Open Flair 2019

Wo ist das Bieryoga?

Zehnmal war ich schon zum Feiern in Eschwege. Open Flair ist immer wieder das Gleiche: Außerordentlich geil! Nur das Bieryoga habe ich nicht gefunden. Dafür viele neue Musik, die Festival-Seuche und zersplitterte Knochen.
Die Hauptbühne des Open Flair Festivals
Die Hauptbühne des Open Flair Festivals

Das Open Flair geht außerordentlich früh los. Schon Dienstag stehen die meisten Zelte - auch meins, aber ich liege nicht drin.

Dienstag: Kranke Party

Ich habe mir pünktlich zum Festivalstart eine Erkältung eingefangen und schwitze bei meinen Eltern in meinem Kinderzimmer. Auch das gehört zum Flair:  Vor oder nach dem Festival muss man krank werden. Ich nenne es die Festival-Seuche. Ich mache Yoga um das Chi beisammenzuhalten.

Mittwoch: Kein Erkältungsbad

Geheimtipp: Tristan Brusch
Geheimtipp: Tristan Brusch

Jetzt soll es aber losgehen: Vollgepumpt mit Ibuprofen und Erkältungstee wackel ich nach Eschwege. Erkältungsbad im Werratalsee ist dieses Jahr nicht drin. Schon am Steg schwimmen uns tote Fische entgegen. Direkt nebenan auf der Seebühne genieße ich dafür schon mal The Subways. Die Briten lieben die deutsche Sprache und reden unentwegt mit dem Publikum. Jetzt sind alle heiß – ich ganz besonders, denn ich habe mich in dickem Fleecepullover in die Moshpit gewagt. So schwitze ich wenigstens die letzten Krankheitserreger aus. Bei Russkaja am späten Abend sitze aber doch lieber gemütlich auf der Wiese und träume vom kalten Winter in Sibirien.

Immerhin kann man auf dem Campingplatz gut schlafen, da dieses Jahr die Nachtruhe ab 2:00 Uhr rigoros eingehalten werden muss. Das macht die Partynächte ein bisschen zu kurz für meinen Geschmack und animiert unsere Nachbarn morgens ab Viertel vor sechs jede Minute runterzuzählen, bis wieder Krach gemacht werden darf.

Donnerstag: Buddycop-Comedy

Kurz vor dem Auftritt der Donots.
Kurz vor dem Auftritt der Donots.

Mir geht es besser: Zeit die innere Mitte wiederzufinden. Das Open Flair-Team hatte morgendliches Yoga angekündigt. Doch ich finde es nicht (habe auch nicht besonders akribisch gesucht). Also mach ich meine eigenen Übungen: Ich Strecke mich ganz weit aus meinem Campingstuhl, den Arm dehnen, bis die Schulter fast rausspringt, so lang, dass ich die rote Dose erreiche, die beim Öffnen so herrlich zischt. Das erweckt meine Lebensgeister. Und unter uns: Flunkyball ist auch Frühsport.

Jetzt kann ich auch endlich meine Schals ablegen und in meinen Bademantel schlüpfen. Den ziehe ich bis Sonntag nicht mehr aus. Außerdem wird der Bart abrasiert: Ab jetzt trage ich pompösen Schnauzer, sodass ich aussehe wie ein Miami-Cop im Urlaub.

Wenn man zu viel Spaß beim rumblödeln im Camp hat, kommen die Bands kommen zu kurz. Schon am zweiten Tag ist mein akribisch zusammengestellter Timetable hinfällig. Ich schaffe es abends nur noch zu den Donots – aber die enttäuschen nicht. So long, so long, so long. Zum Ausklang kann auch der frische Elektrogarten mit tanzgewaltigen Beats beeindrucken. Ich finde hier geht sogar noch mehr Bass.

Freitag: Nass und nackig

Wölfi von den Kassierern kommt nackt auf die Bühne.
Wölfi von den Kassierern kommt nackt auf die Bühn

Heute brauche ich noch viel mehr Yoga als gestern. Das liegt zum einen am harten Boden, zum anderen am straffen Freitags-Programm. Viel zu früh spielen Of Mice & Men. Die kalifornischen Metalcore-Veteranen schaffen es in der Mittagssonne leider nicht ihre volle Wucht zu entfalten. Außerdem kann der neue Sänger Aaron Pauly die Fußstapfen des Gründungsvaters Austin Carlile nicht füllen – Schade um die Songs.

Als Kontrast gehe ins ruhige E-Werk für etwas Kleinkunst mit Luksan Wunder. Die kopieren ihre YouTube-Show auf die Bühne. Ist lustig, die Gags kennt man als Abonnent aber schon und so gehe ich doch bald zu Tristan Brusch. Anscheinend ein echter Geheimtipp – kaum jemand wartet vor der Bühne. Doch alle die gekommen sind, haben sich während der Show in Tristan verliebt.

