Theaterrezension "Wolken.Heim"

Wir bleiben bei uns!

2017 wurde Elfriede Jelinek mit dem Theaterpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Im Schauspiel Leipzig wurde mit ihrem Stück "Wolken.Heim" die neue Spielstätte Diskothek eingeweiht.
Jelineks "Wolken.Heim"
Vier Stimmen begeben sich auf die Suche nach dem Deutschen

Bereits wenn man den Saal betritt, stellt sich Unbehagen ein. Die Bühne in kaltes Licht getaucht, Musik dröhnt bedrohlich, geisterhafte Stimmen sprechen die ersten Zeilen aus Jelineks Wolken.Heim. Anfang November 2017 erhielt Elfriede Jelinek den Theaterpreis Der Faust für ihr Lebenswerk. Wie passend, dass man sich zur Einweihung der neuen Spielstätte des Schauspiels das Stück ausgewählt hat, das einst einen erheblichen Teil zu ihrem Durchbruch als Dramatikerin beigetragen hat. Es ist durchaus ein Wagnis, den ungeheuren Text von Jelinek auf die Bühne zu bringen, verzichtet sie doch in Wolken.Heim mal wieder auf Regieanweisungen, Rollen oder verteilte Sprechakte. Stattdessen gibt es nur einen sperrigen Text im Blocksatz, den Regisseur Enrico Lübbe bebildern und in Szene setzen musste. Eine Überraschung ist das jedoch nicht, denn die Autorin ist immerhin nicht gerade für leichte Unterhaltung bekannt. Auch Wolken.Heim wirft mehr Fragen auf, als sie zu beantworten.

Von den Grimms zur RAF

Wolken.Heim ist eine Collage aus verschiedensten Texten. Jelinek vermischt Hegel mit Hölderlin, in der zweiten Hälfte kommen Ausschnitte aus Briefen der RAF und philosophische Texte von Martin Heidegger hinzu. Die einzelnen Autoren sind nicht mehr auseinanderzuhalten, Jelinek komponiert ein Stimmengewirr und schleudert den Zuhörer/Leser durch verschiedenste Epochen. Was bleibt, sind die Fragen nach nationaler Identität, dem Deutschen an sich oder der Begründung von Nationalstolz. Mal werden die Texte voller Überzeugung herausposaunt, manchmal fragend und verhalten vorgetragen, manchmal entstehen klagende, aggressive Überlagerungen. Jelinek entwirft ein Stimmungsbild der Deutschen, die auf der Suche nach sich selbst sind, ja schon immer auf der Suche nach sich selbst waren und doch zu keiner Schlussfolgerung kommen.

Szene aus "Wolken.Heim"
Auch Barbarossa gibt sich die Ehre.

Das Kuriositätenkabinett der Geschichte

Das Bühnenbild stammt von dem Leipziger Künstler Titus Schade. Sein Werk Kiosk steht als große Holzwand auf der Bühne. Zu sehen ist eine Straße, ein Hinterhof, ein altes Fachwerkhaus, die ganze Bühne befindet sich in einem großen Bilderrahmen. Ein begehbares Gemälde also, in dem Jelineks Text vorgetragen wird. In der Holzwand befinden sich verschiedene Türen, die aufgerissen werden. Wolken.Heim blickt hinter die bürgerliche Fassade in die Innenräume. Hinter dem Fachwerkhaus kommt ein Wald zum Vorschein, Nebel quillt in den Zuschauerraum. Welch passendes Motiv! Immerhin verkörpert dieses kleine, undurchsichtige Stück Wald perfekt die Ambivalenz aus märchenhafter Abenteuerlust und Furcht einflößendem Orientierungsverlust bei der eigenen Sinnsuche. Ganz nebenbei werden hier gekonnt romantische Ideale aufs Korn genommen.

Szene aus "Wolken.Heim"
Verloren in der eigenen Sinnsuche

Enrico Lübbe hat es sich nicht nehmen lassen, die Zeitreise wörtlich zu nehmen und lässt verschiedenste Gestalten aus der Geschichte auf der Bühne auftauchen. So hüpfen Gestalten aus Grimms Märchen über die Bühne, während König Barbarossa auf einem Bett sitzt und sich alte Schallplatten anhört. Wenn Rotkäppchen zu Wagner-Musik auf den wütenden Schmied Mime trifft, der es singend in die Schranken weist, erreicht die Inszenierung eine groteske Komik, die zwischen all den anstrengenden, teils auch verstörenden Szenen für Auflockerung sorgt.

Fazit

Bei der unübersehbaren Aktualität des Stückes ist die Inszenierung insgesamt jedoch etwas zahm ausgefallen und traut sich recht wenig. Die Bilder, die Lübbe auf die Bühne bannt, sind durchweg unterhaltsam anzusehen. Auch an dem literarischen Wert von Jelineks Text bestehen keine Zweifel. Am Ende bleibt man als Zuschauer trotzdem erschreckend unbeeindruckt von dem Inhalt. Die zweite Hälfte von Wolken.Heim zieht sich sehr in die Länge, viele Sachen werden zu oft in ihrer Aussage wiederholt. Lösungen für die Problematik bietet Jelinek natürlich nicht. Sie nimmt sich heraus, ein Stimmungsbild der Deutschen zu zeichnen, entzieht sich aber - wenn es darum geht - eine klare Position einzunehmen. Der Zuschauer bleibt, wie auch die Stimmen im Stück, bei sich allein mit seinen Gedanken.
Janick Nolting im Gespräch mit Moderator Nico van Capelle über "Wolken.Heim"
Janick Nolting im Gespräch mit Moderator Nico van Capelle über "Wolken.Heim"

 

 

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Besetzung

Anna Keil, Tilo Krügel, Bettina Schmidt, Hartmut Neuber, Hubert Wild

Team

Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Titus Schade, Marialena Lapata
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Musik: Hubert Wild
Dramaturgie: Torsten Buß
Licht: Carsten Rüger
 

nächste Aufführungstermine von "Wolken.Heim" in der Diskothek des Schauspiels Leipzig:

17.11.2017, 20 Uhr

6.12.2017, 20 Uhr

17.12.2017, 16 Uhr und 20 Uhr

29.12.2017, 20 Uhr

13.1.2018, 20 Uhr

14.1.2018, 16 Uhr