. Das sei keine Selbstverständlichkeit, erklärt mir Gathrin später.

Sie läuft vor mir. In dunkler Leggings und einem ausgewaschenen T-Shirt, das ihr mindestens eine Nummer zu groß ist. Die Haare sind zurechtgemacht, die Strähnchen ausgewachsen. Irgendwann – im dritten oder vierten Stock – bleibt sie stehen. Hier sei ihr Zimmer, sagt sie. Ich trete ein. 

Gathrin kam vor einem halben Jahr mit ihrem Ehemann Osip nach Deutschland. Aus Syrien flohen sie teils zu Fuß, teils in einem Lastwagen über die Türkei nach Köln. Von dort ging es mit der Bahn nach Chemnitz; in eines von vielen Erstaufnahmeheimen für Flüchtlinge. Ihre Koffer hat Gathrin irgendwann auf dem Weg verloren. Wo, weiß sie nicht mehr. 

Seit mehreren Monaten ist nun ein Flüchtlingsheim in Leipzig ihr neues Zuhause. Das Zimmer ist klein; weniger als zehn Quadratmeter bleiben zum Schlafen, Essen, Leben. Auf der Etage wohnen noch 40 andere Menschen; gemeinsam teilen sie sich eine Küche, einen Herd und die Gemeinschaftsbäder. Die Bilder aus ihrem Leben in Syrien sind ein Kontrast. Sie sprechen für Wohlstand und ein gutes Leben; erst als sie alles verloren hatten, ist das Paar geflohen.

Dass sie raus wollen aus der maroden Gemeinschaftsunterkunft hat nicht nur mit den schlechten Zuständen dort zu tun. Osip hat Diabetes, Gathrin Bluthochdruck. Eigentlich ein Grund für einen Anspruch auf sogenannte "dezentrale Unterbringung" – die Behördenwortwahl für "eine eigene Wohnung". Doch dieser Anspruch macht die Anträge nicht weniger kompliziert und das Prozedere nicht kurzweiliger.

Vor allem die Stadt stellt sich quer und betont in ihrem Konzept zur Unterbringung von Flüchtlingen immer wieder die Wichtigkeit und die vielen Möglichkeiten von Gemeinschaftsunterkünften. Doch Fakt ist: Die Mehrheit der geflüchteten Menschen will raus aus den Massenunterkünften. Und das nicht ohne Grund.

 

Über die Zustände in Gemeinschaftsunterkünften, den langen Weg hin zu einer eigenen Wohnung und integrative Wohngemeinschaften als Alternative zu Asylbewerberheimen berichten mephisto 97.6-Redakteure Carlotta Jacobi, Pauline Bombeck, Elisa Marie Rinne und Tarek Khello.

Ein Beitrag von Carlotta Jacobi, Pauline Bombeck, Elisa Marie Rinne und Tarek Khello.

Gesprochen von Magnus Folten.

Dezentrale Unterbringung
 

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Flüchtlinge in Sachsen und Leipzig:

Jedes Bundesland in Deutschland ist dazu verpflichtet, eine bestimmte Anzahl an Flüchtlingen aufzunehmen. Die Verteilung der Asylbewerber auf die Länder erfolgt nach dem sogenannten "Königsteiner Schlüssel", der jedes Jahr anhand der Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft berechnet wird. Der Freistaat Sachsen erhält demnach im Jahr 2015 einen Anteil von 5,1 Prozent der Asylsuchenden.

Die Zahl der Flüchtlinge steigt auch in Sachsen rasant. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres lebten so beinahe 1.000 Flüchtlinge mehr im Freistaat als im gesamten letzten Jahr: 2014 waren es 16.011, Ende März 2015 schon 16.959 Asylbewerber. Circa 13 Prozent von ihnen, nämlich 2.457 Personen, leben in Leipzig. Hier werden sie zunächst in einer der vier Gemeinschaftsunterkünfte oder einem der sechs Häuser für gemeinschaftliches Wohnen untergebracht. Obwohl der Großteil der Asylbewerber raus aus den Massenunterkünften will, leben in Leipzig derzeit nur rund 48 Prozent von ihnen in eigenen Wohnungen.

Die Standards für die Unterbringung und soziale Betreuung der Flüchtlinge hat die Stadt Leipzig im Konzept "Wohnen für Berechtigte nach Aslbewerberleistungsgesetz“ beschlossen.