CD der Woche

Wie ist man eigentlich ein Mensch?

Angenommen wir schreiben das Jahr 1998, auf deinen All-in-one MP3 Player-USB Stick passen satte 128 MB feinster Klänge und du brauchst eine Platte für alles. Die eierlegende Wollmilchsau der Musik sozusagen. Wir haben sie gefunden.
Glass Animals Band
Ein Kaktus und ein Fliegenfänger und die Band "Glass Animals".

Damals noch hat man Dateien von CD's gerippt und in aufwändiger, langatmiger Arbeit eine einzelne Playlist erstellt. Der ein oder andere Lieblingssong musste weichen, weil er 25 Sekunden länger war als ein anderer. Es war wie in einer SMS. Jedes Zeichen war kostbar. Und so wurde auch bei jedem Kilobyte genau beäugt, ob es denn richtig eingesetzt wurde. Jeder baute so seine ganz eigene Chartliste. Kaum ein Interpret konnte eine Playlist komplett allein füllen. Oftmals schafften es die meisten nicht einmal doppelt in eine Liste. Hätte es die Glass Animals damals schon gegeben, wäre vielleicht alles anders gekommen. Die 4 Jungs aus Oxford haben eine Platte herausgebracht, die je nach Komprimierung um die 70 MB Speicherplatz braucht. Bei dieser Platte entwickelt man aber erstaunlicherweise nicht das Gefühl, den übrigen Speicherplatz füllen zu müssen. Die Musik passt bei jeder Gelegenheit: Beim Einkaufen, Joggen, Feiern oder beim Auto fahren. "How To Be A Human Being" heißt die Scheibe und wirft damit im Titel eine Frage auf, welche sie versucht, auf eine frische Art und Weise zu beantworten. Die Platte ist quasi eine Anleitung. Sonst widmet man sich dem Thema Lebensberatung ja eher über Spiegel Bestseller oder in einer Praxis um die Ecke, mit jemandem, der besser ausgebildet und professioneller im Umgang mit dem Leben ist als man selbst.  Aber wie ist man nun am besten ein Mensch? Zur Klärung dieser Frage haben sich die Glass Animals einfach Profis in diesem Gebiet zugewandt. Jenen die es Wissen müssen: den Menschen.

Glass Animals Album Cover
 

Schon das Cover wird verziert durch Protagonisten in Speedos, mit Rollator oder Dreirad. Eine feine Auswahl der Menschheit, in aller Coleur und Größe, Form und Alter. Trifft man die Jungs von Glass Animals so sagen sie, es geht ihnen nicht um die Verbreitung einer von ihnen vorgefertigten Denkweise. Sie lassen ihre Protagonisten sprechen. In einem gut inszenierten Stück. Frontsänger Dave nahm allerlei Leute mit dem Handy auf: Meckertriaden eines Taxifahrers, Party-Smalltalk oder Groupie-Love. Diese kleinen Mitschnitte benutzte er als Inspiration, hörte sie immer wieder durch, erweiterte sie mit seiner Fantasie. Er gab den Leuten ein Zuhause, welches er nicht kannte. Er sponn eine Geschichte, wie sie eben einfach erwächst, aus einem Eindruck, der nur ein paar Minuten währte. Ein Werk über Menschen und deren Einzigartigkeit, die einen Spiegel Bestseller füllen könnte. Voller Romanzen, Erquickungen, Leid, Missgeschick und Schicksal. Die Texte packen einen am Schlawittchen. Geht es da nicht um mich? Das stumme aber freundliche Nicken der Glastiere in Omas Wohnzimmer-Vitrine. Der ganz eigene Beat, der Kanye West neidisch macht. Die Portion Freude, die man beim Durchstöbern alter Fotoalben verspürt. Tapsig und mit beschmiertem Mund streckt man hier und da stolz über das Geleistete ein Lächeln entgegen . How To Be A Human Being ist eine schöne Homage daran, dass jeder Einzelne diesen Weg gegangen ist und trotzdem seinen ganz eigenen Weg gefunden hat. Die CD schafft Abhängigkeit. Immer wieder aufs Neue möchte man Dave erzählen hören, dass man doch richtig ist, so wie man ist.

 

Die Essenz ist leicht zu greifen. Es ist kein Manifest, oder eine Doktrin, vielmehr ein kleines Handbuch gespickt mit elektro-poppigen Hinweisen zur Menschwerdung. Die Anspielungen auf Exzesse vor dem Bildschirm, auf welchem die Lieblingsserie läuft (Season 2 Episode 3) oder dem Warten auf vorgefertigtes Junkfood ([Premade Sandwiches] interlude) spiegeln die Selbstironie, mit der sich der Thematik gewidmet wurde. Es kommt sehr leichtfüßig daher, doch tatsächlich bieten die Glass Animals einem hier die nötigen eingängigen Melodien an, um dazu beim Kochen in der Küche zu tanzen. Gleichzeitig gibt es genug Tiefgang, um das Werk mit wässrigen Augen im Halbdunkel zu studieren wie einen tausendseitigen Schopenhauer.

Raus aus dem Dschungel!

