Digitaler Austausch von Patientendaten

Wer heilen will, muss teilen

Ärzten bleibt heutzutage wenig Zeit für Gespräche – nicht mal 10 Minuten pro Patient. Um Zeit zu sparen, werden Patientendaten bald auf digitalem Weg ausgetauscht. Gefährlich – findet mephisto 97.6-Redakteurin Johanna Kiesler.
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Durchschnittlich 243 Patienten empfängt ein deutscher Arzt pro Woche. Selbst mit Überstunden bleiben damit ihm pro Patient nicht mal zehn Minuten. Das führt dazu, dass Patienten kurz nachdem sie das Behandlungszimmer betreten haben, auch schon wieder hinauskomplimentiert werden. Irgendein Rezept in der Hand, hat man schnell das Gefühl, gar nicht richtig zu Wort gekommen zu sein und in der Hektik wichtige Einzelheiten vergessen zu haben.

Es mangelt an Zeit. Zeit zum Zuhören, Zeit zum Nachfragen und Zeit, um den Patienten und seine Symptome richtig einzuschätzen. Doch statt sich diese Zeit zu nehmen, wird im deutschen Gesundheitssystem alles dafür getan, auch noch Zeit zu sparen. 

Ist digital die Lösung?

Das geht neuerdings digital. Ärzte sammeln Behandlungsschritte in einer Cloud, um sie untereinander auszutauschen. Das geht schnell und ist effizient – je mehr Informationen ein Arzt über einen Patienten hat, desto besser kann er einschätzen, welche Behandlung zu ihm passt. Doch nicht immer ist die effizienteste Methode auch die Beste. Denn selbst die fortschrittlichste Technik ist nie frei von Risiken, wie die Erfahrung zeigt.

Die Technik birgt Gefahren

Wo sensible Daten hin und her geschickt werden, ist der Missbrauch nicht weit. Und so könnten diese Daten auch schon mal bei Leuten landen, bei denen man sie auf keinen Fall sehen will: der Bank, dem Arbeitgeber, der Versicherung. Schon jetzt gibt es eine App, mit der man seinen kompletten Tagesablauf auf direktem Weg an seine Krankenversicherung weiterleiten kann. Die überwacht jeden Schritt, jeden Bissen, den man zu sich nimmt, jede gerauchte Zigarette. Und je mehr man sich bewegt und je gesünder man lebt, desto günstiger wird der Tarif. Diese App ist momentan noch freiwillig. Doch auf die Daten, die Ärzte nun digital austauschen, haben Patienten keinen Einfluss. Da ist es wohl nur eine Frage der Zeit, dass auch ein paar Patientenakten aus der Cloud an den Chef gelangen. Und plötzlich wird dann der Mitarbeiter, der häufig krank ist und eine Tendenz zum Burnout hat – ersetzt. Durch einen gesunden, selbst optimierten Bewerber. Zeit ist schließlich Geld. Ein erschreckendes Szenario.

Technik kann kein Patientengespräch ersetzen

Deshalb sollten im deutschen Gesundheitswesen die Prioritäten noch mal neu geordnet werden. Statt viel Geld in unsichere Technik zu investieren, muss „Zeit“ wieder mehr honoriert werden. Zeit, die sich ein Arzt für den Patienten nimmt. Denn die moderne Technik mag schnell und effizient sein, aber eine sachkundige Beratung durch einen erfahrenen Arzt darf sie niemals ersetzen. Und nur der hat eine Schweigepflicht.  

Ein Kommentar von Johanna Kiesler zum digitalen Austausch von Patientendaten
 

 

 

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Johanna Kiesler
17.12.2014 - 17:26