Literaturrezension

Wer ist eigentlich Europa?

Seit Menschen gedenken, wandern sie. Sie wandern innerhalb von Ländern, aber auch über ihre Grenzen hinweg. Aus verschiedenen Gründen brechen sie auf, verlassen eine Heimat, um anderswo eine neue zu finden. Was mag das Ein- und Auswandern bedeuten?
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Europa 2015. Sechs junge Männer sitzen in einem Zug, der von Italien über Österreich nach Deutschland fährt. Sie könnten Jugendliche sein auf dem Weg zum Fußball. Wie sie sich unterhalten, dösen, lachen, diskutieren; wie sie aus dem Fenster schauen, unterscheidet sie rein äußerlich nichts von den anderen Passagieren. Doch sie sind Einwandernde.

Mit der Auflösung der europäischen Binnengrenzen und der Gestaltung einer europäischen Komfortzone für die EU-Bürger hörten wir europäischen Einwanderer auf, Ausländer zu sein. Alle anderen wurden es dafür umso mehr. Obwohl wir alle dasselbe taten, nämlich einwandern, trennten sich von nun an unsere Wege.

Europas längster Sommer, S. 11

Das „Wir“ schließt hier die Ich-Erzählerin der Geschichte mit ein. Die Existenz eines Gegenübers weist bereits darauf hin, dass das Einwandern nicht für alle Menschen dasselbe bedeutet.

"Eine abenteuerliche Reise"

Maxi Obexer gibt ihrem Roman „Europas längster Sommer“ die Rahmenhandlung einer Zugfahrt. Aus der Perspektive einer in Europa geborenen, jungen Frau betrachtet sie unterschiedliche Aspekte des Ein- und Auswanderns. Sie sitzt im gleichen Abteil wie die sechs Jugendlichen und beobachtet das Geschehen. So gerät sie in Gedanken. Im Schicksal der Mitreisenden scheint sich ihr eigenes zu spiegeln. Sie erinnert sich an diese Reise -ihr Wandern in und durch Europa und all die Erlebnisse und Begegnungen, die sie gemacht hat.

Es ist eine abenteuerliche Reise, tiefgehender als alles andere. Und sie beginnt nicht mit dem Tag der Einreise. Das eigentliche Einwandern beginnt später und nimmt zu und wird immer mehr, je mehr das wird, was da in einen einwandert. Und wahrscheinlich hört diese Reise, einmal begonnen, nicht wieder auf.

Europas längster Sommer, S. 15

Ausgehend von offensichtlichen Elementen wie exemplarisch der Flüchtlingskrise, greift sie weitere Zusammenhänge auf. Dabei wird deutlich, dass Grenzen mitnichten rein geografisch vorhanden sind. Auch die eigene Sexualität und Identität können als Destinationen betrachtetet werden, die es im Laufe des Lebens zu erwandern gilt.

Die Frage nach den eigenen Wurzeln ist häufig der Ursprung des Aufbruchs: Grenzen zu überwinden scheint eine neue Freiheit zu verheißen. Diese Idee, meint Obexer, sei der Grundstein für das Konzept, ja die einstige Vision Europa. Seither haben sich unzählige Menschen auf den Weg gemacht. Das weder das Suchen, noch das Finden immer einfach sind, wird in dem Roman deutlich.

Wer liest, reist mit

Beinahe wie eine Allegorie auf das Reisen mit dem Zug von Station zu Station, schreibt sich Maxi Obexer von Szene zu Szene. Die entstehende Aneinanderreihung von Anekdoten verleiht dem Roman einen essayistischen Stil. Die Sammlung von Erzählungen bleibt keineswegs oberflächlich. Vielmehr gewinnt sie eine weitere Ebene, indem die Autorin bisweilen philosophische Thesen einstreut.

Die Suche selbst ist Grund genug, auch dann, wenn wir erst viel später bemerken, wonach wir eigentlich gesucht haben.

Europas längster Sommer, S. 93

Dank durchweg schlüssiger Argumentationsweise und plausibler Darstellungen lassen sich die 19 kurzen Kapitel des Romans sehr flüssig lesen. Dennoch wirbelt die Lektüre durchaus brisante Fragen auf. Gerade in einer Zeit, in der Europa sich nach außen abzuschotten und dabei gleichzeitig von innen zu zerfallen scheint, bietet der Roman bedenkenswerte Anregungen.

Passende Lektüre für Reiselustige, und vielleicht ja auch Reiseziel, ist jedenfalls „Europas längster Sommer“.

Die Audio zum Beitrag gibt es hier:

Eine Rezension von Frauke Siebels
 
 

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Hier erschienen:
http://www.verbrecherverlag.de/
book/detail/905

Preis: 19,- €

Internetseite der Autorin: http://www.m-obexer.de