Trettmann im Institut fuer Zukunft

Wenn Tretti zum Tanz lädt

Trettmann ist der Künstler der Stunde. Wir waren bei seiner Live-Show im IfZ dabei, um herauszufinden, ob #DIY live genauso großartig ist, wie auf Platte. Zum Glück sind wir aus dem Club wieder rausgekommen, sonst wäre dieser Text nicht entstanden.
Einlass IFZ
Sowie beim normalen Clubbetrieb ist auch bei der Trettmann-Show strenges Fotoverbot angesagt.

Donnerstag, 21.00 Uhr. Die Schlange vorm Institut für Zukunft steht der eines freitäglichen Clubabends – inklusive fettem Techno-Line-Up – in nichts nach. Im Gegenteil: Vom Eingang bis weit hoch auf die Rampe warten die Trettmann-Fans geduldig darauf, am Türsteher vorbei und runter auf die Tanzfläche gelassen zu werden. Das Publikum gibt ein erfrischend durchmischtes Bild ab – kiffende Cloud-Rap-Fans im Teenageralter reihen sich neben adretten Studis und älteren Locals ein. Wenn Tretti dieser Tage zum Tanze lädt, kommen sie alle.

Do It Yourself!

#DIY. Do It Yourself. Das ist der Titel des Albums, das zurzeit jegliche Kritikerherzen höherschlagen lässt. Von Juice bis FAZ hagelt es Bestnoten. DIY ist auch der Grund, warum ich hier bin. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich das letzte Mal ein Album aus dem deutschen Hip-Hop-Kosmos so dermaßen in seinen Bann gezogen hat. Umso gespannter bin ich, wie das Ganze live funktionieren wird.

Go Your Own Way

Eine gute Stunde später ist der Laden bis oben hin vollgepackt. Die Crowd steht konzentrisch um die o-förmige Bühne herum. Viele Gesichter, wenig Hinterköpfe, das hat was. Showbeginn. Die Hintergrundbeschallung fährt runter, der Sound wird lauter und es ertönt „Go Your Own Way“ von Fleetwood Mac. Jahrgang '77. Kennen hier bestimmt nicht so viele, aber ist für mich das erste Highlight des Abends. DIY - der Name ist Programm. Joey Bargeld, Trettmanns Kompagnon und Supportact unisono wühlt sich durchs Publikum hindurch auf die Bühne. Bargeld brüllt über die luftigen Beats hinweg ins Mic und rüttelt die Crowd langsam wach. Die Playbackstimme von Everybody’s Darling Hayiti bringt die notwendige Unterstützung, als Bargeld seine letzte Nummer „Zeitboy“ anstimmt. Eigentlich schade, dass Hayiti heute keine Zeit hat.

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Friede dem Wellblech, Krieg den Palästen

Bargeld tritt ab und der heiß erwartete Hauptprotagonist des Abends steppt hinein ins Zentrum des Geschehens. Trettmann ist am Start! In Adidas-Tshirt (mindestens Größe 5fach XL), obligatorischer weißer Cap und ja, natürlich trägt der 44-Jährige seine Sunglasses im Club. Aber genug des Oberflächlichen. Nach dem Intro stehen wir endlich alle knöcheltief in den West Indies. Die Party geht los und das Publikum ist direkt gehooked. Trettis langsame Flows erlauben den Fans, die Endreime voller Inbrunst mitzubrüllen. Der synthetisch-minimalistische Sound der Kitschkrieg-Produktionen fügt sich dabei glänzend in die Raumakustik von Trakt I, dem größten Dancefloor des IfZ, ein. Der Sound ist vorne wie hinten, oben wie unten, angenehm gleichwertig ausgesteuert.

Gib mir einen Song, den ich fühlen kann

Trettmann macht seit über einem Jahrzehnt Mukke. Er hat Dancehall höchstpersönlich von Jamaika nach Deutschland geholt und dem Sound seinen eigenen Anstrich verpasst. Daher ist es irgendwie erstaunlich, dass die Setlist des heutigen Abends fast ausschließlich aus Tracks besteht, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind. Neben #DIY sind diese auf den drei Kitschkrieg EPs und dem Kollabo-Album mit Megaloh zu finden. Das tut dem Konzert aber nicht den geringsten Abbruch. Die Crowd ist hier, um den neuen Trettmann zu hören. Und der kündigt jetzt an, dass die nächste Nummer ihm besonders am Herzen liegt: Billie Holiday. In dem gleichermaßen lebensbejahenden wie melancholischen Song besingt der Künstler die Annahme der eigenen Rastlosigkeit. Großer Song. Große Performance. So herzzerreißend und ehrlich, dass Tretti anschließend mit einem Blumenstrauß aus dem Publikum beschenkt wird.   

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Meine leise Hoffnung, dass sich der ein oder andere Gast-Rapper zu Trettis Leipziger Heimspiel die Ehre gibt, wird leider enttäuscht. Die Parts der Feature-Gäste laufen einfach vom Plattenteller ab, werden aber deshalb nicht minder abgefeiert. Gottseidank springt Trettmann beim gleichnamigen Song im Quadrat umher und performed die Parts von Bonez und RAF mit der Crowd gemeinsam.

Ich komm' aus dem Club nich' raus, nich' in 120 Jahren

Irgendwann stößt Joey Bargeld wieder dazu und die beiden rotieren gemeinsam den Bühnenrand entlang. Auf „Nur noch einen“ sind Tretti, Bargeld und Hayiti auf einem Beat vereint und liefern den energetischen Höhepunkt des Abends. Das Publikum bringt sich zur Dancehall-Version einer Wall of Death in Position und geht aufeinander los - Peaktime auf der Tanzfläche. Zum Ende stellt sich bloß noch die Frage, ob wir heute Nacht aus dem Club überhaupt noch rauskommen werden. Leider muss ich diese Frage mit „Ja“ beantworten. Ich hoffe, dass Tretti sein Oeuvre auf diesem Level in Zukunft weiterausbauen wird und wir bei der nächsten Show den 120 Jahren wieder etwas näherkommen.     

 

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