Verlagsporträt

Willkommen in Leipzig, Hentrich&Hentrich

Um die 50 Neuerscheinungen im Jahr. Ausschließlich jüdische Themen. Das zeichnet den Hentrich & Hentrich Verlag aus. Im Herbst diesen Jahres ist er von Berlin nach Leipzig gezogen ist.
Verlagsinhaberin Nora Pester

Das „Haus des Buches“ im Gerichtsweg Nummer 28, südöstlich des Zentrums von Leipzig. Erster Stock. In zwei nebeneinander liegenden Zimmern, die durch eine Tür verbunden sind, befindet sich der Verlag „Hentrich & Hentrich“. Gleichzeitig ist dies der Arbeitsplatz von Thomas Schneider und Nora Pester.

Der gesamte Beitrag zum Nachhören:

Ein Verlagsporträt von Frauke Siebels
Verlagsportät Hentrich & Hentrich

Vor 32 Jahren gründete Gerhard Hentrich den Verlag, erzählt die heutige Inhaberin. Er habe ihm auch sein Profil gegeben, nämlich den Schwerpunkt Jüdische Kultur, Zeitgeschichte, Aufarbeitung des Nationalsozialismus.
Im Jahr 2009 verstarb Gerhard Hentrich im Alter von 85 Jahren. Sein Sohn, der zweite Namensgeber des Verlags, unterstützte seinen Vater vor allem kaufmännisch. Nach dem Tod Gerhard Hentrichs wollte er allerdings nicht dessen Nachfolge als Inhaber antreten und beschloss den Verlag zu veräußern.

Besitzerwechsel

Ein gemeinsamer Freund wand sich umgehend an Nora Pester. Nach ihrem Studium in Hispanistik, Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Leipzig arbeitete sie damals bei dem Verlag Matthes & Seitz in Berlin.
Es war nicht viel Zeit da gewesen, erinnert sie sich. Das Programm habe auf Umsetzung gewartet und so habe sie damals sehr kurzfristig entschieden, den Verlag zu übernehmen. Zum 01. Januar 2010 hat sie ihn schließlich neu gegründet.

Inhaltlich knüpfte Nora Pester direkt an die Arbeit von Gerhard Hentrich an. Das Verlagsprogramm beinhaltet ausschließlich Themen jüdischer Kultur, bisweilen auch von jüdischen Personen verfasst. Dazu gehören sowohl historische als auch gesellschaftliche Phänomene und Entwicklungen. Das dominierende Genre stellt das erzählende Sachbuch dar. Zwar sollten die Texte wissenschaftlich fundiert, jedoch vor allem auch für Laien verständlich sein.

Was der Verlegerin ganz besonders am Herzen liegt:

…dass wir fast alle Titel auch aus einer innerjüdischen Perspektive machen. Also dass wir nicht nur von außen auf die Themen schauen, sondern immer auch eine gegenwärtige oder historische jüdische Stimme dabei haben.

Nora Pester, Verlagsinhaberin

Stärken und Alleinstellungsmerkmal

Die Auswahl der Themen obliegt Nora Pester. Bei der Suche nach Texten bzw. Autorinnen und Autoren sieht sie einen wesentlichen Vorteil in dem Alleinstellungsmerkmal ihres Verlags. In der Zusammenarbeit mit diversen Expertinnen und Experten sowie fachlichen Institutionen hat sich über die Zeit ein Netzwerk aufgebaut, berichtet die Eigentümerin.

So wissen wir natürlich auch ziemlich genau: Wer beschäftigt sich im deutschsprachigen Raum mit welchem Thema? Also wir kennen die Expertinnen und Experten für Raubkunst und Restitution ebenso wie für jüdische Kunst oder für Kinder- und Jugendliteratur.

Nora Pester, Verlagsinhaberin

Und dieses Netzwerk bewirkt mitunter, dass Schriftstellende von sich aus auf den Verlag Hentrich & Hentrich zugehen.

So hat es zum Beispiel Jane Wegewitz gemacht. Die gebürtige Leipzigerin arbeitet als Redakteurin und Kuratorin und ist außerdem Schriftstellerin. Ihr Weg zum Verlag ist ziemlich klassisch verlaufen, erinnert sie sich. Ihr Buch war bereits fertig gewesen, als sie mit einem simplen Ausdruck die Buchmesse in Leipzig besuchte und willkürich Verlage ansprach. Sie habe frei heraus gefragt, ob sie Interesse hätten, das Buch zu realisieren.

Da es bei unserem Buch ganz explizit um drei jüdische Familien geht, die in Leipzig gelebt haben, war das klar, dass wir einen Verlag suchen, der jüdische Geschichte im Programm hat und dann sind wir bei den Recherchen natürlich sehr schnell auf Hentrich & Hentrich gestoßen.

