Im Gespräch: Olga Grjasnowa

Wo ist Zuhause?

Sechs Jahre Krieg in Syrien, keine Aussicht auf Frieden. Reportagen und TV-Brennpunkte, die darüber berichten, werden zur Gewohnheit. Olga Grjasnowa schreibt mit ihrem Roman über das Schicksal zweier junger Syrier dagegen an.
Olga Grjasnowa
mephisto 97.6 Redakteurin Johanna Bastian im Gespräch mit der Autorin Olga Grjasnowa

Amal ist jung, schön und privilegiert. Männer drehen sich auf der Straße nach ihr um und erkennen ihr Gesicht aus einer syrischen Soap, in der die Studentin gerade ihre erste TV-Rolle gespielt hat.

Amal ist die Art Frau, die Olga Grjasnowa gern als ihre Protagonistin wählt: Klug und eine makellose äußere Erscheinung, hinter der Fassade verbergen sich aber Zerrissenheit, Selbstzweifel und familiärer Ballast.

Es ist das Jahr 2011 und der Beginn des Arabischen Frühlings. Unter Amals T-Shirt aus feinem Stoff verstecken sich Striemen und Schürfwunden – Überbleibsel einer Verhaftung. Unter ihrer Haut versteckt sich beklemmende Angst. Trotzdem folgt sie der SMS, die ihr den Treffpunkt für die nächste Demonstration gegen die syrische Regierung mitteilt.

Grjasnowas Protagonistinnen sind mutig. Auf einem dieser Proteste trifft Amal auf Youssef. Er wird einer der wenigen Menschen, den die emotional distanzierte Amal an sich heranlässt.

 

Zwei Blickwinkel, ein Schicksal

Amals Vater Bassel kann sie vor einer Gefängnisstrafe bewahren. Es ist einer der wenigen fürsorglichen Momente, die er neben teuren Geschenken aufwenden kann. Bassel ist wohlhabend und hat Beziehungen in höhere Kreise des Landes. Amals Mutter ist eine gebürtige Russin und verschwandt als Amal und ihr Bruder Ali noch klein waren. Bassel behauptet, sie sei tot.

Wie in ihren vorherigen Romanen lässt Grjasnowa in „Gott ist nicht schüchtern“ mehrere Protagonisten erzählen und macht die Geschichte damit dynamischer und vielschichtiger. In kurzen Kapiteln wechseln sich die Figuren ab. Der zweite Protagonist Hammoudi hat Syrien vor Jahren verlassen, um in Paris Medizin zu studieren. Eigentlich will er nur seinen Pass verlängern, dann wird ihm die Ausreise verweigert. Hammoudi bleibt in seiner Heimatstadt Deir al-Sur im Osten des Landes. Dort versorgt er in einem schmutzigen Häuserkeller notdürftig Menschen, die in den Kämpfen mit dem syrischen Regime verletzt wurden. All das muss geheim bleiben. Für seine Hilfe droht Hammoudi Haft und Folter, vielleicht Schlimmeres.

Hammoudi und Amal begegnen einander nur kurz zu Beginn des Buches. Danach verlaufen ihre Leben getrennt voneinander. Erst Jahre später treffen sie sich zufällig auf der Sonnenallee in Berlin-Neukölln wieder. Grjasnowa verwebt diese beiden Schicksale – anders als von ihr gewohnt – nicht. Zu unterschiedlich sind die rebellische Amal, die gegen die syrische Regierung auf die Straße geht, ihre Heimatstadt Damaskus liebt und der sanfte Hammoudi, der unfreiwillig in diesen Krieg hineingezogen wird, in einem Land, das er lange hinter sich zurückgelassen glaubte. Krieg und Flucht treffen beide schonungslos und lassen sie dadurch letztlich doch dasselbe Schicksal teilen.

Olga Grjasnowa
Die Autorin Olga Grjasnowa stellt ihr Buch vor

Biografische Parallelen

Amal und Hammoudi fliehen. Amal mit einem Boot über das Mittelmeer und Hammoudi über den Balkan und Osteuropa. Beide landen in Berlin. Olga Grjasnowa weiß, was es bedeutet, in einem fremden Land neu anfangen zu müssen. Ihre Familie kam 1996 als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland – ein Gesetz erleichterte Juden aus den postsowjetischen Staaten die Einreise in die Bundesrepublik. Ihre Eltern verließen Aserbaidschan wegen der großen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit. Olga Grjasnowa ist damals elf Jahre alt. Sie hat kein Wort Deutsch gesprochen, als die Familie in einer Aufnahmeeinrichtung in der hessischen Provinz angekommen war.

Amal fällt es schwer, sich in Berlin zurechtzufinden. Sie beginnt wieder zu kochen, so wie sie es früher jeden Samstag zusammen mit ihrem Bruder tat. Dann gab es Tabuleh-Salat, gegrillte Aubergine mit Granatapfelkernen und Fattousch, Alis Lieblingsgericht. Vielmehr als diese Rezepte ist ihr aus Syrien nicht geblieben. Doch auf den Straßen von Damaskus fühlte sie sich kurz vor ihrer Flucht auch nicht mehr zugehörig.

Einmal mehr zeigt Grjasnowa in diesem Buch ein vielschichtiges Bild von Heimat, die Suche nach sich selbst und Migration als eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Sie zeigt, dass sich hinter einem Lächeln oder hübschen Gesicht großes Leid verbergen kann, das uns auch nach sechs Jahren Krieg in Syrien nicht abstumpfen lassen darf. „Gott ist nicht schüchtern“ ist damit ungeheuer aktuell.

 

mephisto 97.6 Redakteurin Johanna Bastian hat mit der Autorin auf dem Roten Sofa gesprochen.

mephisto 97.6 Redakteurin Johanna Bastian im Gespräch mit Olga Grjasnowa
mephisto 97.6 Redakteurin Johanna Bastian im Gespräch mit Olga Grjasnowa
 

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Olga Grjasnowa wurde 1984 in Baku, Aserbaidschan geboren. Sie stammt aus einer jüdisch-russischen Familie, die 1996 nach Deutschland auswanderte. Derzeit lebst sie in Berlin

Sie studierte „Literarisches Schreiben“ am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Es folgten Auslandsaufenthalte in Polen, Russland, Israel und der Türkei.

Ihr Debüt „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ wurde mit dem Klaus-Michael Kühne-Preis und dem Anna Seghers-Preis ausgezeichnet. 2014 erschien ihr zweiter Roman „Die juristische Unschärfe einer Ehe“.