Interview: Editors

„Wir sind keine Presselieblinge“

Besonders die heimische Fachpresse lässt kaum ein gutes Haar an den Editors. Den Engländern ist das zum Glück egal. Selbstbewusst stecken sie ein, teilen aber auch aus. Zum Beispiel an stagnierende Kolleg*innen.
Editors
Editors (von links): Edward Lay, Justin Lockey, Tom Smith, Elliott Williams und Russell Leetch

These: Würde man sich jede einzelne Musikkritik zu allen Editors-Alben nach 2007 durchlesen, könnte man wohl 75 Prozent mit einem Satz zusammenfassen: „Ich mochte ihr altes Zeug viel lieber“. Und es sind nicht nur Kritiker*innen: Auch der nörgelige Freund, der auf dem Konzert lamentiert, wie beschissen er die neuen Alben findet oder der besoffene Typ, der auf ihrem Festivalauftritt brüllt, sie sollen was vom zweiten Album spielen – alle sind sie unzufrieden, aber gleichzeitig unfähig die Band einfach sein zu lassen.

Justin Lockey und Elliott Williams, Gitarrist und Keyboarder der Editors, verstehen das ebenso wenig. Warum so viel negative Energie in eine Sache stecken, wenn sie einem nicht gefällt und man sie nicht ändern kann, dafür aber leicht umgehen?

Als wir sie vor ihrem Konzert im Haus Auensee treffen, zeigt sich schnell: Die Editors sind erwachsen genug, um mit Kritik umzugehen. Lockey und Williams haben früh begriffen, dass die Meinung der Presse auf ihre Karriere wenig Einfluss hat. Deshalb interessieren sie sich auch kaum dafür. Von einer positiven Rezension habe man im Endeffekt auch nichts, außer einem gestreichelten Ego. Dass ihr neues Werk nicht bei allen gut ankam, kann ihnen deshalb auch relativ egal sein. Die Editors selbst sind mit der Platte zufrieden – auch, weil sie mit „Violence“ ihr bis dato brutalstes Album veröffentlicht haben.

Das Interview zum Nachhören und Nachlesen gibt’s hier: 

Musikredakteurin Ariane Seidl im Gespräch mit Justin Lockey (Gitarre) und Elliott Williams (Keyboard) von den Editors.

Voiceover: Martin Pfingstl (Justin) und Ramin Büttner (Elliott).

Musikredakteurin Ariane Seidl im Gespräch mit Justin Lockey (Gitarre) und Elliott Williams (Keyboard) von den Editors.

„Erfolg bei der Kritik ist nichts Greifbares“

Wenn ihr über „Violence“ in Interviews sprecht, bezeichnet ihr es immer wieder als „brutal“. Was genau meint ihr damit?

Justin: Ich schätze, das bezieht sich am ehesten auf das Elektronische. Das ist recht hart und aggressiv. Wenn man das mit den umfangreicheren Gitarren-Teilen verbindet, klingt das ziemlich brutal – im Sinne von kraftvoll.

Elliott: Das ist alles relativ. Es ist brutal für ein Editors-Album. Das wollen wir damit sagen. Die Sachen, die für unsere Verhältnisse hart sind, sind hart. Und was melodisch ist, ist eben sehr melodisch.

Ich habe das Gefühl, dass eure letzten Alben von euren Landsleuten im Vereinigten Königreich eher kritisch aufgenommen wurden. Ist da was dran?

Justin: Sie haben auf jedes Album irgendwie negativ reagiert.

Elliott: Ja, wir sind wirklich keine Presselieblinge im Vereinigten Königreich. Das ist seltsam, aber inzwischen erwarten wir das eigentlich. Das hat unsere Fanbase nie beeinflusst oder so. Klar ist es frustrierend, aber…

Justin: Es ist ein seltsames Land, was Bands angeht. Die Kritiker mögen immer nur das Neue. Konsistenz wird nicht gewürdigt, es sei denn, man ist Radiohead. Die finden sie immer toll. Sie halten ihre eigenen Leute gern klein, damit keiner größenwahnsinnig wird. Aber das beeinflusst uns nicht wirklich, wir werden trotzdem immer erfolgreicher. Ich war in Bands, die auf ganzer Länge positive Kritiken bekamen und habe keine Alben oder Tickets verkauft. Erfolg bei der Kritik ist nichts Greifbares. Es ist nur schön, nette Sachen über sich zu lesen. Du machst auch keine Musik für die Kritiker*innen. Wenn man das macht, ist man eine furchtbare Band.