Jane Wegewitz, Autorin

In ihrem Werk „Broder, Cerf und Löbl – Nachbarn auf Zeit“ zeichnet Jane Wegewitz gemeinsam mit ihrem Co-Autoren Tom Pierre Pürschel die Geschichte dreier jüdischer Familien in Leipzig nach. Das Thema sagte der Verlegerin Nora Pester sofort zu. Nach einer Überarbeitung konnte das Buch erscheinen. Der Weg von Jane Wegewitz‘ Werk steht somit exemplarisch für den normalen Verlauf vom Manuskript bis zur Veröffentlichung.

Verlagsalltag

Freie Lektorinnen und Lektoren lesen, redigieren und korrigieren die Texte. Dann gestalten Grafikerinnen und Grafiker Satz und Klappen der Bücher. Anschließend kommt der sognannte Hersteller ins Spiel; bei Hentrich & Hentrich ist das Thomas Schneider. Er trägt Sorge für die wirtschaftliche Produktion der Bücher. Das Budget ist stellenweise sehr knapp, merkt er an. Da der Verlag sich auf Fachliteratur spezialisiert hat und die Auflage mit ca. 500 Exemplaren vergleichweise klein ausfällt, ist er grundsätzlich auf Druckkostenzuschüsse angewiesen.

Aber die Kosten sind ja viel höher: Bildrecht der Autoren, Druck, Weiterverarbeitung und so weiter. Und es hängt einfach auch davon ab, wie viel Druckkostenzuschüsse man bekommt, die man von Stiftungen beantragt, um überhaupt ein Buch herstellen zu können.

Thomas Schneider, Hersteller

Finanzieren kann sich der Hentrich & Hentrich Verlag über die erwähnten Zuschüsse. Regelmäßig müssen Nora Pester und Thomas Schneider Gelder beantragen. Stiftungen, Vereine und Kulturfördertöpfe stellen dann bestenfalls die benötigten Summen zur Verfügung, um die Herstellungskosten zu decken.

Seinen Sitz hat der „Hentrich & Hentrich“ Verlag seit Herbst 2018 in Leipzig.

Berlin vs. Leipzig

Der Anlass für den Standortwechsel war in erster Linie ein pragmatischer. Zum Ende des Jahres läuft der Mietvertrag des Verlags in Berlin in der Wilhelmstraße aus. Den Vertrag zu verlängern würde eine Mietsteigerung von 150 Prozent bedeuten. Da ein Umzug an den Stadtrand nicht in Frage kam, fiel die Wahl auf Leipzig. Neben der jährlich im Frühjahr stattfindenden internationalen Buchmesse, sprachen weitere Gründe für diese Stadt, erklärt Nora Pester.
Sie habe eine persönliche Beziehung dazu. Schließlich ist sie gebürtige Leipzigerin. Thomas Schneider sowie eine der Grafikerinnen seien ohnehin schon hier ansässig gewesen.

Wir wurden von der Stadt und auch vom Haus des Buches so herzlich willkommen geheißen, dass uns diese Entscheidung gar nicht schwergefallen ist.

Nora Pester, Verlagsinhaberin

Auch Thomas Schneider sieht mehrere Vorteile, die Leipzig als Verlagsstandort bietet.

In Berlin ist alles sehr politisch, die ganze Landschaft, auch im Judentum. Hier ist das mehr familiär gemütlich, privater, offener und das auch bis auf Gemeindeebene zu erleben, das ist das, worauf wir uns freuen und was spannend sein wird.

Thomas Schneider, Hersteller

In Berlin haben er und Nora Pester bei den meisten Veranstaltungen ein großes Sicherheitsaufgebot erlebt. Häufig sei eine Absicherung durch Polizeikräfte gegen potenzielle antisemitische Anfeindungen und Übergriffe geboten gewesen. Nach dieser Erfahrung, so die Verlegerin, war es überraschend zu sehen, dass das in Leipzig nicht der Fall ist. Sie hat den Eindruck, dass jüdische Themen und Akteure sich hier noch freier beweisen können, als es in Berlin möglich ist.

Neue Heimat

Dass sich kleine Verlage wie „Hentrich & Hentrich“ in Leipzig wohlfühlen, ist auch die Hoffnung der Autorin Jane Wegewitz.
Für Leipzig spreche insbesondere eine rege Bevölkerung, eine politisch interessierte und lebendige Kulturszene. Sie sieht eine große Bereitschaft, sich mit Geschichte zu befassen und auseinanderzusetzen. Das gebe es in Berlin sicherlich auch, doch dort sei die Szene vermutlich tendenziell groß und unübersichtlich. Deshalb sieht sie für Nora Pesters Verlag in dem Umzug nach Leipzig eine Chance.

Vielleicht schafft es Hentrich & Hentrich hier in Leipzig, deutlicher sichtbar zu werden.

Jane Wegewitz, Autorin

Ihren persönlichen guten Wünschen für die Neuansiedlung des Verlags mag sich der eine oder die andere ja vielleicht anschließen.

 

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Internetseite des Verlags: www.hentrichhentrich.de

Informationen zu Jane Wegewitz: www.jane-wegewitz.de