Frisch Gepresst: Tyler, The Creator

WHO IS IGOR?

Mit „IGOR“, seinem sechsten Studioalbum, präsentiert uns Tyler The Creator das bislang überzeugendste Schaffenswerk seiner Karriere.

Seit Tyler Okonma, besser bekannt als Tyler The Creator, vor zehn Jahren mit seinem Erstlingswerk „Bastard“ auf der Bildfläche erschien, hat sich einiges verändert. Anfangs trat er noch als scheinbar homophober Provokateur mit makaberem Humor und morbiden Texten auf. Heute dagegen kennen wir ihn als gereiften Künstler und Menschen.

Don’t go into this expecting a rap album. Don’t go into this expecting an album. Just go, jump into it.

Tyler The Creator

Odyssee durch Tylers Gefühlswelt

Aber was ist „IGOR“ eigentlich? Igor ist der Protagonist des Albums, von Tyler auf eine Reise durch die vielen verschiedenen Stadien der Liebe geschickt. Vom anfänglichen Verliebtsein bis zur letztlich scheinbar prädestinierten Trennung und dem Umgang damit. „I found peace in drownin'“ heißt es im fünften Song „Running Out of Time“. Ein Satz, welcher die Stimmung des Albums sehr gut beschreibt. Glücklichsein im Schmerz. Zwischendurch gibt es natürlich immer wieder Hoffnungsschimmer. Im Endeffekt überwiegt jedoch der Beziehungswahnsinn. Die Songs „New Magic Wand“ oder „Puppet“ fangen z.B. perfekt Motive wie Eifersucht oder bedingungslose Gefügigkeit ein. Auch endgültige Brüche werden in selbsterklärenden Titeln wie „I Don't Love You Anymore“ thematisiert.

Neuer alter Sound

Soundtechnisch erreicht Tyler neue Sphären. Wie bereits von ihm angekündigt handelt es sich keinesfalls um ein striktes Rap-Album. Stattdessen tritt er endgültig in die kreativen Fußstapfen seiner großen Idole Pharrell Williams und Kanye West. Gespickt mit Elementen aus Soul, Psychedelic, Indie und vielem mehr verblüfft Tyler den Hörer immer wieder aufs Neue. Die Synthese aller dieser Elemente lassen sich wohl am besten im Schlusssong „Are We Still Friends?“ erkennen.

Genau wie bei allen vorherigen Alben ist auch die typische Aufteilung mancher Songs in mehrere Parts, samt den traumartig anmutenden Bridges, vorhanden. An dieser Stelle sind vor allem der düstere Banger „Whats Good“ und der traurig schöne Indie-Song „Gone, Gone / Thank You“ zu erwähnen. Tylers Stimme ist für den Großteil des Albums gepitcht. Auf Rap wird in manchen Songs ganz verzichtet. Nur Gesang. Sehr mutig, wenn man bedenkt, dass es sich bei Tyler (nach eigener Aussage) nicht um den besten Sänger handelt. Aber was sich seit dem letzten Album angebahnt hat, funktioniert durchaus.

One-Man-Show

Trotz hochkarätigen Kollaborationen wie Lil Uzi Vert, Solange und sogar Kanye West, bleibt Tyler der Star auf „IGOR“. Die Features sind kaum wahrnehmbar, agieren im Hintergrund, oft mit fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Stimmen. So ist auch offiziell niemand als Feature in den Credits zu finden. Die Inspiration dazu kommt wohl von seinem langjährigen Weggefährten und Odd-Future-Kollegen Frank Ocean. In dessen letztem Album „Blonde“ werden ebenfalls berühmte Gäste ohne namentliche Erwähnung in den Hintergrund gerückt.

Fazit

Wie kürzlich selbst in einem Interview mit GQ Style geäußert, empfindet Tyler ältere Alben und Fan-Lieblinge wie „Goblin“ mittlerweile als unzureichend. Der damalige Sound sei schlecht gealtert, biete viel Angriffsfläche. Damals war das in Ordnung, passte zu seinem Status als Großmaul und der Rolle des psychopathischen Teenagers. Damals. Heute gibt es diese Rolle nicht mehr. Dies mag Leute abschrecken die den alten Tyler vermissen. Vielleicht werden Die-Hard-Fans seiner alten Alben (zu ihrem eigenen Leidwesen) enttäuscht sein. Allen anderen aber, auch außerhalb der Rap-Community, wird viel viel mehr geboten. Selbstbewusst wie eh und je, löst sich der frühere Wüstling aus den genretechnisch auferlegten Grenzen und präsentiert sein bis dato bestes Album. Endlich ist der markante Sound, an welchem Tyler bereits seit „Bastard“ feilt, perfektioniert – ehrlicher, offener, verletzlicher, besser.

 

 

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Tyler, The Creator: IGOR

Tracklist:

1). Igor's Theme

2). Earfquake

3). I Think

4). Exactly What You Run from You End Up Chasing

5). Running Out Of Time

6). New Magic Wand

7). A Boy Is A Gun

8). Puppet

9). What's Good

10). Gone, Gone / Thank You

11). I Don't Love You Anymore

12). Are We Still Friends?

Erscheinungsdatum: 17.05.2019
A Boy is a Gun / Columbia