Das stimmt total – und ich gehöre zu denen, die Kritiken schreiben. Aber habt ihr eine Idee, warum Leute in verschiedenen Ländern so unterschiedlich auf eure Musik reagieren? Weil ich das Gefühl habe, hier im Rest von Europa kommt ihr sehr, sehr gut an.

Justin: Ja, das ist echt komisch. Wir merken das ganz deutlich, wenn wir Tickets verkaufen. Die Karten für diese Tour haben wir vor Weihnachten verkauft – lange bevor Leute neue Musik gehört oder wir irgendwas angekündigt haben. Und trotzdem war das meiste in Wochen ausverkauft. Ich denke, hier auf dem Kontinent mögen Leute Bands und folgen ihnen Album für Album für Album. Anstatt nach einem Album mit was Anderem weiterzumachen. Leute sind offener und geduldiger.

„Alben sind Momente“

Josh Homme von den Queens of the Stone Age hat mal gesagt, am gefährlichsten am Musikgeschäft hält er den Anspruch, dass dein neues Album immer dein bestes sein muss. Seht ihr das auch so? Und habt ihr da bei „Violence“ auch Druck gespürt?

Elliott: Ich denke, das ist was Künstler*innen machen. Man versucht immer, sich zu verbessern.

Justin: Man macht es, aber nicht auf eine Weise, die von Außenstehenden direkt verfolgt werden kann. Wenn du nur bessere Versionen von dem machst, was du vorher getan hast, machst du trotzdem immer und immer wieder dasselbe Album. Als Musiker*in verlierst du nach zwei Alben das Interesse daran. Deshalb springt unsere Band auch so zwischen Gitarre und Elektronik hin und her. Wenn wir einfach fünfmal „The Back Room“ gemacht hätten, wäre die Band heute nicht hier. Wenn deine Band stillsteht und aufhört, sich in irgendeine Richtung zu bewegen, dann geht sie ein. Gleichzeitig gibt’s immer Leute die sagen: Ugh, ich mochte ihr altes Zeug viel lieber. Ich verstehe das, aber du bekommst dasselbe Zeug nicht fünfmal. Da ist keine Bewegung drin.

Elliott: Selbst, wenn wir das machen würden, würde das keiner genießen. Alben sind Momente. Leute verbinden Erinnerungen damit und in dem Moment bedeutet es etwas für sie. Aber wenn du versuchst diese Sache zu kopieren, denkst du dir danach: Oh, das ist nur ‘ne miese Version der anderen Sache. 

Editors
 

Justin: Leute verändern sich. Ich bin mir sicher, meine Bandkollegen sind völlig andere Menschen als vor 15 Jahren. Ich bin eine andere Person, als ich letzte Woche war. (lacht)

Ich denke nicht dran, die selbe Platte nochmal zu machen. Es ist total zynisch, wenn Bands das machen. Weil sie nur beschissener und beschissener werden. Paradebeispiel: Oasis. Haben immer wieder denselben Scheiß gemacht und wurden einfach schlechter. Queens of the Stone Age haben das auf drei Alben gemacht und die drei Alben gingen den Bach runter. Ich kann mich nicht mal mehr an die Titel erinnern. Die haben sich einfach ein Riff mit den Foo Fighters geteilt und das auf drei Alben!

Elliott: Justin nimmt Fahrt auf.

Justin: Ja, stimmt doch. Das passiert Bands, aber dann drehst du dich und findest einen neuen Blickwinkel. Bands wie Queens of the Stone Age werden ja auch immer wie Queens of the Stone Age klingen. Aber die neue Platte klingt halt neu und frisch.

Elliott: Du musst dich neu erfinden. Dabei verlierst du Menschen, du gewinnst aber auch welche.

Justin: Du musst dich eben trauen, Risiken einzugehen. Und besonders bei Bands wie den Editors gibt’s ‘ne starke Stimme, die die ganzen Alben trägt. Tom versucht sich immer weiterzuentwickeln, aber er klingt trotzdem immer wie Tom Smith. Damit gibt’s immer den emotionalen Aspekt, der für Editors-Fans wichtig ist. Er bleibt immer das Herz unserer Musik.

Tom Smith
 

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Ariane Seidl
09.04.2018 - 11:44
  Kultur