Obdachlosigkeit

Wenn Ungesehene sterben

Manchmal schenken wir ihnen unser Wechselgeld aus der Hosentasche, einen heißen Kaffee oder ein Brötchen. Meist enden unsere Gedanken, sobald unsere Füße uns weiter die Fußgängerzone hinuntertragen. Was passiert eigentlich, wenn Obdachlose sterben?
Gedenkstätte für einen verstorbenen Wohnungslosen in der Leipziger Innenstadt
Gedenkstätte für einen verstorbenen Wohnungslosen in der Leipziger Innenstadt

Sie leben am Rande der Gesellschaft und werden meist übersehen. Wohnunglsose. Menschen ohne Obdach.

Wo kaum einer bemerkt, wenn sie sterben

Pfarrer Martin Lösche sitzt gemütlich auf einer der weißen Holzbänke in der Nikolaikirche in Leipzig. Seine Hände sind vor seinem grauen Mittelalterhemd gefaltet. Für einen Moment scheint er zu vergessen, wo er sitzt. Er streicht sich über seinen grauen Bart, der ihn ein wenig wie Barbarossa aussehen lässt. Er lächelt. Dann poltert er los:

In der Schwarzstraße, Sonntagfrüh, besagte Georg-Schwarz Straße, gab es ein Geschäft. Ja, so in DDR Zeiten war das noch. Ne, ne quatsch! Das war schon nach der Wende. Otto hieß das kleine Geschäft. Da habe ich noch geraucht! Gehe dort vor das kleine Geschäft und wollte Zigaretten holen und da stand ein Polizeiwagen davor und zwei Gruppen von Menschen, Wohnungslose, also Kumpels und da in einem Hauseingang lag jemand und war zugedeckt und dann kam ich dazu.

Pfarrer Martin Lösche

Martin Lösche ist Pfarrer in der Gemeinde Leutzsch in Leipzig. Seine schweren Kirchentüren öffnet er für jeden. Sein Herz öffnet er besonders für diejenigen, für die die Gesellschaft meist nur das Kleingeldfach im Portemonnaie öffnet. Als Wohnungslos zählt jeder, der temporär oder dauerhaft, gewollt oder ungewollt über keinen festen Wohnsitz verfügt. Die Wohnungslosen sind vor allen Dingen in den Fußgängerzonen der Innenstädte präsent. So auch auf den Pflasterwegen in Leipzig. Das Land Sachsen erfasst seit 2008 von sich aus keine Anzahl der Obdachlosen mehr. Den letzten Angaben zufolge waren rund 1.182 Sachsen ohne Wohnung. Schätzungen zufolge ist die Zahl im Laufe der Jahre ein wenig angestiegen.

Wohnungslose in Leipzig finden bei Martin Lösche Schutz und einen Ort, an dem sie so genommen werden, wie sie sind. Er ist eben ihr Kumpel. An besagtem Abend in der Georg-Schwarz-Straße wurden Lösche und seine Kumpels schnell von neugierigen Menschen aus der Fußgängerzone umringt. Nach der Wende war das. 

Und da schimpften schon die Gutbürger, ja der hat sich zu Tode gesoffen, unsere Steuergelder. Da ging das Theater los und da bin ich dann spontan rein und habe da für die Obdachlosen fünf Flaschen Bier gekauft und habe die denen ganz offiziell gegeben. So und da können Sie sich ja die Blicke vorstellen. Und da kam dann der Arzt noch und siehe da, der hat sich nicht zu Tode gesoffen, der hatte einfach einen Herzstillstand.

Pfarrer Martin Lösche

Pfarrer Lösche engagiert sich ungesehen für die Ungesehenen. Mit seinen Worten schwingen viel Leidenschaft und ein Selbstverständnis für die gute Tat mit. Doch mit seinem Verständnis und Mitgefühl ist er nicht allein. Neben dem Mann mit der Mönchstonsur sitzt auf der weißen Holzbank Gerit Schleusener. Sie arbeitet in der Auffangstation Oase in Leipzig. Die Oase ist häufig eine der ersten Anlaufstellen für Menschn in Not und ergänzt das Angebot der vier Übernachtungshäuser in Leipzig. Frau Schleusener redet bedacht und ruhig über ihre Erfahrungen. Sie lächelt zögerlich und reflektiert ihre Sicht auf das Empfinden der Wohnunglosen.

Das zieht sich bei fast jedem durch, dass das so traurige Biographien sind. Sie sind sich selbst nichts wert und sie sind oftmals sehr dankbar, gewürdigt zu werden. Also jetzt wirklich als Mensch erkannt zu werden.

Als Mensch erkennt auch Christoph Köst die Wohnungslosen in Leipzig. Er leitet die Auffangstation Oase. In seiner Wohnung sitzt er in einem großen Sessel, versunken in einem großen Kissen. An seiner Wohnzimmerwand hängt ein Bibelpsalm. Langsam stellt er sein Glas mit Kirschsaft auf den Holztisch vor sich.

Also bei der aller, allerersten Beerdigung war das so ...

Martin Lösche, Gerit Schleusener und Christoph Köst sind nur drei von vielen Menschen, die ihre Arbeit den Wohnungslosen in Leipzig widmen. Sie empfangen sie mit offenen Armen und Herzen und haben ein einmaliges Verständnis für ihre Situation. Im Alltag kreuzen sich ihre Wege ... bis die Wohnungslosen eines Tages sterben.

"Wenn Ungesehene sterben" - Ein Hörspiel von Anna Hofer, Lisa Krömer und Sophie Richter:  

"Wenn Ungesehene sterben" - ein Hörspiel von Anna Hofer, Lisa Krömer und Sophie Richter
 

 

 

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