Kurz danach überrascht mich der Regen. Überhaupt kein Problem, denn Flairbesucher sind auch durchnässt sehr hübsch anzusehen. Und da Sookee indoor im E-Werk auftritt, können wir das Patriarchat im trockenem beschimpfen. Nachts bleibt verschont uns der Regen – aber bei den Leoniden brausen Begeisterungsstürme auf. Die Jungs aus Kiel sind mein absolutes Highlight 2019. Und zum Schluss begeistern mich auch noch die Kassierer noch mit ihren Genitalien und Bierbäuchen.

Samstag: Zur Strafe wird geballert

Viel zu früh werde ich wach. Am liebsten wäre ich nun mit einem kühlen Bier auf einer Yoga-Matte. Doch auch heute finde ich den Yogimeister nicht. Also doch wieder lauwarme Plörre und Ferien in Algerien.

Ich überspringe besser den Morgen und Nachmittag und steige direkt mit dem Auftritt von Eskimo Callboy ein. Die Jungs aus Castrop-Rauxel übergehen ihre frühen Songs, die sich durch besonders sexistische Texte auszeichnen. Doch auch ihre aktuellen Stücke sind feiertauglich, sodass sich eine Moshpit nach der nächsten entwickelt.

Enter Shikari
Enter Shikari

Der ganze Nachmittag bewegt sich zwischen Electro und Metal. Anschließend wabern die Trancecore-Legenden Enter Shikari aus den Boxen der Hauptbühne. Sänger Rou Reynolds klettert auf alle Gerüste und Türme, die er finden kann. Irgendwann geht er alleine in die Pit. Leider ist es noch viel zu hell, um die ominöse Light-Show der Briten wahrzunehmen. Hier hätte das Flair-Team sicher einen besseren Slot gefunden.

Ich spare mir dieses Jahr den Headliner. Bei der Musik der Toten Hosen denke ich zwangsläufig an CDU-Parteitage. Stattdessen gebe ich mir lieber Demo-Musik bei Frittenbude. Es dauert ein bisschen, bis die Band ältere Songs auspackt. Jetzt merke ich, dass ich zum Opa mutiert bin, der mit geballter Faust aus der letzten Reihe: „Spielt mal ein paar Klassiker“ brüllt. Anschließend ballern wir noch Elektrogarten. Ist schließlich der letzte Abend im Electro-Grün. Ich wünschte, sonntags würden immer noch alle Bühnen Programm bieten.

Sonntag: Just Married

Heute verzichten wir auf Yoga: Kinder zieht euch schick an und ab zum Gottesdienst! Es ist Zeit für die Illegale Rave-Messe von Andi Strauss. Mit Abendmahl aus Pfeffi und Stapelchips, sowie ganz viel Bass. Weihwasser wird aus dem Bauchnabel gesaugt, die besten Tänzer und Tänzerinnen dürfen privat Andis Tanga anschauen. Beim Song „Ich hab meinen Führerschein“ verloren, wird mein eigener Lappen von Andi einkassiert und weggeworfen. Kurz danach verwandelt der Bassjesus Wasser in Wein (Okay er kippt sein Wasser in ein leeres Wein-Tetrapack). Anschließend werde ich mit zweien meiner Freunden vermählt. Die Poly-Ehe läuft immer noch fantastisch.

Andi Strauss verwandelt Wasser zu Wein.
Andi Strauss verwandelt Wasser zu Wein.

Im weiteren Verlauf des Abends: Von Wegen Lisbeth. Ich liebe es. Smarte Texte, sanfter Indie – muss ich den mephisto-Hörer*innen auch nicht weiter erklären. Alles ein bisschen zu sanft. Bei B-Tight schlafe ich vor der Bühne ein. Ich erwache erst wieder bei Bullet for my Valentine. Die Waliser hauen noch mal gewaltig in die Saiten. Wilde Fingerakrobatik provoziert harte Riffs und nice Solos. Kurz vor Schluss knackt mein Fußgelenk, irgendwas ist da gesplittert. So haben die Sanitäter auch noch ein bisschen Spaß mit mir. Und ich kann noch ein bisschen von der Punkband Adam Angst hören, die ich sonst nie entdeckt hätte. Zum Ende begutachte ich noch ein wenig The Offspring: Ihre alten Songs kann man auch heute noch gut hören: Nur mit Tanz ist weder bei mir, noch bei der Band irgendwas drin.

Fazit: Bitte mehr weibliche Künstlerinnen

Eine Erkältung, ein verstauchtes Fußgelenk und ein gigantischer Hangover am Montagmorgen. Solide Party. Open Flair ich komm auch gerne ein elftes Mal wieder. Drei Wünsche für 2020: 1. Mehr weibliche Künstlerinnen auf der Bühne. 2. Mehr Yoga. 3. See bitte nicht umkippen lassen.

 

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Janek Kronsteiner
22.08.2019 - 08:21
  Kultur

Auf einen Blick:

Was? Open Flair Festival

Wo? Eschwege, Hessen

Wann? 07. bis 11. August 2019

Größe? ca. 20.000

Genre? Rock, Metal, HipHop, Punk, Elektro

Meine Highlights 2019:

1. Leoniden
2. Donots
3. Enter Shikari

 

Mehr Infos? Open Flair Festival