Das lange Interview mit Hans Franke

Wer führt so spät durch Nacht und Wind

Gott zum Gruß! M19 hatte einen Nachtwächter zu Gast, der Stadtführungen durch das Leipzig des 18. Jahrhunderts macht. Hans Franke wird abends zu Nachtwächter Bremme und plaudert Geschichten und Anekdoten einer vergangenen Zeit aus.
Nachtwächter Führung
Auf der Stadtführung mit Nachtwächter Bremme

Hans Weking Franke ist in Bayern geboren und ist über viele Umwege und Zwischenstopps hier in Leipzig angekommen. Er lebt jetzt seit 19 Jahren in der Stadt. Er hat Architektur studiert und hat vor fünf Jahren sein Hobby zum Beruf gemacht. Sein historisches Interesse an Städten hat er für eine Führung zusammengefasst und führt nun Besucher durch die Straßen von Leipzig. Jedoch handelt es sich dabei nicht um einfache Stadtführungen, denn zum einen finden diese Touren abends im Dunkeln statt und zum anderen ist Hans Franke als Nachtwächter Johann Bremme verkleidet. Er nimmt seine Zuhörer mit auf eine Reise in das 18. Jahrhundert. 

Im Schatten der Nacht durch Leipzig

Die Tour durch das Leipzig des 18. Jahrhunderts startet an der Denkmalsäule neben der Nikolaikirche. Es empfängt uns ein älterer Herr gekleidet in einem schwarzen Umhang mit Laternen und einem speerähnlichen Gegenstand – wie wir später erfahren, handelt es sich dabei um eine Hellebarde. Nach der Begrüßung geht es weiter zur Nikolaikirche. Dort hängt ein Hufeisen an der Steinmauer. Dieses symbolisiert den Mord an dem Landgrafen Dietrich, welcher hinterrücks erstochen wurde. 

Seine Feinde drängen auf ihn ein. Er gibt dem Pferd die Sporen, es verliert dieses Hufeisen und es fliegt hier durch das Fenster genau auf den Altar, wo der Pfarrer gerade die Christmette zelebriert. Und jedes Pferd mit drei Hufeisen ist jedem Pferd mit vier Hufeisen unterlegen. So erreichen sie ihn und ermorden ihn kaltblütig.

Danach geht es die Nikolaistraße entlang, vorbei an den zahlreichen Geschäften, die sich auf den abendlichen Betrieb vorbereiten. Vor der Strohsackpassage bleiben wir stehen und Nachtwächter Bremme erklärt uns, woher der Name kommt. Dieser ist auf die Messe zurückzuführen, denn zur damaligen Zeit gab es für die großen Menschenmassen nur wenig Unterkünfte und daher wurde auf Lagerhallen und Strohsäcke ausgewichen.

Und wer immer sein Zimmer räumen musste, zu Messezeiten, waren die Herren Studiosi. Die können natürlich Neujahr, Ostern und Michaeli nicht jeweils drei Wochen im Freien kampieren. Für die werden große Lagerhallen ausgeräumt und die Böden mit Strohsäcken belegt. Hinter mir ist zum Beispiel so eine Lagerhalle.

Nach einigen Stopps biegen wir in den Brühl ein und laufen Richtung Hainstraße. Im 18. Jahrhundert stand dort schon die Stadtmauer von Leipzig. Wir erleben die Gründung vom Gewandhausorchester und sehen den jungen Schiller aus einer Kutsche steigen. Der nächste größere Halt ist dann auf dem Marktplatz. Dort wurden im 18. Jahrhundert regelmäßig Hinrichtungen abgehalten und auch den Weihnachtsmarkt gab es schon damals. Der Leipziger Weihnachtsmarkt ist nämlich der zweitälteste in ganz Deutschland und liegt damit hinter dem Dresdner. Vom Markt geht es weiter zur Goethestatue, die vor dem Burgkeller steht. Auch dahinter verbirgt sich wieder eine kleine Geschichte. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Kopf und Fuß in verschiedene Richtungen zeigen?

Wenn Sie ihn anschauen, er schaut in diese Richtung. Und wenn die Häuser nicht da stünden, würden Sie sehen, er schaut zur Universität. Schließlich war er hier, um Jura zu studieren. Seine Schritte, die gehen aber ganz woanders hin: Die gehen dort rüber. Denn dort ist Auerbachs Keller, sein Stammlokal.

Unbekanntes Leipzig

Neben seinen Touren als Nachtwächter Bremme hat Hans Franke noch weitere Touren entworfen. Unter anderem eine, die den Leuten eine neue unbekannte Seite von relativ bekannten Orten Leipzigs zeigt. Er habe gemerkt, dass die meisten Leipziger nicht viel über Ihre Stadt wüssten.

Ich habe mich immer geärgert über die Leipziger, die gesagt haben: „Ich bin Ur-Leipziger, ich kenne alles.“ Deswegen habe ich diese Tour entwickelt.

Hans Franke, Gästeführer

Beispielsweise wird von den meisten das Bach-Denkmal vor der Thomaskirche nicht richtig wahrgenommen. Dazu kann er eine Geschichte von einem jungen Mann erzählen, der tagtäglich an der Statue vorbei liefe. Dabei habe er nie die heraushängende linke Rocktasche und den offenen zweiten Knopf der Weste bemerkt.

Der junge Mann sah mich an und meinte: „Gestern war das noch nicht.“

Hans Franke, Gästeführer

Hinter diesen Details versteckt sich ein Symbolgehalt, wie Hans Franke berichtete. Die linke heraushängende Rocktasche symbolisiere Bachs ewigen Kampf mit der Stadt um das Geld für die Thomasschule. Die Geschichte hinter seinem offenen Knopf hängt mit dem Dirigieren und einer Notenrolle zusammen. Da damals der Dirigierstab noch nicht erfunden wurde, hat man mit der Notenrolle dirigiert und so auch Bach. Wenn dieser nicht am Dirigieren war, steckte er die Notenrolle in seine Weste und deshalb war der Knopf offen. Neben den Nachtwächterführungen und den Führungen durch das "unbekannte Leipzig" hat er unter anderem Führungen zu Sprichwörtern, Höfen und Passagen, berühmten Patienten und eine Biertour entwickelt. 

Moderatorin Helena Schmidt im Gespräch mit Hans Weking Franke über seine Führungen und darüber, was Leipzig als Stadt ausmacht:

mephisto 97.6 Moderatorin Helena Schmidt im Gespräch mit Hans Weking Franke alias Nachtwächter Bremme

Redaktion:

Sophie Rauch, Annika Sparenborg, Kaja Weber

1502 M19 Nachtwächter Bremme
 

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Sophie Rauch
15.02.2017 - 19:15
  Kultur

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