Damit begeht die Truppe einen Pfad weg vom Debütalbum Zaba. In diesem steckte der Dschungel. Wie auch in den 4 Jungs aus einem 'baumreichen Vorort Oxfords'. Frontsänger Dave ist unverkennbar durch Hip Hop geprägt. Doch sein schmaler, staksiger Körper ist bedeckt durch ein kurzärmliges Hemd auf dem der Urwald sprießt. Sogar de Bühnenshow der Zaba-Tour war eine Pappwand aus Palmen. Die Texte waren durchzogen von Wortneuschöpfungen, die einst Daves Mutter sagen ließen, er würde von ekligen Dingen reden. Dennoch war ihr Erfolg maßgeblich durch diese Zeichnung feiner Bilder beeinflusst, in denen das Dickicht undurchdringbar und die Tierlaute überall waren. Gepaart mit der Entwicklung eines ganz eigenen, vielschichtigen und exotischen Klanges, angehaucht von R'n'B und Elektropop, fand sich die Musik sogar bald in Clubs wieder und weit oben in den Verkaufscharts in Europa und den USA. Beide Kontinente wurden anschließend auch bereist und auch Australien stand auf dem Tourplan der letzten Jahre. Diese Veränderung im Leben barg schlussendlich die Inspiration für das neue Album. Es entsprang den Eindrücken ihrer Reisen, unzähliger Treffen mit anderen Menschen. Jeder Einzelne erschien ihnen interessant. Jede Geschichte wurde von ihnen aufgesogen, konzentriert belauscht. Manchmal fragten sie sich, warum diese ganzen spannenden Menschen abends zu einer Show kommen, um ausschließlich die Musik von den vier Jungs zu hören. Die neue Platte versteht sich als Auswahl der besten Geschichten, eine Märchensammlung.

Gehts hier schon wieder um mich?

Das Schöne an der Platte ist, sie ist etwas für Fans und Neuhörer zugleich. Sofort fällt auf, mit wem man es zu tun hat. Es klingt einfach wie Glass Animals, ohne dass man das Gefühl bekommt, die Jungs würden sich ständig reproduzieren. Auch die Mischung ist gut gelungen. Einige Tracks gehen sofort in den Kopf und bohren sich wurmartig durch die Ohren, tagelang. Andere Songs müssen erst sacken. Hat man es dann nach wochenlangem Exzess doch beinahe über, so ließe sich immer noch der Sprecheinlage in der Albummitte widmen. Die Maschinenstimme eines Erpressers am Telefon zeigt die eigene Unzulänglichkeit auf und  bietet Stoff für Bachelorarbeiten. Und immer wieder diese Frage: Geht es tatsächlich nur um mich?

Mit "How to be a Human Being" haben sie es geschafft, dir das Gefühl zu geben, es ginge um dich. Und es geht um dich, wenn du das Album hörst. Um deine Wut zu Tanzen in dem einen Lied, um die Verärgerung, weil schon wieder eine von den Ikea Müslischüsseln runtergefallen ist, in dem anderen. Die Sorge um diese Sache mit der Liebe paart sich mit Gedanken über die eigene Kindheit. Überwältigender Hunger und die damit verbundene Unfähigkeit den Kühlschrank gut zu füllen, führt zu dem Ärger über die unverschämten Preise beim Späti um die Ecke. Was soll das? Wo geht es hin? Warum mach ich das alles? Wie krieg ich das bloß finanziert? Gegen einen kleinen Obolus gibt es das beim gut sortierten Plattenladen deines Vertrauens, und es lohnt sich. Alle Antworten haben die Jungs auch nicht. Aber einen schönen Soundtrack mit dem du getrost deinen alten MP3 Player wieder rausholen kannst, denn 128 MB reichen locker aus, jeden Tag!

 

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Glass Animals: How To Be A Human Being

Tracklist:

1. Life Itself *

2. Youth *

3. Season 2 Episode 3

4. Pork Soda

5. Mama’s Gun

6. Cane Shuga *

7. [Premade Sandwiches]

8. The Other Side Of Paradise

9. Take A Slice

10. Poplar St

11. Agnes

* Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 26.08.2016
WOLF TONE / CAROLINE

Ja zugegeben, die Glasstierchen in Omas Vitrine sind wirklich schön! Aber dennoch kann man die richtigen Glastiere auch richtig in echt sehen. Sie bewegen sich und machen Klänge und so. Es lohnt sich. Zuletzt wurde von einem richtigen Abriss berichtet. Die meisten Venues schließen schon Zusatzversicherungen ab. Der nächstmögliche Termin sich davon selbst zu überzeugen ist: 07.November, Columbiatheater Berlin.

 

Dave hatte mal ein Medizinstudium aufgenommen. Er wollte tatsächlich Arzt werden! Doch dann überzeugten ihn die anderen Jungs davon, dass seine Musik wirklich großartig ist. Als der Erfolg dann auch noch kam ließ er das Studium sausen. Von alledem waren die Vier dennoch sehr überrascht und überwältigt. Anfangs erschien es ihnen sehr unerreichbar. Aus dieser Zeit ist noch eine Wette überliefert, für den Fall sie landen einmal in den Charts, sie beinhaltet rohen Fisch.