Buchrezension

Wie geht Weiblichkeit?

Schwurjungfrauen sind in Albanien Frauen, die wie Männer leben – aus ganz pragmatischen Gründen: Weil in der Familie Männer fehlen oder um nicht verheiratet zu werden. Einige Frauen leben noch so. Elvira Dones hat darüber einen Roman geschrieben.
Elvira Dones: "Hana"
Elvira Dones: „Hana"

Ein Leben im Schatten

Hana Doda ist die Protagonistin in Elvira Dones Roman. Sechzehn Jahre lang lebte sie als Mann und nannte sich Mark. Hana lebt mit ihrem Onkel in den rauen Bergen im Norden Albaniens. In ihrem Dorf herrschen alte Traditionen und Weltbilder: Es gibt hundert Jahre alte Blutfehden und alleinstehende Frauen sind nichts wert. Als Hannas Onkel im Sterben liegt, will er sie deshalb unbedingt verheiraten – das macht man eben so. Doch Hana weigert sich, sie will sich keinem Mann unterordnen. Doch für ihren Onkel ist es keine Option: Eine Frau muss heiraten, sonst ist sie nichts wert. Hana wählt den einzig möglichen Ausweg. Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass sie ein Mann werden kann, wenn sie dafür für immer ihre Weiblichkeit aufgibt: Hana wird eine Schwurjungfrau. Sie kleidet sich wie ein Mann, geht wie ein Mann, raucht und trinkt wie ein Mann. Alle in ihrem Dorf behandeln sie wie einen Mann. So entgeht Hana zwar der Ehe, doch dafür muss für den Rest ihres Lebens auf ihre Weiblichkeit verzichten.

Hanas Leben als Mark beschreibt Dones kaum. Sie erzählt nicht vom Leben der Schwurjungfrauen in Albaniens Bergdörfern. Stattdessen bleibt sie dicht an Hana, an einem Einzelschicksal. Sie erzählt von ihrem Leben, bevor sie Mark wird und von ihrem Leben danach.

Zurück zur Weiblichkeit

Jahre später flieht Hana zu ihrer Cousine in die USA. Dort möchte sie ihre Vergangenheit loslassen und wieder als Frau leben. Doch das ist gar nicht so einfach. Alleine sich nackt im Spiegel anzusehen, fällt Hana schwer.

Über diesen gefürchteten Moment hat sie jahrelang nachgedacht, dabei ist es ein ganz gewöhnlicher, banaler und roher, ganz und gar nicht besonderer Moment. Etwas völlig anderes war es, sich in der Kälte der kulla zu entblößen und zu waschen […]. Dort gab es keinen Spiegel und sie hieß Mark. In ihrer Strenge errieten die Berge jeden noch so gut gehüteten Gedanken. Man tat, was die Ehre der Dodas von einem verlangte, und den eigenen nackten Körper zu betrachten gehörte sich nicht.

Hana will zu einer Weiblichkeit zurückkehren, die sie nie genau gekannt hat. Dabei stellt sich ihr die Frage: Was ist Weiblichkeit? BHs und Röcke, Peelings und Schminke, ein weiblicher Blick auf die Welt? Eine eindeutige Antwort findet sie bei ihrer Suche nicht, doch Hana bleibt immer wieder beim Thema Sex hängen. Dabei bewegt sich Hana bei ihrer Suche in einem engen Rahmen: Jungfräulichkeit bedeutet ein intaktes Jungfernhäutchen, Menschen müssen eindeutig männlich oder weiblich sein. Es ist schade, dass sie bei ihrer Suche nach Weiblichkeit und Sexualität nicht ein bisschen weiter geht. Natürlich ergibt es Sinn, dass Hana sehr traditionell an das Thema herangeht. Schließlich ist sie umgeben von Menschen, die wenig bis gar nicht über Sex und Geschlecht reden wollen. Das hat zur Folge, dass Hana Sex zwar sehr gerne ausprobieren würde, doch das ganze Thema ist ihr wahnsinnig unangenehm.

„Ich bin 34 Jahre alt“, fährt Hana mit leiser Stimme fort, „kannst du dir vorstellen, mit einem Mann ins Bett zu gehen und ihn zu bitten vorsichtig zu sein, weil du noch Jungfrau bist? In meinem Alter! Ich würde mich lächerlich fühlen.

Natürlich findet sie in den USA einen ganz besonderen Mann. Hier zieht sich die Geschichte etwas: Sie stößt ihn immer wieder weg, und doch finden sie immer wieder zusammen. Hanas Verhalten ist dabei manchmal schwer nachvollziehbar. Denn Dones erzählt Hanas Geschichte sehr neutral. Sie beschreibt zwar ausführlich, was Hana macht, doch dabei fehlt manchmal der Einblick in Hanas Gedanken. Trotzdem ist es herzzerreißend, wie Hanna versucht, wieder eine Frau zu werden.

Ein eingeschränktes Frauenbild

„Hana“ bewegt dazu, noch mal neu über Männlichkeit und Weiblichkeit nachzudenken. Und es erinnert eindringlich daran, was für einige Frauen in Albanien noch immer Realität ist: ein eingeschränktes Frauenbild, in dem Frauen nur für Haushalt und Kinder zuständig sind. In dem sie vergewaltigt werden, wenn sie alleine unterwegs sind und in dem sie zu einem Mann gehören müssen, um etwas wert zu sein.

Lara Lorenz hat den Roman "Hana" von Elvira Dones gelesen:

Lara Lorenz spricht über Elvira Dones` Roman "Hana"
Lara Lorenz spricht über Elvira Dones Roman "Hana"
 

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Lara Lorenz
27.01.2017 - 13:56
  Kultur

Der Roman „Hana“ von Elvira Dones ist im Ink Press Verlag erschienen und kostet 19 Euro. Elvira Dones Geschichte hat es übrigens auch auf die Leinwand geschafft: Regisseurin Laura Bispuris hat den Roman unter dem Titel „Sworn Virgin“ verfilmt.