DOK 2019

THE WIND: Ein dokumentarischer Thriller

Düstere Film-Stoffe hat auch die 62. Ausgabe von DOK Leipzig wieder genügend auf Lager, aber nur wenige sind so unheimlich anzuschauen: "The Wind" führt das Publikum in eine heimgesuchte Region, in der man niemals leben möchte.
The Wind
Teresa klammert sich an die Natur.

Als König Sisyphos, in seiner grenzenlosen Listigkeit, Hades, den Gott der Unterwelt, hinters Licht führte, um weiterhin unter den Lebenden weilen zu dürfen, erlegte ihm dieser bekanntlich die Aufgabe auf, bis in alle Ewigkeit in der Unterwelt einen Felsblock einen Hang hinaufzutransportieren, der kurz vorm Ziel immer wieder herunterrollen sollte. Wenn man Michal Bielawskis The Wind sieht und sich auf diesen mythologischen, übersinnlichen Gedanken einlässt, fragt man sich unweigerlich, was sich wohl die Menschen in der hier gezeigte Region im Süden Polens zu Schulden kommen ließen, dass eine solche Strafe über sie gekommen ist.

Mehrfach im Jahr schlägt der berüchtigte Halny zu, ein starker Föhnwind, der zerstörerisch durch die Täler der Hohen Tatra peitscht, Häuser vernichtet und Bäume entwurzelt. Wenn sich der Sturm gelegt hat, begeben sich die Menschen nach draußen, beseitigen das Chaos, führen Reparaturen durch, versuchen, die alltägliche Ordnung wiederherzustellen, doch der nächste unvorhergesehene Sturm lässt nicht lange auf sich warten. Gleiches Spiel, alles beginnt wieder von vorne. Der Alltag in der Region Podhale wird zu einer ganz eigenen Version der Sisyphos-Arbeit. 

Beklemmende Naturstudie

Regisseur Michal Bielawski rahmt seinen Dokumentarfilm mit dem titelgebenden Wind und diese Sequenzen haben es in sich. Ihm gelingt es, schon nach wenigen Sekunden eine ungeheure Beklemmung zu vermitteln. Während der Sturm bedrohlich um die Häuser peitscht, wird das Publikum Zeuge eines Telefonats. Ein Mann meldet einen Selbstmord: seinen eigenen. Am beeindruckendsten und durchaus respekteinflößend ist dabei, mit welcher Selbstverständlichkeit sich hier das Filmteam dieser Naturgewalt ausgesetzt hat. Wie die Bilder trotz ihrer einschüchternden Wirkung niemals unruhig oder hektisch werden, was wohl auch der Tatsache geschuldet ist, dass Kameramann Bartłomiej Solik laut Aussage des Regisseurs selbst in der portraitierten Region lebt. Ein Heimischer im Auge des Sturms.

Ist die letzte Bö erst einmal überstanden, gibt´s keinesfalls Erlösung. Die Bilder bleiben blass, düster, die Musik grummelt permanent und suggeriert eine Bedrohung, die sich schließlich mit den nächsten Wolkenformationen am Himmel wieder ankündigt. Da verlässt sich The Wind manchmal etwas zu sehr auf seine technischen Spielereien, behauptet lange Zeit eher, anstatt konkret zu beleuchten. Mitunter glaubt man, in einem Krimi zu sitzen, nur ohne Leiche. Stattdessen eröffnet sich hier ein etwaiger Zusammenhang zwischen dem Halny und der hohen Rate an Selbstmorden und psychischen Erkrankungen in der Region. Eine vielleicht etwas gewagte These, aber bei so viel Mühe, die ständige Anspannung und Bedrohung auf Film zu bannen, kauft man diesem stürmischen Kino zumindest ab, dass man sich als außenstehende Person besser gut überlegen sollte, ob man sich in diese Ortschaft über längere Zeit hineinwagen möchte.

Rauer Alltag

Zugleich eröffnet The Wind, dass es auch anders geht! Dass man sich mit der Situation auch arrangieren kann, vorgeführt an einer Frau namens Teresa, die sich der Natur zutiefst verbunden fühlt, zum Schluss wird sie Bäume umarmen. Oder ist sie selbst bereits nicht mehr ganz bei Sinnen? Der Film lässt diese Frage offen. Und doch stellt sich eine gewisse Redundanz des Gezeigten ein. Zu verliebt ist der Regisseur in seine Beobachtung des (schnell durchschauten) Alltäglichen, führt einen fast ein Stück weit an der Nase herum, schließlich wird hier etwas zu oft angedroht, was dann doch erst ganz zum Schluss wieder zuschlagen wird.

Die Spannung und die Atmosphäre werden seltener über die Erzählung als über die künstlich suggerierte Horrorstimmung erzeugt. Als "dokumentarischer Thriller" ist dieser Film untertitelt. Vielmehr – und dieser Vergleich liegt nahe – eine verquere Antwort auf Becketts Warten auf Godot, Weltuntergangsstimmung inklusive. Damit passt The Wind im Programm des DOK-Festivals ganz gut zu all den gegenwärtigen Diskursen über den drohenden Kollaps. Die apokalyptische Stimmung eines Ausgeliefertsein gegenüber der Natur wird hier erzählerisch oberflächlich, aber mindestens bedrückend auf die Leinwand gebracht. 

 

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Janick Nolting
02.11.2019 - 12:15
  Kultur

THE WIND. A DOCUMENTARY THRILLER feierte seine Deutschlandpremiere in der Sektion "Spätlese" des 62. Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm.

Buch und Regie: Michal Bielawski

Laufzeit: 75 Minuten

Land: Polen, Slowakei

mephisto 97.6 berichtet während des gesamten Festivals täglich im Live-Programm und online über das Programm von DOK Leipzig.